Wolfgang Kersten zieht einen kleinen Gegenstand aus seiner Hosentasche. „Das ist das Werkzeug, wenn ihr kein Handy mehr habt, wenn ihr kein Netz habt“, sagt er. Es ist eine Trillerpfeife. Sie kann lebensrettend sein, wenn jemand irgendwo in der Natur liegt und Hilfe braucht – denn regelmäßiges Pfeifen ist durchdringender und weniger anstrengend als Rufen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die am Samstag den Kurs Outdoor-Erste-Hilfe der Esslinger Johanniter im Nassachtal absolviert haben, werden dieses Utensil wahrscheinlich zukünftig nicht mehr vergessen, und auch darüber hinaus nehmen sie einige einprägsame Erkenntnisse mit.
Die Gruppe trifft sich am Wanderparkplatz, um im Gelände zu üben. Das Angebot ist neu bei den Johannitern und in der Region. Ähnliche Kurse gab es bisher nur im Schwarzwald oder im Allgäu. Das hat unter anderem Katharina Schemmel festgestellt, die in Esslingen wohnt und seit vergangenen Herbst nach einem solchen Training Ausschau gehalten hatte. Aber der Bedarf ist offenbar groß: Mit rund 15 Teilnehmenden sei die Premiere eigentlich schon „überbucht“, stellt Kursleiter Wolfgang Kersten fest. Auch die geplanten Folgeveranstaltungen seien komplett belegt. Outdoor-Aktivitäten liegen, durch die Corona-Pandemie noch verstärkt, im Trend, und Unfälle kommen immer wieder vor. Damit haben auch einige der Versammelten schon Erfahrung gemacht, sei es beim Mountainbiken oder Wandern.
Immer zwei Paar Schnürsenkel dabei
Die Gruppe hat durchgesprochen, was neben der Trillerpfeife noch alles in den Outdoor-Rucksack gehört: unter anderem ein Erste-Hilfe-Set, Wasser, Proviant, Taschenmesser, Stirnlampe oder auch Schnürsenkel, von denen Wolfgang Kersten immer zwei Paar dabei hat: „Damit kann ich was zusammenbinden, damit kann ich eine Sohle befestigen oder auch mal was schienen.“
Geschient wird dann auch gleich bei einem der Fallbeispiele, die im Wald warten. Ünal Keresteci, hauptamtlich bei den Johannitern beschäftigt, hat seine Familie dabei: Seine Frau und die Kinder Berna und Max mimen Verletzte und bringen mit ihren Hilferufen und schmerzverzerrten Gesichtern die Gruppe ziemlich auf Trab. Wolfgang Kersten lässt die Teilnehmer handeln und spricht anschließend jede Situation mit ihnen durch: was gut und was weniger gut war, vom Absetzen des Notrufs über die Ansprache des Verletzten bis zur medizinischen Versorgung. Bei einer Verletzung an der Pulsader geht es ihm zu langsam: „Exitus“, merkt er schließlich trocken an. Aber auch bei weniger tragischen Fällen zeichnet sich ab: Einer oder eine muss das Kommando übernehmen und „managen“. Das klappt schließlich beim vierten inszenierten Notfall ganz gut.
Im Gelände ist einiges anders als in einem Trainingsraum. Da liegt eine offenbar gestürzte Person lang gestreckt mit dem Kopf nach oben an einem steilen Hang. Die Teilnehmer versorgen sie, aber keiner hätte sie umgedreht und quer zum Hang gelegt. Das müsse man machen, um einen ähnlichen Effekt wie beim lebensgefährlichen „Hängetrauma“ im Seil zu vermeiden, erklärt Kersten. Dabei fließt das Blut nicht mehr zurück zum Herz. Von der verbreiteten Annahme, Verletzte sollten vorsichtshalber möglichst nicht bewegt werden, sollte man sich dagegen verabschieden, sagt der Trainer. Das sei überholt: „Bewegt die Person so, wie sie liegen muss.“
An einer anderen Stelle wird ein gebrochenes Bein geschient, wobei herumliegende Äste zum Einsatz kommen. Zur Fixierung können die erwähnten Schnürsenkel dienen oder auch ein Dreiecktuch. „Das ist das Schweizer Taschenmesser des Verbandskastens“, lernen die Teilnehmer. Zu einem Ring geschlungen dient das Tuch auch zum Tragen von Verletzten im Sitzen. Und später wird es zusammen mit einer Kompresse zum Kopfverband bei Max‘ nächster Verletzung.
Notruffunktion vom Smartphone testen
Auch das fehlende Mobilfunknetz kommt noch einmal ausführlich zur Sprache. In so einem Fall kann es helfen, das Handy auszuschalten oder zumindest den Ausschaltknopf zu drücken. Dann fragen viele Smartphones, ob man einen Notruf absetzen möchte, und suchen, falls man das bestätigt, nach irgendeinem verfügbaren Mobilfunknetz. Manche Handys haben auch eine direkt verfügbare Notruffunktion. Es lohnt sich jedenfalls, die Möglichkeiten, die das eigene Gerät anbietet, herauszufinden.
Der Wald zeigt sich heute nicht von seiner angenehmsten Seite. Doch trotz der kühlen Temperaturen vergeht die Zeit schnell. Das sei „mit Abstand der kurzweiligste Erste-Hilfe-Kurs, den ich je gemacht habe“, sagt die Teilnehmerin Monika Hornek am Schluss.
Weitere Kurse sind geplant
Kurs
Der Outdoor-Erste-Hilfe-Kurs wird von den Johannitern Esslingen angeboten. Zwei Termine im Juni sind schon ausgebucht, es werden aber weitere angeboten. Informationen dazu findet man unter www.johanniter.de/outdoor-esslingen oder unter der Telefonnummer 07 11/ 93 78 78-70.
Ergänzung
Der Kurs ist eine Ergänzung zum gewöhnlichen Erste-Hilfe-Kurs, wie er für den Führerschein oder den Übungsleiterschein gemacht werden muss. Er kann diesen nicht ersetzen, weil bestimmte Lehrinhalte wie die Herz-Lungen-Wiederbelebung fehlen. Stattdessen geht er auf die besonderen Gegebenheiten in der Natur ein.