Esslingen Familienehre als Vorwand für Attacke

Von Christina Jungkurth 

Ein 17-jähriger Esslinger und sein 19-jähriger Cousin stehen vor Gericht, weil sie einen heute 19-Jährigen schwer verprügelt haben sollen.

„Ich habe vielleicht Scheiße geredet“, sagt der Angeklagte und entschuldigt sich beim Opfer. Der 17-jährige hatte den 19-jährigen schwer attackiert Foto: dpa
„Ich habe vielleicht Scheiße geredet“, sagt der Angeklagte und entschuldigt sich beim Opfer. Der 17-jährige hatte den 19-jährigen schwer attackiert Foto: dpa

Esslingen - Es geht um eine Frau. Irgendwie. Weil er seine Ex-Freundin, die jetzt verheiratet ist, angemacht haben soll, ist ein heute 19-jähriger Esslinger im März dieses Jahres schwer verprügelt und später mit einem Messer angegriffen worden. Der Angreifer, ein 17 Jahre alter Türke aus Esslingen und zugleich der Schwager der besagten Frau, muss sich wegen versuchten Totschlags, versuchten Mordes und Körperverletzung vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten. Mit ihm auf der Anklagebank sitzt sein 19 Jahre alter Cousin, der bei der ersten Prügelattacke mitgeholfen haben soll. Er ist wegen Körperverletzung angeklagt.

Die Schilderungen des 19-Jährigen, der sich erst am vergangenen Donnerstag, dem zweiten Prozesstag, zu den Vorwürfen äußern wollte, sind stellenweise wirr und nicht immer eindeutig. Doch zusammen mit den Aussagen des Haupttäters und des Opfers ergibt sich ein Bild: Die drei Männer sind in der Nacht zum 3. März am Esslinger Bahnhof aufeinander getroffen. Alkohol getrunken hatten alle drei, das Opfer jedoch deutlich weniger als die beiden Täter.

Der 19-jährige Täter will versucht haben, zu schlichten

Hinter dem Bahnhof kam es dann zu einer Schlägerei, bei der das ebenfalls türkischstämmige Opfer mit einem schweren Holzbrett und einer Metallstange auf den Kopf, den Rücken und die nackten Fußsohlen geschlagen wurde. Der junge Mann erlitt dabei eine Schädelverletzung, Prellungen und Blutergüsse.

Was die Details betrifft, unterscheiden sich die Aussagen des Opfers und des älteren Täters. Letzterer will vor allem versucht haben, zu schlichten. Er habe den beiden Kontrahenten Faustschläge verpasst, um sie zur Räson zu bringen.„Ich hatte damit nichts zu tun, wir waren Kumpel, warum hätte ich ihn schlagen sollen?“, sagt er vor Gericht.

Nach der Schlägerei spielen sich die Täter als Retter auf

Der Geschädigte erzählt aber, er habe von beiden Männern Prügel bezogen. Er habe ihre Ehre beschmutzt, sollen ihm die beiden vorgeworfen haben. Und im Dunkeln hinter dem Bahnhof haben sie sich offenbar sicher gefühlt: „Hier ist keiner, hier merkt niemand, wenn wir was machen“, soll der ältere von ihnen gesagt haben. Als ihr Opfer aber am Kopf blutete, reichten sie ihm Taschentücher. Sie rauchten auch gemeinsam Zigaretten.

Vom Handy des Opfers riefen sie dessen Eltern an und spielten sich laut dessen Aussage als Retter auf: „Wenn wir ihn nicht gefunden hätten, wäre er schon längst tot“, habe der ältere der Täter dem Vater gesagt und ihn gebeten, den Filius abzuholen. Dem Sohn gaben sie eine Drohung mit auf den Weg. „Wenn du das deinem Vater sagst, wirst du sehen, was passiert. Zehn Männer stehen schon bereit“, zitiert der Esslinger die beiden Angreifer. Erst zuhause vertraute er sich dem Vater an und erstattete am nächsten Tag Anzeige.

„Ich schneide dir den Kopf ab“

Einige Tage später traf er den 17-jährigen Haupttäter am Esslinger Bahnhof wieder. Diesmal war der Angreifer mit einem Messer bewaffnet und rannte dem flüchtenden zwei Jahre älteren Mann durch die Küche einer nahen Pizzeria und bis zu einem Dönerladen hinterher, wo der Verfolgte die Polizei rufen konnte. Laut der Anklage soll der Angreifer dabei „Ich schneide dir den Kopf ab“ gerufen haben. Der Geschädigte sagt vor Gericht, er könne sich daran wegen der turbulenten Flucht nicht erinnern. Bei diesem Vorfall soll der Bewaffnete außerdem einem zweiten Geschädigten die Klinge von hinten sechs bis sieben Zentimeter tief in den Rücken gestochen haben. Nach den Ausführungen des 19-jährigen Opfers meldet sich in der Verhandlung der Haupttäter zu Wort. Es tue ihm leid, er wisse, er habe einen Fehler gemacht. Alkohol und andere Schwierigkeiten hätten ihn ausrasten lassen. „Ehre ist eigentlich nicht das Problem. Ich habe vielleicht Scheiße geredet“, sagt er. In den knapp sieben Monaten Untersuchungshaft habe er über die Sache nachgedacht.

Für den Prozess sind zwei weitere Verhandlungstage angesetzt.




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