Esslingen von oben Ein Ring verschiebt die Achsen der Stadt

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In einer kleinen Serie zeigen wir Luftbilder von 1955 und von 2015 aus dem Kreis Esslingen. Auffällig ist, wie der Verkehr das mittelalterliche Stadtbild Esslingens verändert hat. Richtig warm sind die Esslinger mit ihrem Altstadtring nie geworden.

Der Altstadtring in Esslingen im Vergleich. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec
Der Altstadtring in Esslingen im Vergleich. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec

Esslingen - Die Flieger einer Münchner Firma sollten im Jahr 1955 Stuttgart aus der Luft fotografieren und flogen im Auftrag des Stadtmessungsamtes Planquadrat um Planquadrat ab. Auf ihrem Flug streiften ihre Kameraaugen auch die Markung der Stadt Esslingen. Sie zeigen eine mittelalterliche Stadt, die noch nicht vom Altstadtring eingeschnürt war und deren Ränder in lockere Streuobstwiesen auslaufen. „Zaubrische Gärten“ hat der Stuttgarter Schriftsteller Wilhelm Hauff die Streuobstwiesen einmal genannt, wegen ihrer Blütenpracht im Frühling.

Dutzende Häuser wurden abgerissen

Ganz deutlich sieht man, wie die Stadtplaner in den vergangenen sechzig Jahren alles daran gegeben haben, die städtebaulichen Achsen der Stadt zu verlegen. Wie immer, wenn das geschieht, gibt es große Zerstörungen, denen auch in Esslingen Dutzende von mittelalterlichen Häusern zum Opfer gefallen sind. 1955 war die Ritterstraße die Hauptachse der Stadt, die über den Marktplatz führte und weiter in die Geiselbachstraße ging. Über die Kiesstraße und die Hindenburgstraße rollte der Verkehr nach Oberesslingen. Letztlich war es ein Straßenkreuz, das die Stadt verkehrlich erschlossen hat.

In den 60er-Jahren waren die Planer der Ansicht, man würde einen Altstadtring brauchen. Die historischen Vorbilder für Altstadtringe lagen in Paris und Wien. In diesen Städten waren bereits im 19. Jahrhundert die alten mittelalterlichen Stadtmauern abgerissen worden und die Stadtgräben aufgefüllt worden. Dadurch entstanden ringförmige Flächen um die Stadtkerne, auf denen nun der Verkehr fließen konnte. Aus den Bollwerken wurden die Boulevards, das französische Wort stammt hier durchaus von dem alten Wort „Bollwerk“ ab. Es entstanden breite mit Bäumen bestandene Straßen mit mehren Fahrspuren für die Straßenbahn, die Droschken, sowie für die Fußgänger und die Reiter.

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Diese eher schon historisch zu nennende Idee meinte man etwa 150 Jahre später auch in Esslingen umsetzen zu müssen und dürfte sie sicherlich als große Modernisierung verkauft haben. Was die Planer aber ganz offensichtlich übersehen hatten: Im Gegensatz zu Paris und Wien liegt Esslingen am Hang. Deswegen gab es nach Norden hin keinen Stadtgraben, den man hätte zuschütten können. Eine Freifläche war dort zu Füßen der Burg beim besten Willen nicht ohne Weiteres herzustellen. Deswegen mussten die Planer mit brachialer Gewalt im Norden mitten durch die Stadt pflügen.

Auf den kleinen Markt setzten sie die Augustinerbrücke, zwischen den Brückenpfeilern richteten sie eine Garage ein. Die Stadt im Nordwesten wurde geschleift. Einst hatte der Zugang zur Frauenkirche eine schöne Freitreppe geschmückt, diese rissen die Planer kurzerhand ab. Die Fassaden der alten Häuser verschwanden hinter Beton. Vor die schöne Frauenkirche setzte man ein wirres Betongebäude als Gemeindehaus.

Verschwinde, Vergangenheit!

Das war aber durchaus gewollt. Diese ganze Architektur sollte sagen: Verschwinde Vergangenheit, jetzt ist die Moderne da und die kann alles besser. Eine Entwicklung, die bis zur Fertigstellung des Rings Mitte der 70er-Jahre anhielt. Aber nichts nutzt sich so schnell ab wie die Moderne. Die Esslinger waren nie zufrieden mit dem Altstadtring, und es gibt kaum einen alten Esslinger, der dem alten Weichbild der Stadt nicht nachtrauert. Inzwischen hat die Stadt nachjustiert. Zur Zeit wird die Augustinerbrücke saniert und damit werden auch die schlimmsten Bausünden der Vergangenheit zurückgebaut.

Der Betonkasten von Bushaltestelle, der mitten auf der Brücke lag, wurde abgerissen, die schweren Betongeländer durch filigranere Konstruktionen ersetzt. Bald dürfte auch der Betonsteg zur Frauenkirche, der den Anblick des Gotteshauses in der Mitte zerschneidet, der Vergangenheit angehören. Abgebrochen ist er noch nicht, aber wegen Baufälligkeit gesperrt.

Für immer verloren sind die Zaubergärten. Im Norden ist die Fläche in den vergangenen sechzig Jahren entlang der Mülbergerstraße vollständig bebaut worden, wenn auch sehr locker mit großen villenartigen Häusern und Grünflächen.

Im Nordosten der Altstadt sieht man heute das Neckar Forum. Das Kultur- und Kongresszentrum hat die alte Stadthalle abgelöst, die dort 1968 eingeweiht und 2002 schon wieder abgerissen wurde. Auf dem Bild sieht man sogar noch den Vorgängerbau der alten Stadthalle: Nach Auskunft des Stadtarchivs stand dort einst das Krankenhaus, das in den 50er-Jahren schon nicht mehr als Hospital genutzt wurde. Denn bereits in den 30er-Jahren war das Krankenhaus an seinen heutigen Platz entlang der Hirschlandstraße verlegt worden.

Weitere Luftbild-Vergleiche von Stuttgart und der Region finden Sie hier.