Esslinger Apotheken streiken mit Transparente statt Tabletten
Die Apothekerinnen und Apotheker aus dem Esslinger Raum haben sich fast vollständig am Protesttag in Stuttgart beteiligt. Der Notdienst arbeitete am Anschlag.
Die Apothekerinnen und Apotheker aus dem Esslinger Raum haben sich fast vollständig am Protesttag in Stuttgart beteiligt. Der Notdienst arbeitete am Anschlag.
Natürlich gab es Unmutsäußerungen – und vor allem Ärger über das eigene Uninformiert-Sein – die Zahl enttäuschter Kundinnen und Kunden vor den geschlossenen Esslinger Apotheken hielt sich am Mittwoch, zumindest bis zum späten Nachmittag, allerdings in Grenzen. Die meisten wussten, weshalb die Geschäfte für diesen einen Tag dicht gemacht worden waren, und viele hatten Verständnis dafür, dass sich die Apothekerinnen und Apotheker mitsamt ihrem Personal zu einem Protesttag nach Stuttgart aufgemacht hatten.
Die Kundgebung dort, mit mehreren tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus ganz Süddeutschland, begann um 12.05 Uhr, was nach den Worten von Christof Mühlschlegel, der in Esslingen mehrere Apotheken umtreibt, der momentanen Situation entspricht: „Es ist längst nicht mehr fünf vor, sondern schon fünf nach Zwölf“, betonte er und benannte die Probleme, mit denen sich seine Branche herumschlagen muss: permanente Lieferengpässe, überbordende Bürokratie, fehlendes Personal und daraus resultierend,wirtschaftliche Einbrüche.
Mühlschlegel, der innerhalb des Landesapothekerverbands zudem als einer von zwei Sprechern für den sogenannten Plochinger Kranz tätig ist, der die Kreise Esslingen und Göppingen umfasst, hat mittlerweile die Geduld verloren: „Reagiert die Politik nicht ganz schnell, wird es keinerlei Entspannung geben, so dass die Patientinnen und Patienten immer mehr zu den Leidtragenden der Misere werden.“ Längst käme er, ebenso wie seine Kolleginnen und Kollegen, gar nicht mehr dazu, die Leute zu beraten. „Stattdessen rennen wir, wie bei Termingeschäften, ständig irgendwelchen Medikamenten hinterher“, fügte er hinzu.
Überzeugungsarbeit, um die anderen Apothekerinnen und Apotheker aus dem Esslinger Raum für eine Teilnahme am Protesttag zu motivieren, musste Mühlschlegel nicht leisten. „Es sind alle betroffen, nicht zuletzt deshalb, weil wir, wie jeder und jede, mit der hohen Inflation und den stetig steigenden Kosten zu kämpfen haben, die Honorare aber seit zehn Jahren nicht mehr erhöht worden sind“, erklärt er. Zudem sei es aus seiner Sicht geradezu eine Selbstverständlichkeit gewesen, „den kurzen Weg zum Protesttag in die Landeshauptstadt in Kauf zu nehmen, wenn andere sogar aus Südbaden oder aus Bayern anreisen“.
Nicht mitgestreikt haben derweil Miriam Stark und ihre Beschäftigten von der Apotheke im Neckar Center in Weil, die ihrer Notdienst-Pflicht nachkommen mussten. „Ich wollte auf der Kundgebung noch kurz vorbeischauen, bin dann aber von meinen Leuten angerufen worden, dass ich früher kommen soll, weil so viel los ist“, sagte Stark. Dementsprechend war im Neckar-Center Schlange stehen angesagt. Und die Inhaberin befürchtete, „dass uns bis zum Abend die Antibiotika ausgehen“. Für einen Kunden, der noch draußen vor der Eingangstüre warten musste, ist das inzwischen „fast schon der Normalzustand, wobei ich den Apotheken selbst gar keinen Vorwurf mache“.
Immer wieder fehle es an irgendwelchen Medikamenten, schimpfte er – und benutzte dabei exakt die gleiche Formulierung, die auch Christof Mühlschlegel zur Beschreibung der Lage verwendet hatte: „Wir sind ein pharmazeutisches Entwicklungsland.“ Der Apotheker zählte auf, in welchen Bereichen es mehr und mehr mangelt: „Antidepressiva, Schmerz- und fiebersenkende Mittel, Diabetes-Medikamente, Antibiotika – die Liste ist ellenlang und wird immer länger.“
Es gebe nur noch wenige Hersteller in Deutschland, also müsste anderswo eingekauft werden, wo die Produkte den Menschen dann jedoch fehlen würden. Für Mühlschlegel ist die Misere deshalb auch mehr als ein Problem seines Berufsstands: „Obwohl das manch einer für übertrieben halten mag. Es geht um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung und damit ums Eingemachte.“