Johann will mehr Muskelkraft. Zwar trainiert er regelmäßig zu Hause – macht Liegestützen und Sit-ups, ist Teil einer Breakdance-Gruppe und bewegt sich auch sonst viel draußen. Aber an den Oberarmen, so sagt der knapp 13-Jährige, dürften es schon ein bisschen mehr Muckis sein. Proteine, so hat der Schüler gehört, können den Muskelaufbau unterstützen. Also greift Johann nach dem Training jetzt zu Powerriegeln. Die gibt es nicht mehr nur im Fitnessstudio, sondern auch schon im Supermarkt – so wie viele andere Lebensmittel, die laut Hersteller mit Protein angereichert werden.
Der Extra-Protein-Kick ist ein Trend, der sich seit einigen Jahren hält – und immer mehr Jüngere erfasst: Das bestätigt auch der Kindergastroenterologe Axel Enninger. Der Ärztliche Direktor der Allgemeinen und Speziellen Pädiatrie am Olgahospital des Klinikums Stuttgart hat in seiner Sprechstunde immer wieder Jugendliche in Johanns Alter, die sich zum Thema proteinreiche Ernährung aufklären lassen wollen.
„Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen, wenn Jugendliche Sport machen und sich gesund ernähren wollen.“ Dabei spielen Proteine eine wichtige Rolle – ebenso Kohlenhydrate, Vitamine, gesunde Fette und Ballaststoffe. Es sei eben so wie mit allem was die Ernährung betrifft: „Es darf nicht zu einseitig werden.“
Proteine braucht es nicht nur für die Muskelkraft
Wichtig ist, zu verstehen, was der menschliche Körper braucht: Die ehemalige Leistungssportlerin Anja Carlsohn etwa beschäftigt sich seit Jahren mit Sporternährung – erst, weil die ehemalige Marathonläuferin und Bergläuferin der Nationalmannschaft ihren Körper fit halten wollte. Mittlerweile forscht Carlsohn in diesem Fachbereich als Professorin für Ernährungswissenschaft an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. „Proteine versorgen uns mit den Aminosäuren, die der Körper nicht nur für den Muskelaufbau braucht, sondern auch für Wachstum oder Stoffwechselvorgänge sowie für Instandhaltung und Reparatur“, sagt Carlsohn.
Weil der Körper nicht alle wichtigen Aminosäuren selbst herstellen kann , braucht es eine Proteinzufuhr über die Nahrung – und zwar je nach Alter, Gewicht und Größe unterschiedlich viel. „Allerdings benötigen selbst Spitzensportler bei weitem nicht so viel wie allgemein angenommen“, sagt Carlsohn. Hier liegen die Werte bei zwischen 1,2 und 1,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht. Bei einem Durchschnittsbürger sind es etwa 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilo, bei Jugendlichen ist es mit 0,9 Gramm Eiweiß pro Kilo etwas mehr, bei Kindern bis zu einem Jahr sind es wachstumsbedingt etwa 1,3 Gramm Eiweiß pro Kilo.
Jugendliche essen viel mehr Proteine als sie brauchen
Gerade Kinder und Jugendliche hierzulande sind sehr gut mit Proteinen versorgt: Das Bundeszentrum für Ernährung stellte im Jahr 2018 in der bislang letzten „Nationalen Verzehrstudie II“ fest, dass Heranwachsende mehr Eiweiß aufnehmen, als wissenschaftlich empfohlen wird. Damals standen die ersten High-Protein-Produkte im Supermarkt.
Inzwischen wandern sie immer häufiger in den Einkaufskorb: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gaben im Jahr 2022 rund 42 Prozent der Befragten in Deutschland an, Protein-Joghurt häufig bis sehr häufig zu kaufen. Die zweitbeliebteste Produktkategorie waren Protein-Desserts.
Auch Johann hat sich von der Werbung für diese Süßspeisen anfixen lassen. Neuerdings lagern im Kühlschrank mehrere Becher des High-Protein-Schokopuddings von Ehrmann. Ich finde den lecker, sagt Johann. „Außerdem denke ich, dass ich dann nicht nur was Süßes esse, sondern gleichzeitig auch was für mich und meinen Körper tue.“
Gesunde Mischkost ist besser als Protein-Riegel
Enninger weist in seinen Sprechstunden mit fitnessbegeisterten Teenagern darauf hin, dass Magerquark und Frischkäse ausreichen, um den Muskelaufbau mittels Proteinen zu fördern. Auch Anja Carlsohn, die Expertin für Sporternährung, rät zu einer gesunden Mischkost – in der bestenfalls Proteine aus Pflanzen wie auch tierischen Ursprungs kombiniert werden. „Milch- und Vollkornprodukte wie Vollkornbrot mit Käse, ein kleiner Becher Joghurt, eine Portion Linsen und ein Stück Fisch – damit kann man gut seinen Proteinbedarf decken.“
Noch nicht gut erforscht ist die Frage, welche Folgen eine zu proteinreiche Ernährung haben kann: Vor zehn Jahren mahnten Forscher vom Haunerschen Kinderspital der LMU München, bei der frühkindlichen Ernährung den Eiweißgehalt niedrig zu halten. Eine Studie zeigte, dass Kinder, deren Säuglingsnahrung einen höheren Proteingehalt hatte, mit sechs Jahren einen deutlich höheren Body-Mass-Index aufwiesen. Nun ist bekannt, dass dieser Effekt sich verändert, je älter die Kinder werden: „Im Jugendalter kurbeln Proteine eher das Größenwachstum an“, sagt der Ernährungswissenschaftler Thomas Remer von der Universität Bonn.
Proteine lässt Mädchen größer werden
Im Rahmen der Donald-Studie, die Kinder und Jugendliche in Nordrhein-Westfalen vom dritten bis zum 17. Lebensjahr begleitet, konnten Remer und seine Forscherkollegen feststellen, dass eine erhöhte Proteinzufuhr bei Mädchen einen Zuwachs an Körpergröße auslöst – und zwar um ca. einen Zentimeter, wenn sie durchschnittlich mehr als sieben Gramm zusätzlich zu der empfohlenen Tagesdosis zu sich genommen hatten. Bei Jungen und jungen Männern dagegen fand sich dieser Effekt nicht. „Möglicherweise lag das daran, dass wir keine genauen Daten zu den jeweiligen ebenfalls wachstumswirksamen Testosteronkonzentrationen hatten.“
Körperlich bedenkliche Schäden waren nicht zu beobachten. „Es heißt zwar, dass zu viel Proteine die Nieren schädigen“, sagt Remer. „Aber das ist wissenschaftlich bislang nicht belegt.“ Vielmehr gebe es Hinweise, dass sich die Niere an die höhere Eiweißmenge anpasse. „Voraussetzung ist aber, dass Kinder und Jugendliche sich auch sonst gesund ernähren.“ Der Bonner Professor rät, zusätzlich zu Protein auch auf eine ausreichende Zufuhr von Obst und Gemüse zu achten. Dann trete auch ein weiterer positiver Effekt zutage: Nämlich, dass die Knochen der Kinder stärker werden.
Eiweißshakes können verunreinigt sein
Entsprechend können Eltern dem Hype um das Protein ihrer Sprösslinge recht gelassen beobachten – zumindest aus medizinischer Sicht. Verbraucherschützer jedoch verfolgen mit gewisser Besorgnis, wie und mit welchen Mitteln Hersteller mit „High-Protein“-Produkten versuchen, den Markt zu erobern: „Hier geht es schlicht ums Geld“, sagt Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.
Rechtlich gesehen darf ein Produkt nur dann als „Proteinquelle“ beworben werden, wenn mindestens zwölf Prozent der Energie aus Eiweiß stammen – und als „proteinreich“ bei mindestens 20 Prozent der Energie. Sabine Holzäpfel rät daher, beim Einkaufen stets auf die Inhaltsstoffe zu achten. Spezielle Eiweißpulver oder Riegel sind häufig mit Süßungsmitteln, Zusatzstoffen oder Aromen angereichert, die gesundheitlich nicht unbedenklich seien. Präparate aus dem Internet können zudem mit Schwermetallen verunreinigt sein, fügt der Stuttgarter Kinderarzt Enninger hinzu.
Protein-Lebensmittel enthalten oft nicht mehr Eiweiß
Aber auch bei normalen Lebensmitteln, die mit High-Protein gekennzeichnet sind, lohnt der Blick auf die Nährwerttabelle: „Nicht selten werden Produkte wie Quark, Käse oder Joghurt als proteinreich beworben, obwohl sie von Natur aus eine gute Eiweißquelle sind.“ Gleichzeitig wird die Verpackung auffällig schwarz gestaltet. Das beeinflusst die Wahrnehmung und regt Verbraucher zum Kauf an – selbst wenn der Preis teilweise höher angesetzt ist, als bei einem vergleichbaren Produkt das nicht als eiweißreich beworben wird, gleichzeitig aber in etwa dieselbe Menge Protein enthält.
Diese Marketingstrategie treibt teils seltsame Blüten: Etwa bei der Marke Leerdammer, die eine eigene Protein-Produktlinie herausgebracht hat. Laut Nährwerttabelle enthalten 100 Gramm von diesem Käse 29,5 Gramm Protein. Zum Vergleich: Beim Original-Leerdammer sind es 26 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm. Tatsächlich ist aber der Protein-Leerdammer teurer. Das hat aber mit dem Proteingehalt nichts zu tun, so Holzäpfel: „Den höheren Preis rechtfertigt das Unternehmen damit, dass der Käse in feinere Scheiben geschnitten wurde, was die Produktion aufwendiger gestalte.“
Für Käse interessiert sich Johann indes herzlich wenig. Die High-Protein-Welle scheint bei ihm aber am Abklingen zu sein. Sein Verbrauch an Proteinriegeln ist gesunken – obwohl er sich weiterhin mehr Muskeln antrainieren möchte: Aber das müsse auch ohne Eiweißriegel gehen, sagt er. Denn die sind auf Dauer ganz schön teuer.