Erschreckende Studie Die Quaggamuschel holt sich den kompletten Bodensee
Wie ein Krebsgeschwür breitet sich die invasive Muschel auf dem Grund des Bodensees aus. Eine Studie stellt jetzt klar: „Wir werden sie nicht mehr los.“
Wie ein Krebsgeschwür breitet sich die invasive Muschel auf dem Grund des Bodensees aus. Eine Studie stellt jetzt klar: „Wir werden sie nicht mehr los.“
Sieben Jahre nach dem ersten Fund einer Quaggamuschel im Überlinger See vor dem Konstanzer Stadtteil Wallhausen ist der Bodensee nicht mehr vor der invasiven Art zu retten. Die Muschel werde innerhalb weniger Jahre zur vorherrschenden Lebensform im See werden, lautet die niederschmetternde Prognose von Forschern des Schweizer Wasserforschungsinstituts Eawag, der Universitäten Genf und Konstanz sowie weiterer Institute. Schon jetzt finde man kaum einen Quadratmeter Seeboden mehr ohne Muschelbesatz, sagte der Schweizer Biologe und Quaggamuschelspezialist Piet Spaak unserer Zeitung.
Dies werde sich in den kommenden Jahren noch deutlich verschlimmern. Die Biomasse im See werde innerhalb von zehn bis 20 Jahren um das Neun- bis 20-Fache zunehmen, heißt es in einer gemeinsamen Publikation der Institute. Dies geschehe vor allem durch das weitere Vordringen der Muschel in tiefere Bereiche, wo es keine Fressfeinde gibt. „Das ist leider eine schlechte Nachricht für die tiefen Voralpenseen, die von der Quaggamuschel bereits betroffen sind“, sagte Spaak. Neben dem 250 Meter tiefen Bodensee sind auch der Genfer See und der Bielersee bereits befallen.
Der erschreckende Blick in die Zukunft gelang den Forschern durch eine vergleichende Studie mit den Großen Seen in Nordamerika. Dort wurde die ursprünglich in der Schwarzmeerregion beheimatete Quaggamuschel bereits 20 Jahre früher eingeschleppt – offenbar durch abgelassenes Ballastwasser von Handelsschiffen. Im Lake Michigan – einem See so groß wie die ganze Schweiz – und den Nachbargewässern bestehe die vorhandene Biomasse heute zu 80 bis 90 Prozent aus Quagga.
„Wir gehen davon aus, dass die Ausbreitung der Quaggamuschel in den Voralpenseen genauso schnell vonstattengehen wird“, sagte der Studienautor Benjamin Kraemer von der Universität Konstanz. Die Ausbreitungsmuster stimmten überein. Der Lake Michigan ist den hiesigen Seen schon zehnfach voraus. Doch auch im Bodensee haben die Forscher schon 27 000 Exemplare auf einem einzigen Quadratmeter gefunden, im Genfer See sogar 31 000.
Für das Ökosystem des Bodensees erwarten die Forscher dadurch große Veränderungen. So werde sich das Algenwachstum von der Freiwasserzone in den Flachwasserbereich verlagern. „Diese Produktivitätsverschiebung könnte auch das Nahrungsangebot für Fischarten im offenen Wasser verringern“, erklärte Dietmar Straile vom Konstanzer Limnologischen Institut. Dies betrifft vor allem die bereits unter Druck stehenden Bodenseefelchen.
Im Gegenzug profitierten Fische im Uferbereich, „insbesondere diejenigen, die Quaggamuscheln fressen“. Der verstärkte Eintrag von Nährstoffen in den See, wie dies Fischer immer wieder fordern, werde dem Felchen nicht helfen, sagte Spaak. „Da freut sich dann die Quaggamuschel.“
Während scharfkantige Muscheln schon jetzt die Badefreuden trüben, ist eine Verschlechterung der Wasserqualität nicht zu erwarten. „Die Quaggamuschel ist nicht giftig“, sagte Spaak. Das Wasser werde sogar klarer. Die Bodenseewasserversorgung in Sipplingen stehe gleichwohl vor einem „Riesenproblem“, sagte Spaak. Um das Leitungsnetz muschelfrei zu halten, müssten viele Millionen Euro investiert werden.
Die weitere Entwicklung hänge davon ab, wie die Quaggamuschel mit dem Klimawandel zurechtkomme. Eine Bekämpfung mittels Gentechnik sei zwar nicht undenkbar, auf absehbare Zeit bleibe es aber wohl nur eine theoretische Möglichkeit. Jetzt gehe es um die Rettung der anderen Seen im Alpenraum. „Die Bootsreinigung muss überall zur Pflicht werden“, forderte Spaak. „Der Bodensee darf nicht zur Quelle werden.“
Ausbreitung
Die Quaggamuschel (Dreissena rostriformis) breitet sich seit fast zehn Jahren in deutschen und Schweizer Gewässern aus. Sie stammt ursprünglich aus dem Schwarzmeerraum – dort lebt sie vor allem in den Zuflüssen – und ist mittlerweile in großen Teilen Europas und Nordamerikas verbreitet. Gefunden wurde sie bisher im Genfersee, Bodensee, Neuenburgersee, Bielersee, Lac Hongrin und im Murtensee. Sie findet selbst an sandigen Böden Halt.
Erfolg
Anders als entlang der Flachwasserzonen in der ursprünglichen Heimat der Muschel, wird sie in den tiefen Seen des Alpenvorraums nur in relativ kleiner Zahl von Wasservögeln und Fischen, unter anderem dem Rotauge, gefressen. Sie andere Weichtiere und auch Großmuscheln überwachsen. Dies, zusammen mit ihren hervorragenden Fähigkeiten, sich zu verbreiten, sich fortzupflanzen und eine breite ökologische Nische einzunehmen, macht sie vor allem in den tiefen Seen der Schweiz, Deutschlands, Österreichs, Frankreichs und Italiens zu einer erfolgreichen invasiven Art.
Größe
Die Quaggamuschel gehört zur Familie der Dreikantmuscheln. Sie ist scharfkantig und ziemlich klein, die meisten Exemplare sind bei der Schalenlänge etwa so groß wie eine Zwei-Cent-Münze. Es gibt dunkle, gestreifte, aber auch weiße Exemplare. Sie filtert Plankton aus dem Wasser, dass dann für Fische nicht zur Verfügung stellt.