Esslingen Es glänzt die Schöne Württembergerin

Von  

Märklin-Eisenbahnen aus den 1920er- und 1930er-Jahren zeigt das Stadtmuseum im Gelben Haus

Erst in der Nachkriegszeit war eine Modelleisenbahn für jedermann  erschwinglich. Foto: Horst Rudel 5 Bilder
Erst in der Nachkriegszeit war eine Modelleisenbahn für jedermann erschwinglich. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Auf die Frage, was deutsch ist, gibt es viele komplizierte Antworten und eine einfache: mit der Modelleisenbahn spielen. Die schönsten Schätze aus dem Hause Märklin sind jetzt im Esslinger Stadtmuseum im Gelben Haus am Hafenmarkt ausgestellt.

Neffe Willi hatte eine und Onkel Nikki, aber nicht nur für Kaiser Wilhelm II. und den Zaren Nikolaus II. gehörte die Märklin-Bahn zum standesgemäßen Spielzeug. Sie ist es in vielen Haushalten bis auf den heutigen Tag. Das Ritual dazu gibt es nur in Deutschland: Der Vater holt die Bahn von der Bühne, baut sie im Weihnachtszimmer auf, und wenn Bescherung ist, dann leuchten nicht nur die Kinderaugen, sondern auch die Scheinwerfer der Schönen Württembergerin und anderer Modellloks.

Doch nicht alles was glänzt, sind Kinderaugen in der Weihnachtszeit. Liebevoll haben die Mitarbeiter des Stadtmuseums Lichter gesetzt, um das polierte Blechspielzeug zum Funkeln zu bringen. Auf den Anlagen haben sie historische Figuren drapiert, die ebenfalls von Märklin geliefert wurden. Männlein und Weiblein sind aus einer Papppressmasse. Alle Bahnen stammen aus einer einzigen Sammlung, der Sammler will ungenannt bleiben.

Der Sachverständige Roland Gaugele kuratiert die Ausstellung. „Märklin hatte Modelle zum Aufziehen, Modelle mit echtem Dampf und elektrische mit 20 oder 220 Volt“, erklärt er. „Die mit echtem Dampf wurden nach etlichen Teppichbränden aus dem Sortiment genommen“, erzählt Gaugele, auch seien die Modelle mit offenliegenden 220-Volt-Leitungen eingestellt worden – aus verständlichen Gründen. Er kennt auch den Wert jeder Lok und die übertriebenen Vorstellungen ihrer Besitzer: „So mancher ist als Millionär auf eine meiner Auktionen gegangen“ und sei dann bescheiden wieder heimgekommen. Natürlich haben die Ehemänner ihren Frauen oftmals erzählt, dass ihre Märklin-Sammlung nie an Wert verliere, damit sie die überplanmäßige Ausgabe für Diesellok BR 218 doch noch genehmigte, und natürlich hatte der Mann ein paar Tüten mit Teilen im Keller versteckt, von denen die sparsame Hausfrau nichts wissen durfte.

Die Kinder hat man nicht allein mit der Eisenbahn spielen lassen: Erstens war sie zu wertvoll, zweitens hätten die Jungs ja doch nur Unsinn gemacht. Allerdings, was ist am Eisenbahnunglück-Spielen Unsinn? Liest man doch ständig in der Zeitung davon. Oder Zug-entgleisen-Lassen mit Legobausteinen auf den Schienen? Harmlose Spiele der Jugend. Leider haben sie irgendwann jeder Eisenbahn den Garaus gemacht. Falls nicht, dann wanderte sie wieder unversehrt auf die Bühne, wo sie auch noch blieb, als die Kinder längst aus dem Haus waren. Sie wurden ein Dachbodenfund und landeten in den Händen der Händler und Sammler – was dann passierte, siehe voriger Abschnitt. Wer seine Seele suchen will und das Leuchten seiner eigenen Kinderaugen, der sollte ins Gelbe Haus am Hafenmarkt pilgern. Schließlich dauert die Ausstellung nur noch bis Anfang März.