Esslingen Das Wahrzeichen verwahrlost langsam

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Vermutlich wird es in Esslingen nie wieder ein Restaurant namens Dicker Turm geben. Aufgrund der Bauvorschriften verabschiedet sich die Stadt von der Idee, dort wieder ein Lokal unterzubringen.

Für den mittelalterlichen Turm ist derzeit keine Nutzung in Sicht. Foto: Horst Rudel
Für den mittelalterlichen Turm ist derzeit keine Nutzung in Sicht. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Die Nürnberger Burg wollten die Architekten nachbauen, als sie zu Kaiser Wilhelms Zeiten den Dicken Turm in Esslingen mit Fachwerk bekrönten. Sie schufen damit nicht nur ein Wahrzeichen für die Stadt, sondern auch eine Adresse, die für gutes Essen und einen phänomenalen Blick über die Stadt stand.

Davon ist nur noch der phänomenale Blick geblieben. Nachdem der letzte Pächter im Jahr 2012 aufgegeben hatte, steht der Dicke Turm leer und wie jedes Baudenkmal, das leer steht, verwahrlost er langsam. Bertram Schiebel, der Finanzbürgermeister der Stadt Esslingen, hat in den letzten Monaten händeringend nach einem Nachfolger gesucht. Doch diese Suche hat er mittlerweile als nahezu aussichtslos aufgegeben. Es findet sich selbst dann kein Pächter, wenn die Stadt komplett auf die Pacht verzichtet.

Denn die Stadt hat folgende Rechnung aufgemacht: Den Dicken Turm so zu renovieren, dass er dem neuesten Stand der Landesbauordnung entspricht, würde mindestens drei Millionen Euro kosten, wahrscheinlich aber vier Millionen Euro. Darin eingeschlossen sind ein Aufzug, damit die Gäste barrierefrei zu den Speiseräumen gelangen können, und ein zweiter Fluchtweg, falls es mal brennt und ein Fluchtweg nicht ausreicht.

Gäste können nicht vor dem Eingang parken

Die Stadt würde den Pächtern zwar das Geld vorstrecken, müsste dann aber soviel Pacht verlangen, dass sich die Investitionen wieder refinanzieren. „Wir sind auch bereit, auf die Pacht zu verzichten“, sagt Bertram Schiebel, „aber dann muss der Investor die Renovierungskosten tragen.“ Unter diesen Umständen war keiner der Interessenten bereit, den Dicken Turm zu übernehmen. Anscheinend war es für die Pächter auch ein Problem, dass Gäste die Autos nicht direkt vor den Eingang des Dicken Turms stellen können, sondern vom nahe gelegenen Burgparkplatz aus ein paar Meter zu Fuß zurücklegen müssen.

Was tun? Bertram Schiebel hat sich inzwischen von der Idee einer öffentlichen Nutzung verabschiedet. Bei einer privaten Nutzung könne man auf den teuren Aufzug und den teuren zweiten Fluchtweg verzichten, sagt er. Der Finanzbürgermeister hat auch schon versucht, die Bürgergarde dafür zu erwärmen in den Dicken Turm zu ziehen und ihn als Vereinsheim zu nutzen. Doch die Garde wollte das nicht, und damit stirbt auch diese Hoffnung.

Der Dicke Turm als erste Adresse für Familienfeiern

Jetzt sucht die Stadtverwaltung nach einem Konzept, sei es kultureller oder rein privater Art, damit der Turm nicht leer steht. „Jeder Vorschlag ist willkommen“, sagt Bertram Schiebel. Denn eines ist klar: Die Stadt Esslingen muss den Turm als Kulturdenkmal sowieso erhalten.

Denn ein solches ist er zweifellos: Die Bastion schützte einst die Stadt vor den angreifenden Horden aus dem Schurwald. Zusammen mit der Hochwacht und dem Seilergang bildet der Turm ein einmaliges Ensemble und ist zu Recht das Wahrzeichen Esslingens. Die Hochwacht, ein auf die Wehrmauer gesetzter Fachwerkbau, diente nach dem verheerenden Stadtbrand im 18. Jahrhundert den Brandwächtern als Ausguck und Wohnsitz. Sobald sie Rauch in der Altstadt aufsteigen sahen, mussten sie die Feuerglocke läuten.

Der Seilergang, der Wehrgang zwischen der Hochwacht und dem Dicken Turm, wurde wie der Name schon sagt, von den Seilmachern genutzt und ist ebenso ein absolutes Esslinger Unikat. In anderen Städten mussten lange und gerade Straßen den Seilern herhalten, wie etwa die Reeperbahn in Hamburg, die ja nicht nur ausschließlich gastronomisch genutzt wird.

Der Dicke Turm jedenfalls war über Jahrzehnte die erste Adresse in der Stadt, und begleitete die Esslinger auf allen wichtigen Familienereignissen. Taufen, Konfirmationen und runde Geburtstage wurden stets dort gefeiert.




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