Essstörungen nehmen auch im Kreis Göppingen zu Der langwierige Weg aus der Magersucht

Mädchen und Frauen stellen mit fast 90 Prozent den Löwenanteil der unter Essstörungen leidenden Menschen. Foto: dpa/Jens Kalaene

Mediziner im Kreis Göppingen beobachten eine Zunahme von Essstörungen bei jungen Menschen. Viele von ihnen bewegt ein in sozialen Medien zur Schau gestelltes Körperbild zum Hungern.

Sabrina ist ein gertenschlankes Mädchen. Sie findet sich viel zu dick, die Portionen auf ihrem Teller werden immer kleiner, auf der Waage steht sie häufig. Die sozialen Medien sind ihre Welt, neidisch schaut sie sich die Bilder der Jugendlichen an, vergleicht ihren Körper und verzweifelt regelrecht. Social-Media-Plattformen wie Instagram oder TikTok und die Schönheitsfilter, die man dort über den Körper legen kann, boomen, aber sie zeichnen ein unrealistisches Körperideal. Auch die soziale Isolation während der Coronapandemie hat Essstörungen befeuert.

 

„Wir sehen auch einen Zusammenhang mit sozialen Medien“, sagt Markus Löble, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Christophsbads in Göppingen. Vor allem beobachtet er eine Kausalität mit dem „Social Distancing“ und dem damit verbundenen Verlust der Gruppe der Gleichalterigen während der Lockdowns. Die soziale Isolation habe eine deutliche Zunahme der Anorexien (Magersucht) und deren Schweregrad ausgelöst. Er diagnostiziert wesentlich mehr Anorexien schon in der Vorpubertät bei unter Zwölfjährigen und auch bei Jugendlichen.

Nachahmungseffekt wird in Gang gesetzt

„Je jünger die Patienten, desto langwieriger und schwerer zu behandeln“, sagt Löble. Dass sich Jugendliche vergleichen, sei normal. Da werde die körperliche Entwicklung bei Gleichaltrigen genau betrachtet. Schambehaarung oder Bartwuchs und die Entwicklung der weiblichen Brüste würden verglichen. „Und genau dieser Peergroup-Abgleich ist weggefallen“, erklärt Löble, der Vergleich habe sich auf Social-Media-Plattformen verlagert, da mache die Dosis das Gift, wenn nur Idealfiguren gesehen werden. Der Nachahmungseffekt wird in Gang gesetzt, vor allem bei jungen Menschen, die psychisch nicht stabil sind. Nicht nur Anorexien seien auf dem Vormarsch, auch starkes Übergewicht (Adipositas) sei Folge der Lockdowns, Bewegungsmangel ist der Auslöser, Hungern oft das Resultat.

Mädchen und Frauen stellen mit 90 Prozent den Löwenanteil bei den Essstörungen. Eltern sollten hellhörig werden, wenn Essen ständiges Thema sei. Der Familieneffekt sei nicht zu unterschätzen. „Wenn die Mutter ständig Diät hält, ist die Nachahmung nicht weit“, sagt Löble. Vor allem sollte frühzeitig ärztlicher Rat eingeholt und eine Behandlung eingeleitet werden.

„Die Prognose der Heilung hängt direkt mit dem Beginn der Erkrankung und der Zeit bis zur Behandlung zusammen“, erklärt der Facharzt, je früher behandelt werde, desto besser seien die Heilungschancen. Die Zeit vom Symptombeginn bis zum Therapiestart mal zwei sei die Faustregel.

Komplexe, psychosomatische Erkrankungen

Essstörungen sind komplexe, psychosomatische Erkrankungen, die vielerlei Auslöser haben können, sagt auch die Süßener Psychologin Eva Hanke-Rogler. Reduziertes Essen, Lebensmittel im Kinderzimmer horten, aber auch übermäßig Sport treiben, können Hinweise auf eine Essstörung sein. Allen Essstörungen gemein sei, dass das Essen seine Normalität verliere, es dränge sich in den Vordergrund und bestimme das Leben.

„Man sollte sein Kind darauf ansprechen und sich Hilfe suchen“, rät Hanke-Rogler, die Gesprächstherapien anbietet mit dem Ziel, das Essverhalten wieder zu normalisieren. In den Gesprächen würden geregelte Mahlzeitenstrukturen erarbeitet und es werde versucht, Ängste in Bezug auf Essen, Gewicht und Figur abzubauen.

Verschiedene Ausprägungen von Essstörungen

Essstörungen
 Bei Magersucht (Anorexia nervosa) dominieren Hungern und Kalorien zählen, es wird möglichst wenig gegessen. Von Binge-Eating sind meist Übergewichtige betroffen, mit regelrechter Nahrungsgier. Bei der Ess-Brech-Sucht (Bulimie) überwiegt die Angst vor Gewichtszunahme, häufig kommt es zu Erbrechen nach Nahrungsaufnahme, exzessivem Sport oder Einnahme von Abführmitteln.

Folgen
 Chronisch verlaufende Essstörungen verursachen körperliche Beschwerden, Mangelernährung oder Fettleibigkeit sowie die dazugehörigen körperlichen und sozialen Probleme.

Information
Interessierte finden weitere Informationen zum Thema im Internet auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und des Bundes Fachverband Essstörungen (BFE).

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