Esslinger Konzert der Bachakademie Kantaten mit Wanderschäfer: Der gute Hirte auf dem Highway to Heaven
Alb-Schäfer Ernst Fauser ist Gesprächspartner beim Esslinger Konzert der Bachakademie am Samstag – auch wenn er selbst eher AC/DC hört.
Alb-Schäfer Ernst Fauser ist Gesprächspartner beim Esslinger Konzert der Bachakademie am Samstag – auch wenn er selbst eher AC/DC hört.
Er lebt und arbeitet als Wanderschäfer auf der Alb. Ernst Fauser ist Pastor im ursprünglichen Wortsinn. Deshalb wurde er von der Stuttgarter Bachakademie als Gesprächspartner für ihr Konzert am Samstag in Esslingen gecastet. Illustriert doch das Bild vom guten Hirten zentrale biblische Aussagen über Gott und Jesus Christus: eine Steilvorlage auch für Johann Sebastian Bachs Kirchenkantaten und ihre kunstvoll dosierten Pastoraltöne als barocke Klangmetapher fürs anrührende heilsgeschichtliche Bild.
Solch spirituelles Idyll wird mit Fauser als real existierendem guten Hirten einem aktuellen Praxischeck unterzogen. Aber eines stellt der Mann aus Pfronstetten, der im Originalton schönstes Alb-Schwäbisch spricht, grundsätzlich klar – auch wenn der Hirte beim Hüten eher AC/DC oder Volkstümliches als Bach hört: „Als Schäfer ist man für seine Schafe da. Die Vorstellung, dass Gott sich genauso um uns kümmert, steckt tief in einem drin.“ Also doch ein Highway to Heaven auf den Weidegründen rund ums Große Lautertal; manchmal allerdings auch to Hell. Der Teufel, der Fauser regelmäßig erscheint, heißt Flächenfraß: „Da wird landwirtschaftlicher Boden erst zum Parkplatz, und irgendwann stehen dann riesige Gebäude drauf oder daneben.“ Aber auch die Energiewende ist für ihn nicht nur eitel Öko-Sonnenschein: „Durch Photovoltaik verlieren wir Fläche ohne Ende.“
Ihm, dem Schäfer in sechster Generation mit 1400 Mutterschafen, 18 Böcken , 50 Ziegen, fünf Eseln und acht Hunden, fehlt da schlichtweg die Wertschätzung seiner Arbeit, bei der man doch „vollen Einsatz bringen“ müsse. „Wir Landwirte haben Fehler gemacht“, räumt er ein. „Aber wir sind nicht an allem schuld, was uns angekreidet wird.“ Zum Beispiel das Insektensterben. Fauser könnte da kreuznarret werden: „Früher gab’s vor jedem zweiten Haus im Dorf eine Miste. Das hat gesummt und gebrummt, das war ein Lebensraum. Wenn ich heute unter die Photovoltaikanlage auf meinem Stall gucke, stracken da nur verbrannte Insektenleiber.“
Als Sündenbock, der fast alle Umweltsünden dieser Welt trägt, wird der Land- zum Leidensmann. Womit sich immerhin der Kreis schließt zur zweiten Heilandsikone neben jener des guten Hirten. Lässt man die Ironie weg, stehen beide für Fürsorge und aufopferndes Leiden als christliche Kerntugenden, die in Bachs musikalischer Verkündigung ihren Widerhall finden. Aber wie fand der Wanderschäfer zur Bachakademie? Hans-Christoph Rademann, Intendant und Chefdirigent, hat ihn bei einem Ausflug auf die Alb angesprochen für die „Vision Bach“. Im Sommer 2023 begann dieser groß angelegte Konzertzyklus, der sich genau 300 Jahre später an die originale Reihenfolge von Bachs in seinem ersten Leipziger Amtsjahr aufgeführten Kantaten hält: rund 60 Werke für die Sonn- und die wichtigsten Feiertage des Kirchenjahrs. In Esslingen macht der Bach-Marathon, der allmählich in die Zielgerade einbiegt, bereits zum zweiten Mal Station. Bei jedem der Konzerte schlägt ein Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin Brücken zur eigenen Lebenswelt. Die von Ernst Fauser ist lebenslang: „Schon mit zwölf war ich nach der Schule immer auf den Weiden unterwegs. Jetzt mit 65 werde ich wie mein Vater weiterhüten, so lange es geht. Ohne die Schafe kann ich nicht.“
Das Konzert beginnt am Samstag, 27. April, um 19 Uhr im Gemeindehaus am Blarerplatz in Esslingen. Hans-Christoph Rademann dirigiert die Gaechinger Cantorey in Johann Sebastian Bachs Kantaten „Du Hirte Israel, höre“ (BWV 104), „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ (BWV 12) und „Wo gehest du hin“ (BWV 166).