Esslingen Keine Politik in der Küche

Entspannt am Podium: der Esslinger StZ-Redaktionsleiter Kai Holoch (links) mit seinen  Gästen  Tülay und Nils Schmid Foto: Rudel
Entspannt am Podium: der Esslinger StZ-Redaktionsleiter Kai Holoch (links) mit seinen Gästen Tülay und Nils Schmid Foto: Rudel

Nils Schmid, der baden-württembergische Finanzminister, und seine Frau Tülay Schmid spielen vor den StZ-Lesern einen gelungenen Doppelpass.

Esslingen: Thomas Schorradt (adt)
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Esslingen - Die Hitze der Camargue hat sie zusammengeschweißt. Als Tülay Schmid, geborene Gümüsdal, und Nils Schmid, damals noch nicht stellvertretender Ministerpräsident des Landes, aus dem gemeinsamen Frankreichurlaub zurückkamen, hatten sie ihre voreheliche Feuertaufe bestanden. „Weil Nils Angst hatte, sich zu erkälten, waren wir in unserem roten Golf drei Wochen in der Hitze des Südens unterwegs, ohne die Scheiben runterzudrehen“, erinnert sich Tülay Schmid. Wer das zusammen durchstehe, der sei reif für ein gemeinsames Leben.

Im Rahmen der Serie „StZ im Gespräch“ haben die beiden am Mittwoch Einblicke in ihr gemeinsames Leben gewährt. 80 Leser unserer Zeitung wissen nun, dass Schmids Eltern nicht damit gerechnet haben, „dass ihr Sohn eine alleinerziehende Mutter mit Migrationshintergrund anschleppen könnte“.

„Die Aufmerksamkeit gilt vor allem dem Amt“

Immerhin, der Sohn war auf dem Weg nach oben. Und Tülay Schmid hat ihn begleitet. „Wie waren Ihre Gefühle am 27. März 2011, dem Tag der Landtagswahl?“, wollte Kai Holoch, der Redaktionsleiter und Moderator, von ihr wissen. Enttäuscht sei sie nicht gewesen, dass es ihrem Mann knapp nicht zum Ministerpräsidenten gereicht habe. „Da war eher viel Neugier auf die Herausforderung da“, sagt sie. Im Umfeld hätten die Schmids von da an viel freundliche Aufmerksamkeit erfahren. „Aber diese Aufmerksamkeit gilt in erster Linie dem Amt. Dessen muss man sich immer bewusst sein“, sagt sie.

Der Moderator hakt nach: „Welche Rolle spielt dieses Amt, spielt die Politik in der Familie? Gibt es politische Entscheidungen, die bei den Schmids am Küchentisch getroffen werden?“ Bei ihnen werde nicht mehr über Politik geredet, als in anderen Familien auch, beteuert Tülay Schmid. „Wenn ich den ganzen Tag Politik gemacht habe, bin ich nicht scharf darauf, zu Hause weiterzumachen“, bestätigt ihr Mann. Allerdings sind sich beide einig, dass die Erfahrungen, die Tülay als Gastarbeiterkind in Deutschland gemacht hat, des Politikers Blick für das Thema geschärft haben. „Mein Mann ist immer offen für Menschen gewesen. Unser Kennenlernen hat die Aufmerksamkeit zusätzlich auf die Situation von alleinerziehenden Frauen und von Migranten gelenkt“, sagt Tülay Schmid, die einen Sohn in die Ehe mitgebracht und mit Nils Schmid eine fünf Jahre alte Tochter hat. „Ich habe gelernt, wie Ramadan geht, und meine Frau, wie Weihnachten bei uns gefeiert wird“, sagt Nils Schmid, der Schwabe, der nicht nur Hochdeutsch, sondern inzwischen auch Multikulti kann. Der eheliche Doppelpass, das Gefühl nehmen die Leser mit, funktioniert auch abseits des Rampenlichts.

Viele Migranten fühlen sich im Stich gelassen

Ernst werden die Mienen, wenn die Rede auf die Terroranschläge in Frankreich kommt. „Die Attentate zielen auf eine Gesellschaft, in der ich leben möchte“, sagt Tülay Schmid. Sie sei erschrocken, wie sich das Klima auch in Deutschland verschlechtert habe. „Da hieß es nicht spontan, das geht bei uns nicht. Dem Erschrecken folgte eher ein tiefes Misstrauen“, sagt sie.

Für Nils Schmid hat die Unsicherheit schon viel früher begonnen. Die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und deren ungenügende Aufarbeitung habe viel Distanz geschaffen. Viele Migranten, die zuvor mit der Einstellung „meine Polizei, mein Kindergarten, mein Staat“ hier gelebt hätten, hätten sich von eben diesem Staat im Stich gelassen gefühlt.

Der Schlüssel, um das beidseitige Misstrauen abzubauen, sei allein die Begegnung. Die Pegida-Demonstrationen seien da nicht hilfreich. „Da werden Ängste auf andere projiziert“, sagt Nils Schmid. In Baden-Württemberg sei die Gemengenlage anders als im Osten. Doch ihn bewege natürlich die Frage, wie es insgesamt mit der Gesellschaft weitergehe.

Der Hauptgegner ist für Nils Schmid die CDU

Wie es denn mit ihm persönlich weitergehe, will Kai Holoch wissen. Schon jetzt teilten sich die Kontrahenten der nächsten Landtagswahl 2016 – der CDU-Herausforderer Guido Wolf und der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann – die Schlagzeilen. „Wie groß ist die Gefahr für die SPD, zwischen den Polen zerrieben zu werden?“ Die SPD müsse die Gunst der Wähler über Themen gewinnen, antwortet Nils Schmid. Und da sei nicht Kretschmann der Hauptgegner, sondern die CDU. Den auf eine mögliche Abwahl zielenden Einwurf von Kai Holoch, der seine weise Urgroßmutter mit dem Spruch zitiert „Das Glück braucht Atempausen, sonst wäre es unerträglich“, kontert Nils Schmid schlagfertig. „Ich habe 14 Jahre lang Atem geholt“, sagt er unter Hinweis auf seine lange Zeit auf der harten Oppositionsbank im Landtag.

In der Fragerunde muss Schmid noch einmal zu dem Thema Stellung nehmen. Ob es sinnvoll sei, dass sich Grün-Rot gegenseitig schwäche, während sich die CDU ins Fäustchen lache? „Wir sind eine gute Koalitionsregierung. Wir raufen uns immer wieder zusammen“, antwortet der stellvertretende Ministerpräsident. Natürlich gebe es immer etwas, das nicht rund laufe. Fehler der Opposition rückten nicht ins Rampenlicht, aber: „Wenn du regierst, dann kriegst du eben auch was ab“.

Auf die besorgte Frage hin, wie lange man bei den Pegida-Demonstrationen denn noch zusehen müsse, bricht Nils Schmid eine Lanze für das Demonstrationsrecht. „Die Demonstrationen gegen Stuttgart 21 hat im Rest der Republik auch nicht jeder verstanden“, sagt er.




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