Eskalation in Nahost Auf was Anleger sich jetzt gefasst machen müssen
Bei einer weiteren Zuspitzung der Lage dürfte es mit der Ruhe an den Finanzmärkten endgültig vorbei sein. Welche Szenarien drohen.
Bei einer weiteren Zuspitzung der Lage dürfte es mit der Ruhe an den Finanzmärkten endgültig vorbei sein. Welche Szenarien drohen.
Nachdem Investoren geopolitische Krisenherde monatelang ausblendeten und die Börsen von Rekord zu Rekord trieben, könnte nach dem Luftangriff des Iran auf Israel ein Umdenken einsetzen. Bislang reagierten Anleger auf die brenzlige Lage im Nahen Osten recht gelassen, doch die jüngste Eskalation lieferte einen Vorgeschmack darauf, was bei einer weiteren Verschärfung des Konflikts drohen könnte.
„Für die Kapitalmärkte bedeuten die Ereignisse des Wochenendes kurzfristig eine erneute Phase erhöhter Unsicherheit“, erklärt Jan Holthusen, Bereichsleiter Research der DZ Bank. Profitieren dürften seiner Einschätzung nach als sicher eingeschätzte Anlagen wie die ohnehin schon boomende Krisenwährung Gold. Auch der US-Dollar sollte wie häufig bei zunehmenden geopolitischen Unsicherheiten Rückenwind bekommen.
Der Goldpreis ist angesichts der angespannten Lage in Krisenregionen wie Gaza oder der Ukraine schon länger im Höhenflug, am Freitag erst war der Preis für eine Feinunze (etwa 31,1 Gramm) auf über 2400 US-Dollar (2255 Euro) geklettert und hatte damit einen neuen Höchststand erreicht. Zum Wochenauftakt kratzte das gelbe Edelmetall zeitweise erneut am Allzeithoch, in den vergangenen zwölf Monaten hat es sich bereits um fast 20 Prozent verteuert.
Besondere Bedeutung kommt mit Blick auf die brisante Situation zwischen Iran und Israel dem Rohöl zu – wegen seiner entscheidenden Rolle als Schmiermittel der Weltwirtschaft wird der Rohstoff und Energieträger häufig als schwarzes Gold bezeichnet. Verteuert sich Öl deutlich, – wie es bereits im Vorfeld des Angriffs vom Wochenende der Fall war –, kann dies wie eine Konjunkturbremse wirken. Höhere Energiekosten belasten sowohl Firmen als auch private Haushalte – und damit das Wirtschaftswachstum.
Zugleich ist der Einfluss auf die Geldpolitik von US-Notenbank Fed und Europäischer Zentralbank (EZB) laut Fachleuten nicht zu unterschätzen. „Steigende Ölpreise und der damit verbundene teurere Gang an die Zapfsäule färben unmittelbar auf die Inflationsrate ab“, warnt Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank. Der Irankonflikt mische die Karten mit Blick auf die an den Börsen erwartete Lockerung der Geldpolitik deshalb neu: „Ob die EZB im Juni die Zinsen tatsächlich senkt, ist fraglich geworden.“
An den Aktienbörsen ist die Hoffnung auf niedrigere Zinsen ein zentraler Treiber der Rekordjagd der vergangenen Monate. Durch billigeres Zentralbankgeld erhöht sich in der Regel die Liquidität an den Finanzmärkten, Kredite werden günstiger, das kann die Konjunktur anschieben und die Aktienkurse steigen lassen. Allerdings hat die Rallye zuletzt bereits einen Dämpfer erhalten.
Denn die US-Notenbank Fed kommt beim Kampf gegen die Inflation ohnehin schon nicht mehr wie erhofft voran. Nachdem die Teuerung monatelang deutlich nachließ, nimmt der Preisauftrieb seit Jahresbeginn wieder Fahrt auf. Leitzinssenkungen, die Investoren eigentlich spätestens im Sommer fest einkalkuliert hatten, werden dadurch wieder zunehmend ungewiss. Steigende Ölpreise könnten dies noch verstärken.
US-Aktien gingen angesichts der bevorstehenden Eskalation zwischen dem Iran und Israel bereits vor dem Wochenende in Deckung. Der Leitindex S&P 500 gab am Freitag – zusätzlich belastet durch schwache US-Bankbilanzen – um 1,5 Prozent nach. Am Samstag, als der Iran zum Gegenschlag auf den Luftangriff Israels auf sein Konsulat im syrischen Damaskus ausholte, und nach Angaben des israelischen Militärs mehr als 300 Drohnen und Raketen abfeuerte, waren die Börsen weitgehend geschlossen. Da der Großteil der Attacke offenbar von Israel abgefangen wurde, standen die Zeichen an den Märkten zunächst wieder auf Beruhigung.
Einen Eindruck, auf was sich Anleger bei einer weiteren Zuspitzung oder Anzeichen eines drohenden Flächenbrands in Nahost gefasst machen müssen, gab es indes bereits am Kryptomarkt, wo anders als an den Aktien- und Anleihebörsen auch am Wochenende durchgehend gehandelt wird.
Die größte und älteste Kryptowährung Bitcoin stürzte von Freitag bis Sonntag zeitweise um rund zehntausend Dollar ab, von knapp 71 000 auf knapp 61 000 Dollar (57 300 Euro). Nachdem es schien, als halte sich Israel mit einem Vergeltungsschlag vorerst zurück, erholte sich der Kurs wieder. Kryptoanlagen gelten als hochspekulativ und sind ohnehin nichts für schwache Nerven, sie taugen aber trotzdem als Stimmungsindikator.
„Wir befinden uns in einer äußerst heiklen Situation, von der niemand vorhersagen kann, wie sie sich entwickeln wird“, sagt Experte Bastian Galuschka vom Finanzportal Stock3.com. „Im besten Fall eskaliert die Lage im Nahen Osten nicht weiter, und die Börsen haken das Thema schnell ab.“ Andernfalls dürften die Investoren jedoch weiter in die Defensive gehen – es hänge ein Damoklesschwert über den Finanzmärkten.
„Für die Börsen könnte eine andauernde Eskalation im Nahen Osten Anlass für eine Korrektur der Kursgewinne der letzten Monate sein“, warnt auch DZ-Bank-Analyst Holthusen. Wie stark diese ausfallen werde, hänge von der politischen Entwicklung ab.