Esslinger Musikfestival Podium stärkt Demokratie und Zusammenhalt

Das Podium Festival präsentiert innovative Klangerlebnisse an verschiedenen Orten in Esslingen: Das Ambiente der örtlichen Kirchen wird von vielen geschätzt. Foto: Christoph Püschner/Zeitenspie

Seit 2009 steht das Esslinger Podium Festival für Qualität und Lust auf undogmatisches Musikschaffen. Diesmal wollen die jungen Musikerinnen und Musiker mehr denn je aktuelle gesellschaftspolitische Themen aufgreifen und klar Position beziehen.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Für viele ist Musik eine tragende Säule der Demokratie: Sie kann Menschen zusammenführen, kann ihnen Kraft und Zuversicht vermitteln, sie kann Mut machen und Begeisterung entfachen, sie kann Werte vermitteln und Identität stiften. Und vor allem kann sie Freude bereiten. Das Esslinger Podium Festival möchte unter seinem künstlerischen Leiter Joosten Ellée mehr denn je gesellschaftspolitisch aktuelle Themen aufgreifen und mit vielfältiger Musik eine Plattform schaffen, auf der die oft brisanten Themen in einem breiten Diskurs verhandelt werden. Vom 25. April bis zum 5. Mai rückt das Podium Festival 2024 Demokratie, Vielfalt und Zusammenhalt mit musikalischen Mitteln in den Fokus. Die ersten Konturen des Festivalprogramms zeichnen sich ab.

 

Komponistinnen im Fokus

Das Eröffnungskonzert am 25. April in der Esslinger Stadtkirche markiert bereits einen ersten Höhepunkt: Ein Kammerkonzert unter dem Titel „Urknall“ soll einen Vorgeschmack auf die Vielseitigkeit der Konzerte an den folgenden neun Tagen geben. Werke aus diesem und dem vergangenen Jahrhundert spannen zum Festivalauftakt mit unterschiedlichsten Klangfarben einen Bogen von Solo-, Duo- und kammermusikalischer Besetzung bis zum selten gehörten Zusammenspiel von acht Kontrabässen. „Ganz selbstverständlich stammen in diesem Konzert alle und im weiteren Festivalprogramm überproportional viele Stücke von Komponistinnen“, verspricht Joosten Ellée. Der künstlerische Leiter wird am 4. Mai mit seinem innovativen Kammerorchester Ensemble Reflektor ebenfalls in der Stadtkirche zu hören sein. Orchester-Coverversionen von Songs der Singer-Songwriterin Billie Eilish werden an diesem Abend der 1890 uraufgeführten, sinfonisch kraftvollen „Serenade in D“von Ethel Smyth gegenübergestellt. „Eine musikalische Begegnung von zwei ikonischen Künstlerinnen, die beide, auch mit einer zeitlichen Trennung von 150 Jahren, für mehr Gendergerechtigkeit stehen“, verspricht Joosten Ellée.

Wie zeitgemäß Musik wirken und wie reizvoll ihre Entstehung sein kann, zeigt das Kompositions- und Konzertprojekt Bruckner.lab, das vom Land und von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wird. Anton Bruckner zählt zu den bedeutendsten Sinfonikern aller Zeiten. Anlässlich seines 200. Geburtstages geht das Podium Festival der Frage nach, wie der Kanon der bedeutenden Sinfoniker zustande kam, was die Sinfonie als demokratische Musikgattung für die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts bedeutete und wie eine „Sinfonie der Gegenwart“ klingen kann. Im Bruckner.lab haben drei Komponistinnen und ein Komponist gemeinsam eine solche Sinfonie entwickelt: die Chinesin Ying Wang, die Berlinerin Maria I. J. Reich, die Deutsch-Iranerin Cymin Samawatie sowie der in Indien geborene Ketan Bhatti. In enger Zusammenarbeit haben sie eine Sinfonie geschaffen, die im Abschlusskonzert am 5. Mai vom Ensemble Reflektor neben Bruckners vierter Sinfonie „Die Romantische“ im Autohaus Jesinger uraufgeführt wird. Besonders reizvoll wird dieser Abend, weil Reflektor die Bruckner-Sinfonie ohne Dirigentin oder Dirigent spielt.

„Laute Musik gegen Rechts“

Konsequent setzt das Festival seine Zusammenarbeit mit regionalen Laienensembles fort – etwa am 28. April beim Konzert „Zwischen den Zeilen“ mit dem Esslinger Vocalensemble. Kernstück ist das vielschichtige „To The Hands“ von Caroline Shaw, das bei Dietrich Buxtehudes „Ad manus“ ansetzt und durch Erweiterungen von Klang und Text Brücken ins Heute schlägt. Das Werk beschäftigt sich mit dem Leiden von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten und an neuen Orten Zuflucht suchen und entwickelt sich inhaltlich hin zu Fragen nach unserer Rolle und Verantwortung im Kontext globaler Krisen. „Zusammen mit instrumentaler Musik der schwarzen amerikanischen Komponistin Florence Price entsteht ein Konzertprogramm, das nachdenklich und zugleich versöhnlich stimmt“, verrät Joosten Ellée. Und mit dem multimedialen Konzert „Atonal für Deutschland – Laute Musik gegen Rechts“ am 26. April in der Frauenkirche reflektiert Podium die Bedrohung der Demokratie durch Rechtsextremismus und Antisemitismus in Videoaufnahmen mit Neukompositionen, die rechtsextremistische Positionen entlarven und Lügen erkennbar machen sollen.

Wissenswertes zum Podium Festival

Festival
 Seit 2009 hat sich das Podium Festival mehr und mehr als eine vielseitige Plattform für Innovationen in klassischer und zeitgenössischer Musik weit über Esslingen hinaus einen guten Ruf erworben. „Podium Esslingen steht für Exzellenz im Experiment und die Lust auf ein undogmatisches Musikschaffen“, betonen die Macherinnen und Macher.

Leiter
Ende 2021 hat Joosten Ellée die künstlerische Leitung übernommen, die bis dahin der Festival-Gründer Steven Walter innehatte. Als Musiker hat sich Ellée ebenfalls einen Namen gemacht: Mit dem 2015 von ihm mit gegründeten Ensemble Reflektor, das auch in Esslingen immer wieder zu hören ist, experimentiert er auf der Bühne mit der Integration von Kunstvermittlung ins Konzerterlebnis und hinter den Kulissen mit basisdemokratischer Entscheidungsfindung.

Tickets
 Der Vorverkauf zum Podium Festival 2024 startet am 8. März. Eine Programmpräsentation beginnt am 10. März um 17 Uhr im Esslinger Jugend- und Kulturzentrum Komma.

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