Er war totgesagt, sollte doch reaktiviert werden, war erneut dem Untergang geweiht und hängt seither in der Schwebe: Obwohl der Alicensteg seit Jahren gesperrt ist, bewegt er nach wie vor die Gemüter. Zuletzt sah es so aus, als könne die Neckarquerung zwischen Merkelpark und Zollberg im Zuge der Radschnellwegplanung eine Renaissance erleben – doch das ist nun nicht mehr sicher. Zumal manchem Brückenbefürworter inzwischen Zweifel kommen.
Damals erschien es wie der perfekte Schachzug: Als die Stadt Esslingen im Jahr 2021 vorschlug, den Radschnellweg von Deizisau bis zum Alicensteg südlich des Neckars und nicht wie bis dato geplant auf der Nordseite entlang zu führen, hoffte sie, damit gleich zwei Probleme zu lösen. Denn so konnte sie nicht nur die Nordtrasse des Radschnellwegs zwischen Altbach und Merkelpark verhindern, die nach Ansicht von Stadt, Umweltverbänden und Bürgerausschüssen mit zu großen Eingriffen in wertvolle Grünflächen einhergegangen wäre. Sondern sie konnte sich mit einer Fortführung der Radtrasse vom Südufer über den Alicensteg ans Nordufer auch einen großen Kostenbeitrag für die Instandsetzung des Steges vom Land erhoffen, das für die Finanzierung des Radschnellwegs zuständig ist.
Südroute des Radschnellwegs stellt Zukunft des Alicenstegs in Frage
Doch nun hat sich das Blatt erneut gewendet: Seit eine Arbeitsgruppe für die Fortführung des Radschnellwegs vom Alicensteg bis nach Stuttgart eine Route südlich des Neckars empfohlen hat, steht die Zukunft des Stegs wieder infrage. Denn ohne den Brückenschlag der Radtrasse ist das Land aus der Finanzierung raus. Und dass Esslingen eine Instandsetzung aus Eigenmitteln stemmen kann und will, ist höchst unwahrscheinlich. Für einige bisherige Befürworter der Neckarquerung im Gemeinderat ist das ein Grund, an der Zukunft der Brücke zu zweifeln.
So stehen die Esslinger Grünen der Sache inzwischen skeptisch gegenüber. „Wir haben uns lange für den Erhalt des Alicenstegs eingesetzt“, sagt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat Andreas Fritz. „Allerdings wurde uns im Laufe der Diskussion auch klar, dass es eine einfache und günstige Sanierung nicht geben wird“, so Fritz. Angesichts der Tatsache, dass der Radschnellweg voraussichtlich nicht über den Alicensteg geführt würde, müsse man sich die Frage stellen, ob ein teurer Neubau an anderer Stelle sinnvoller wäre, so Fritz.
Noch deutlicher werden die Freien Wähler: „An den Argumenten für einen Abriss hat sich für uns nichts geändert“, teilt die Fraktionschefin Annette Silberhorn-Hemminger mit. Den Alicensteg neu zu bauen würde einen massiven Eingriff in den Merkelpark verursachen, sagt sie. „Solch einen Eingriff in den Merkelpark lehnen wir ab.“
Auch die CDU erteilt dem Alicensteg unter den aktuellen Vorzeichen eine klare Absage – auch wenn sie laut Fraktionschef Tim Hauser nach wie vor für die aus ihrer Sicht sinnvollere Nordroute plädiere, mit der auch der Erhalt des Alicenstegs gesichert wäre. Aber: „Die Stadt kann sich einen Neubau des Alicenstegs schlichtweg nicht leisten“, so Hauser. In dem Punkt stimmt die FDP mit der CDU überein: Aus Eigenmitteln der Stadt werde das nicht finanzierbar sein, glaubt Fraktionschefin Rena Farquhar. Aber ihre Fraktion habe die Hoffnung, dass doch noch die Nordtrasse des Radschnellwegs komme: „Deshalb haben wir den Alicensteg schon noch auf dem Plan.“
Diskussion um Radschnellweg läuft noch
Auch die Linke will die laut Fraktionschef Tobias Hardt „unbedingt notwendige fußläufige Brücke zwischen Zollberg und Innenstadt“ noch nicht abschreiben. Im Übrigen sei die Diskussion über die richtige Trasse für den Radschnellweg noch nicht beendet – von einer Südroute hätten die Radfahrenden schließlich gar keinen Nutzen. Während die Gruppe FÜR ebenfalls vehement den Erhalt des Alicenstegs fordert, sieht sich die SPD auf den Stand von Frühjahr 2021 zurückgeworfen. Damals hatte der Gemeinderat auf Antrag der SPD entschieden, erst auf Grundlage eines noch zu erstellenden Brücken-, Stege- und Wegekonzepts für die Gesamtstadt über die Zukunft des Stegs zu entscheiden. „Die SPD plädiert dafür, an diese Beschlusslage anzuknüpfen“, sagt der Fraktionschef Nicolas Fink. Man hoffe, dass dieses Konzept rasch erarbeitet werde, damit bald über das Schicksal des Alicenstegs entschieden werden könne.
Unterdessen stellt die Stadt Esslingen klar, dass der Alicensteg in der jetzigen Form im Vergleich zu anderen Brücken nur eine untergeordnete Rolle spiele. Eine Schmalspursanierung kommt laut Baubürgermeister Hans-Georg Sigel nicht infrage. Gleichwohl: Auch wenn eine Führung des Radschnellwegs über den Steg unwahrscheinlicher geworden sei, könne eine Querung hier sinnvoll sein, um die Radwege in der Stadt zu vernetzen. Allerdings würden die Kosten für eine neue Brücke samt Radler-Rampen wohl mindestens im oberen einstelligen Millionenbereich liegen, so Sigel. Daher müsse man prüfen, ob weitere Brücken über den Neckar erforderlich und finanzierbar seien.
Der Steg und der Radweg
Alicensteg
Seit 2015 ist die Fußgängerverbindung, die auf Höhe des Landratsamts den Neckar und die B 10 quert, gesperrt. Schon 2013 hatte der Gemeinderat einen Abrissbeschluss gefasst. Doch angesichts von Protesten kamen Zweifel an der Entscheidung auf. Man diskutierte, beriet, vertagte und fasste im Januar 2021 einen erneuten, äußerst knappen Abrissbeschluss. Dieser wurde kurz darauf aber wieder auf Eis gelegt.
Radschnellweg
Aktuell wird über die Route des Radschnellwegs zwischen Alicensteg und Stuttgart diskutiert. Bis vor Kurzem wurde eine Strecke nördlich des Neckars favorisiert, dann wäre die Trasse von Deizisau bis zum Alicensteg zunächst am Südufer des Neckars verlaufen und über den Steg in den Norden gewechselt. Nun wird aber eine Fortführung südlich des Neckars empfohlen. Wann eine Entscheidung fällt, ist unklar.