Ein wenig erinnert der neu eröffnete Laden Kleinblatt im Stuttgarter Westen an eine professionelle Cannabiszucht. Da stehen mehrere schwarze, mannshohe Zelte, innendrin werden die Pflanzen von rosafarbenen LED-Leuchten angestrahlt. Doch in den Zuchtzelten wachsen keine Hanfpflanzen, sondern Keimlinge: Alfalfa, Rotkohl, Erbse, Kresse, Amaranth, Karotte – insgesamt 25 verschiedene Sorten. Und die kann seit dieser Woche jeder kaufen.
Bisher hatte das von zwei Hohenheimer Studenten gegründete Start-up Kleinblatt nur Stuttgarter Gastronomen mit Keimlingen versorgt, etwa als Topping für ein edles Gericht. Derzeit beliefern sie knapp 30 Lokale in Stuttgart; darunter die Speisemeisterei, das Wirtshaus Garbe oder die Wielandshöhe.
Sie könnten noch viel mehr anbauen
Mit dem Laden an der Silberburgstraße, den sie durch eine Förderung des städtischen Klima-Innovationsfonds finanzieren, gehen sie nun in die Öffentlichkeit. „Viele Menschen kennen nur Kresse oder vielleicht Radieschensprossen“, sagt Mauricio Ojeda (29), der Co-Gründer. „Aber fast jede Pflanze kann auch als Keimling gegessen werden.“
In Stuttgart ist Kleinblatt die erste Vertical Farm, also eine Anlage, in der Pflanzen in Innenräumen übereinander in mehreren Etagen wachsen. Perspektivisch könnten sie mit ihrem Keimlingen „halb Stuttgart versorgen“, glaubt der Gründer Jedrzej Cichocki (26). Denn sie haben noch Kellerräume und könnten weiter in die Höhe expandieren.
Zurzeit experimentieren sie mit Pilzen
Kennengelernt haben sich die Gründer 2017. Damals begannen beide ihr Studium in Hohenheim, „bei der ersten Führung übers Gelände lernten wir uns kennen“, berichtet Mauricio Ojeda. Vor zwei Jahren gründeten sie dann Kleinblatt. Zunächst züchteten sie die Keimlinge in einem kleinen Zimmer, dann in einem Keller. Bis zuletzt reichte ihnen das aus – denn eine der Besonderheiten an dem Konzept Vertical Farming ist die extrem platzsparende Anbauweise.
Neben dem Anbau der Minipflanzen experimentiert das Team von Kleinblatt derzeit damit, aus Abfällen von Keimlingen Gourmetpilze zu züchten. „Pilze können eine gute Alternative zu Schnitzel sein“, findet Jedrzej Cichocki. Salat oder Tomaten wird es vorerst jedoch nicht bei ihnen geben.
Die beiden Gründer betonen, dass sie sich als Technologiefirma verstehen, in der die gesamte Wertschöpfung geschehe. So haben sie alle Bewässerungsanlagen mit einem 3-D-Drucker selbst entwickelt. Das Wasser fließt von der Rückwand der Zuchtzelte auf die Pflanzen, danach in einen Wassertank, wird dort aufbereitet und erneut genutzt.
Keine Biozertifizierung – aber alles bio
Weil die Keimlinge streng kontrolliert in den Zuchtzelten wachsen, braucht es keine Pestizide. Sie werden auf einem Biosubstrat gezüchtet. Auch das Saatgut ist biologisch. Eine Biozertifizierung hat das Start-up dennoch noch keine, bisher fehle ihnen das Geld dafür, sagt Jedrzej Cichocki.
Übrigens gibt es neben den Produkten, die dort produziert und verkauft werden, noch einen entscheidenden Unterschied zu einer Cannabiszucht: Für den Anbau von Hanfpflanzen braucht es ein ausgeklügeltes System mit Lampen und Filtern, weshalb der Stromverbrauch immens hoch ist. Da sind Keimlinge weniger anspruchsvoll.