Esslinger Gesundheitsversorgung Ein großer Wurf bringt das Klinikum voran

Geschäftsführer Matthias Ziegler hat große Pläne für das Esslinger Klinikum. Foto: Roberto Bulgri/n

Das Klinikum Esslingen investiert in seine Zukunft. Für den ersten Bauabschnitt einer grundlegenden Erneuerung der Gebäude sind fast 200 Millionen Euro veranschlagt. Unter anderem sollen eine neue Notaufnahme, ein Kreißsaal und ein OP-Bereich entstehen.

Das Klinikum Esslingen hat das größte Investitionsprogramm seiner mehr als 160-jährigen Geschichte auf den Weg gebracht: Ein „Masterplan Bau“ sieht in den kommenden 15 Jahren eine grundlegende Erneuerung der gesamten Klinik-Infrastruktur vor. Geschäftsführer Matthias Ziegler gibt Einblick in die Pläne und in die strategische Ausrichtung des Esslinger Klinikums.

 

Herr Ziegler, über die Jahrzehnte hinweg ist die Gebäudestruktur des Klinikums kontinuierlich gewachsen. Weshalb ist es nötig, die Infrastruktur neu aufzustellen?

Im Klinikbau hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es manchmal besser ist, ein Klinikgelände komplett neu zu strukturieren. Wenn ein Klinikum mal hier und mal da umgebaut und erweitert wurde und dadurch immer verschachtelter geworden ist, lässt sich irgendwann kein moderner Klinikbetrieb mehr organisieren. Der Fortschritt in der Medizin ist immens. Themen wie Ambulantisierung, Mitarbeiter- und Patientenorientierung spielen eine immer größere Rolle. Aktuell werden Patienten in zehn Gebäudeteilen versorgt. Sagt man einem Patienten, er soll in die Ambulanz gehen, weiß er oft nicht, welche der verschiedenen Ambulanzen gemeint ist. Künftig werden wir die ambulante Versorgung in fachabteilungsübergreifenden Ambulanzbereichen bündeln. Effiziente Abläufe sind in einem so verschachtelten System wie derzeit nicht möglich.

Die Krankenhausstruktur ändert sich. Ist das auch ein Motiv für Ihr Projekt?

Ja. Es gibt strukturelle Anforderungen an ein Klinikum, die wir auf Dauer so gar nicht erfüllen könnten. Ein Beispiel: Wir sind jetzt ein Notfallversorger der höchsten Versorgungsstufe. Da schreibt uns der Gesetzgeber ganz klar vor, wie eine Notaufnahme für diese Versorgungsstufe auszusehen hat. Mit einer Umstrukturierung unserer bestehenden Räume kommen wir da nicht ans Ziel. Hinzu kommen ständig steigende Energiekosten, denen wir mit einem Neubau besser begegnen können. Es geht im Werben um die besten Fachkräfte auch um die Arbeitsatmosphäre. Eine völlige Neuausrichtung ist ein anstrengender Weg, aber er ist weitaus besser, als einfach nur weiterzumachen. Viele Krankenhausträger auch in unserer Region sind diesen Weg bereits gegangen.

Mit welchen Beeinträchtigungen ist während der Bauzeit zu rechnen?

Allein der erste Bauabschnitt des Masterplans, den wir jetzt anpacken, bedeutet eine vierjährige Baustelle. Natürlich wird es lautere Phasen geben, Lastwagen werden übers Gelände fahren. Aber es ist ein sehr großer Unterschied, ob man komplett neu baut oder ein bestehendes Gebäude umbaut. Wichtig ist, dass wir gegenüber Patienten, Mitarbeitern und Anwohnern gut kommunizieren, was wir vorhaben und weshalb dieser Weg der richtige ist. Und dass wir die Zeiten, in denen gebaut wird, genau so verlässlich einhalten wie die Ruhezeiten. Dann wird es auch Verständnis geben. Entscheidend ist: Wir werden dank des Modulgebäudes während der Bauphase ohne Einschränkungen ein voll funktionsfähiges Klinikum mit den gewohnten Kapazitäten und allen Behandlungsmöglichkeiten in gewohnt hoher Qualität sein. Das Personal weiß, dass wir in gute Arbeitsbedingungen investieren, und die Patienten wissen, dass wir in eine gute medizinische Versorgung investieren.

Was werden die Patienten erleben, wenn das neue Haus 2 fertig ist?

Sie werden von einem hochmodernen Klinikum profitieren. Wir werden gleich im ersten Bauabschnitt einen modernen neuen OP-Bereich bauen, einen neuen Kreißsaal, eine Intensivtherapiestation mit 20 Plätzen, in der wir High-End-Intensivmedizin anbieten können, und eine neue Notaufnahme, die endlich den Standard bietet, den wir uns schon lange für unsere Patienten und Mitarbeiter wünschen. Etwa die Hälfte aller Patienten kommt in die Notaufnahme und geht wieder nach Hause. Die beurteilen unser Klinikum nach dem, was sie dort erleben. Wenn die Behandlungsplätze nicht reichen und Patienten manchmal auf dem Flur behandelt werden müssen, ist das nicht zeitgemäß.

Was bedeutet Ihr „Masterplan Bau“ für Ihre künftige strategische Ausrichtung?

Die Krankenhausstruktur der Zukunft wird von Versorgungsregionen geprägt sein – hochkomplexe Leistungen sollen an bestimmten Orten konzentriert sein. Wir haben den Anspruch, ein Zentralversorger zu sein, der vieles anbietet, was es nicht in jedem Krankenhaus gibt. Wir sind unserem Träger, der Stadt Esslingen, und dem Sozialministerium dankbar, dass sie sich nicht von kurzfristigen Entwicklungen in der Gesundheitspolitik leiten lassen sondern mit strategischer Weitsicht das Vorhaben unterstützen. Das ist nicht selbstverständlich, weil solch ein Projekt eine hohe finanzielle Belastung bedeutet. Aber es ist ein sehr wichtiges Signal für die Zukunft und schafft Verlässlichkeit – für unsere Patienten und für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die dieses Vertrauen genau registrieren.

Was wünschen Sie sich von der Gesundheitspolitik?

Ich wünsche mir Rahmenbedingungen, die es erlauben, unseren Auftrag in gewohnt hoher Qualität zu erfüllen. Dass mit einer Krankenhausreform komplizierte, personalintensive Leistungen an weniger Standorten konzentriert werden, halte ich für richtig, auch weil dann eine gezieltere Fördermittelzuteilung durch das Land möglich ist. Allerhöchste Priorität hat aktuell, dass der Gesetzgeber im Bereich der Krankenhausfinanzierung die Krankenhäuser nicht der Insolvenzgefahr aussetzt. Wir haben für unsere Patienten einen Versorgungsauftrag und so einen Anspruch darauf, dass die Behandlungskosten auskömmlich finanziert werden. Seit Corona ist die Krankenhausfinanzierung komplett verrutscht. Bis letztes Jahr wurde das Defizit durch staatliche Hilfen kompensiert, doch die gibt es in diesem Jahr so gut wie nicht mehr. Hier herrscht akuter Handlungsbedarf, wenn man die Patientenversorgung in den Kliniken nicht deutlich spürbar verschlechtern möchte.

Das Klinikum Esslingen bat an seiner Zukunft

Situation
 Aktuell werden Patientinnen und Patienten am Klinikum Esslingen in zehn miteinander verbundenen Gebäuden versorgt – der Großteil der Bauten ist mehr als 50 Jahre alt und sanierungsbedürftig.

Konzept
Mit einem „Masterplan Bau“ hat das Klinikum 2021 Weichen für die Zukunft gestellt. Klar war für die Klinikleitung und den Aufsichtsrat, „dass die Umsetzung moderner und patientenorientierter Versorgungs- und Unterbringungsstrukturen nur mit einem umfassenden Neubauvorhaben realisierbar ist“. In den kommenden 15 Jahren sind der Neubau aller wesentlichen Klinikfunktionen und eine Sanierung der verbleibenden Gebäude in mehreren Bauabschnitten vorgesehen.

Auftakt
Zentrale Bausteine des langfristig angelegten Bauvorhabens sind drei Neubauten mit 19 000 Quadratmetern Nutzfläche, die im Erdgeschoss verbunden sind. Im ersten Schritt wurde bereits ein vierstöckiges Modul-Gebäude mit 150 Betten gebaut, das die nötigen Ausweichflächen bietet, um bestehende Gebäude durch neue ersetzen zu können. Nun will das Klinikum die nächste Etappe angehen. Im ersten Bauabschnitt sind der Abriss des Hauses 2 und ein Neubau mit einem Zentrum für Notfallmedizin, einer Station für Intensivtherapie, einem OP-Bereich und einem neuen Kreißsaal geplant. Die Kosten dafür werden auf 197 Millionen Euro kalkuliert.

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