„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, heißt es im Talmud. Der Esslinger Verein Denk-Zeichen möchte das Gedenken „in einer würdigen Weise pflegen und Erinnerungszeichen und Gedenkstätten schaffen, um auch im Stadtbild die Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Gewalt und an die verschiedenen Formen von Widerstand und Verweigerung in unserer Stadt wach zu halten“. Mehr als 50 Stolpersteine erinnern in Esslingen bereits an Opfer des Nationalsozialismus, die wegen ihres Glaubens, ihrer politischen Überzeugung, als Zwangsarbeiter oder wegen ihrer Behinderungen umgebracht worden waren. Damit die Erinnerung lebendig bleibt, will der Verein Denk-Zeichen 13 weitere Stolpersteine verlegen. Dieses Engagement findet zunehmend auch bei Jüngeren Unterstützung.
Ein Leben wird recherchiert
Ehe ein Stolperstein verlegt wird, wartet viel Arbeit. Nur wenige biografische Daten werden auf der 96 mal 96 Millimeter großen Messingplatte verewigt. So wird zum Beispiel vor der jüdischen Synagoge Im Heppächer 3 demnächst nur zu lesen sein: „Hier arbeitete Kantor Josef Starapolski. Jg. 1855. Deportiert 1942. Theresienstadt. Ermordet 18. 10. 1942.“ Doch dahinter steht eine ganze Lebensgeschichte, die akribisch recherchiert sein will: Fachliteratur muss ausgewertet, in Archiven muss geforscht, nach Angehörigen muss Ausschau gehalten werden, ehe sich das Bild eines Menschen ergibt, der in Esslingen Spuren hinterlassen hat. Spuren, die nicht verwischen sollen. Dann muss ein Standort gefunden und mit dem Rathaus abgestimmt werden – immerhin gilt es, den Vorschriften gerecht zu werden. Und schließlich werden die unmittelbaren Anwohner informiert, was es mit der Aktion auf sich hat. Erst dann kann der städtische Bauhof die Gedenktafeln im Gehweg fest verankern.
Bislang konzentriert sich Denk-Zeichen auf Stolperstein-Standorte in der Esslinger Innenstadt. Doch nicht nur dort, sondern auch in den Stadtteilen gilt es weiterhin, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wachzuhalten. Umso mehr freuen sich Beate Goppelsröder, Isabel Könekamp und Gerhard Voss vom Denk-Zeichen-Vorstand, dass sie zunehmend Unterstützung von jüngeren Menschen erhalten. Ein Ausschuss wurde gebildet, der sich um die Stolpersteine kümmert. Alena Hils, die sich bei der Grünen Jugend engagiert, arbeitet im Ausschuss mit, weil sie überzeugt ist: „Wir müssen uns unserer Geschichte bewusst sein. Stolpersteine machen sie sichtbar. Für unsere Generation war Krieg lange Zeit ein weit entferntes Thema. Die Ukraine zeigt uns, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Das dürfen wir niemals vergessen.“
Erfahrung und ein junger Blick
Marc Wendt von den Jusos hat die Zusammenarbeit im Ausschuss bereits schätzen gelernt: „Da kommen langjährige Expertise und ein junger Blick zusammen. Gerade für junge Menschen ist es wichtig, Geschichte lebendig darzustellen.“ Dabei hofft Isabel Könekamp besonders auf das Engagement und die Ideen ihrer jungen Mitstreiter im Ausschuss: „Sie bringen unser Anliegen voran.“ So wird etwa an eine App gedacht, mit deren Hilfe sich jeder beim Stadtrundgang per Smartphone weitere Informationen über diejenigen, derer am jeweiligen Ort gedacht wird, abrufen kann.
Demnächst werden 13 weitere Stolpersteine in Esslingen verlegt: Zunächst wird am 14. November zweier 1944 hingerichteter Zwangsarbeiter in Mettingen und Brühl gedacht, danach folgen am 15. und 17. November weitere Gedenktafeln in der Beblingerstraße, der Mittleren Beutau, der Landolinsgasse, der Oberen Beutau, der Webergasse und im Heppächer. Damit wird es allerdings noch lange nicht getan sein. „Wir haben uns vorgenommen, jedes Jahr mindestens fünf weitere Stolpersteine zu setzen“, sagt Gerhard Voss. „Da wartet noch viel Arbeit auf uns.“ Denk-Zeichen bemüht sich, für jeden Stolperstein einen Paten oder eine Patin zu finden. 120 Euro kosten die Herstellung und Verlegung der kleinen Gedenktafel. Und der Verein behält die Tafeln dauerhaft im Blick. Von Zeit zu Zeit treffen sich Engagierte aus den Reihen von Denk-Zeichen und anderen Organisationen zu Putzaktionen, damit die eingravierten Erinnerungen an NS-Opfer nicht verblassen. Und wenn – wie im vergangenen Dezember in der Obertorstraße geschehen – Stolpersteine mutwillig entwendet werden, was zum Glück bislang ein Einzelfall blieb, weckt das nur noch mehr Entschlossenheit bei den Initiatoren: Nur wenige Wochen später waren neu angefertigte Stolpersteine wieder an Ort und Stelle.
Gedenktafeln gegen das Vergessen
Stolpersteine
Damit die Opfer der NS-Zeit – Juden, politisch Verfolgte, so genannte Euthanasieopfer, Zwangsarbeiter, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Sinti und Roma – niemals in Vergessenheit geraten, hat der Künstler Gunter Demnig vor Jahren ein Projekt initiiert, mit dem er ihnen die Ehre erweisen will: Demnig hat 1996 begonnen, vor dem letzten selbst gewählten Wohnort von NS-Opfern Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg einzulassen. Inzwischen liegen seine so genannten Stolpersteine in 1265 Städten und Gemeinden in Deutschland – auch in Esslingen – und in 21 Ländern Europas .
Paten
Für 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen. Mitte November sollen in Esslingen 13 neue Stolpersteine verlegt werden. Sie erinnern an die hingerichteten Zwangsarbeiter Stefan Abrossimov und Alexander Talaew, an den Widerstandskämpfer Eugen Schönhaar, an Elise Heinzmann, Sigmund Selz, Rudolf Weber, Wilhelm Friedrich Löw und Adolf Ernst Maier, die wegen ihrer Behinderungen umgebracht wurden, an Theodor Rothschild, Josef Starapolski, Hans-Karl Perlen und Fanny Hammel, die als Juden ermordet wurden, sowie an Alfred Perlen, der fliehen konnte und im Ausland überlebt hat.