Esslinger Hobbyimker im Aufwind Bewusstsein für die Natur bringt neue Mitglieder
Nachwuchssorgen hat der Bezirksbienenzüchter-Verein Esslingen nicht. Denn inzwischen wissen viele: „Ohne Bienen keine Bestäubung.“
Nachwuchssorgen hat der Bezirksbienenzüchter-Verein Esslingen nicht. Denn inzwischen wissen viele: „Ohne Bienen keine Bestäubung.“
Rüdiger Knöß öffnet vorsichtig einen Bienenstock und nimmt einen Rahmen mit den Waben heraus. Inmitten der Bienen ist eine etwas länglichere größere, auf deren Rücken ein gelber Punkt leuchtet. „Das ist die diesjährige Königin“, erklärt der Vorsitzende des Bezirksbienenzüchter-Verein Esslingen/Neckar (BVE). Jedes Jahr bekommt sie einen andersfarbigen Punkt. „So lässt sich das Alter der Königin – sie wird maximal fünf Jahre alt – zurückverfolgen“, verrät der Hobbyimker. Neben ihm steht Ute Gasselin, die Ehrenvorsitzende. Vor zwei Jahren hat Knöß sie nach 18 Jahren im Amt abgelöst.
Fünf Türme mit zehn Völkern haben die Imker auf dem Vereinsgelände im Bienengarten in Oberesslingen stehen. „Ein Volk hat während der Hochzeit rund 40 000 Bienen“, erklärt Gasselin. Doch darüber sind sie um diese Zeit im Jahr bereits hinaus. Der Honig wird Ende Juni oder im Juli geschleudert. Dazu wurden im Rahmen des Anfängerkurses, den der Verein anbietet, Neuimker eingeladen. Auch Führungen bieten die Hobbyimker von Mai bis zu den Sommerferien im Bienengarten für Schulen und Kindergärten an. Früh übt sich, wer ein Imker werden will. „Unser jüngstes Vereinsmitglied ist der siebenjährige Noah“, erzählt Knöß. Das älteste ist der 85-jährige Albrecht Aichele. Er ist seit seinem 15. Lebensjahr Imker und Mitglied im Verein.
Geradezu einen Boom habe die Imkerei in den vergangenen Jahren erfahren. Als Gasselin den Vorsitz des 1921 gegründeten Vereins im Jahr 2000 übernommen hat, zählte er 107 Mitglieder 2016 waren es bereits 250. „Das Bewusstsein und die Liebe zur Natur sind gestiegen“, meint die 66-Jährige. Auch die Berichte über das Bienensterben hätten der Hobbyimkerei Rückenwind verschafft. Während der Coronazeit stagnierte allerdings die Mitgliederzahl. Knöß führt das darauf zurück, dass sie die Anfängerkurse und Führungen absagen mussten. Und nicht nur das, auch die Feier zum 100-jährigen Bestehen des Vereins fiel aus. Die haben sie dieses Jahr im Juli nachgeholt.
Welche wertvolle Arbeit die Hobbyimker und zwei Berufsimker des Vereins für die Natur leisten, zeigt ein Blick auf die Bedeutung der Biene unter den Nutztieren. „Nach Rind und Schwein steht die Biene auf Platz drei“, erklärt Gasselin. Bienen bestäubten rund 80 Prozent aller hiesigen Wild- und Nutztierpflanzen, heißt es in der Festbroschüre. Ein Drittel des Essens hänge von der Bestäubung durch Insekten ab. Ihre Bestäubungsleistung werde in der Landwirtschaft in Deutschland auf mehr als zwei Milliarden Euro, weltweit sogar auf jährlich 260 Milliarden Euro geschätzt.
„Ohne Bienen keine Bestäubung“, bringt es Knöß auf den Punkt. Vor allem die Wildbienen seien gefährdet. Sie seien auf eine bestimmte Pflanzenart konzentriert. Sterbe diese, so bedeute dies gleichzeitig das Aussterben der Biene. Mehr als 550 verschiedene Wildbienenarten leben in Deutschland. Dazu gehören Hummeln, Pelz-, Zottel-, Sand- und Seidenbienen und eine Vielzahl von kleinen und unscheinbaren Arten, die man leicht mit Fliegen oder Wespen verwechseln kann. Im Gegensatz zu Honigbienen bilden die meisten Wildbienenarten keine Staaten. „Sie sind Solitär- oder Einsiedlerbienen“, erklärt Knöß. Außerdem können die kleinen Wildbienen die menschliche Haut mit ihrem Stachel nicht durchdringen. Bei den Honigbienen ist das anders. Aber sie sind nicht angriffslustig, Trotzdem kann es vorkommen, dass die Hobbyimker bei der Bienenpflege gestochen werden. „30 bis 40 Stiche im Jahr habe ich locker“, sagt Knöß. Um diese zu vermeiden, benutzt er immer den Räucher, auch Smoker genannt, bevor er den Bienenstock öffnet. Dadurch werden die Bienen nach unten gedrückt und sind mit dem Rauch beschäftigt. So lassen sich die Waben herausholen und überprüfen, was im Bienenstock los ist. Bis zu 20 Stunden wöchentlich verbringt der 55-Jährige in der Hauptsaison bei seinen Bienen. Auf dem Schurwald und in Strümpfelbach hat er seine 14 Völker. Für ihn ist die Imkerei Kontemplation. „Da vergesse ich die Zeit“. Er erzählt, wie er einmal gerade noch rechtzeitig zu seiner Probe beim Stuttgarter Opernchor kam. Dort ist er seit mehr als 20 Jahren als Sänger engagiert.
Zur Imkerei kam der heutige Vereinsvorsitzende durch einen Bienenschwarm, der sich auf dem Nachbargrundstück gesammelt hatte. Um diesen zu retten, wurde ein Imker gerufen. Durch ihn wurde Knöß auf den Verein aufmerksam. Nach dem Honigfrühstück, den der Verein immer im Juli anbietet, meldete er sich sofort für den nächsten Anfängerkurs an und wurde Mitglied. Acht Jahre ist das nun her. Und er hat seine Frau nicht nur mit dem Honigessen angesteckt – unter vier verschiedenen eigenen Sorten geht es morgens nicht. Sie hilft ihm auch beim Umziehen der Völker. „Das ist schwere Arbeit“, meint Gasselin und mit ein Grund, warum immer noch mehr Männer als Frauen im Verein sind. Die hölzernen Bienenstöcke, auch Zargen genannt, mit bis zu zehn Waben wiegen rund 70 Kilo. Aber es gebe nun flachere, leichtere Zargen. Und so hoffen sie und Knöß, dass sich noch mehr Frauen von der Imkerei begeistern lassen.
Ausbildung
Der Bezirksbienenzüchter- Verein Esslingen/ Neckar (BVE) ist Mitglied im Deutschen Imkerbund. Der BVE hat sich zum Ziel gesetzt, die Imker in seinem Vereinsgebiet, dem Altkreis Esslingen, bei allen Fragen zur Bienenhaltung zu unterstützen. Er bietet auch Kurse für Neuimker an. Besonders wichtig es zu lernen, wie ein Volk überwintern kann und daher sofort im Frühjahr mit Tausenden von Bienen einsatzfähig ist. Seit den 80ger-Jahren gibt es die Varroamilbe in Deutschland. Im Anfängerkurs wird gezeigt, wie man gegen die Milbe ankommt. Außerdem gehören Schwarmkontrolle, Ablegerbildung und Honigernte zum Programm. Der Verein bietet Führungen am Lehrbienenstand an.
Bienenfleißig
Für 500 Gramm Honig müsste eine einzelne Biene drei mal um die Erde fliegen. Ein Bienenvolk bringt rund 15 Kilo Honig als Ertrag und die Königin legt täglich 1500 bis 2000 Eier.