InterviewEurobonds-Erfinder im Interview "Eurobonds nicht mit heißer Nadel stricken"

Von StZ 

Eurobonds-Erfinder Jakob von Weizsäcker spricht über die Kritik an dem Vorschlag, einen Teil europäischer Schulden zu vergemeinschaften.

Eurobonds-Erfinder Jakob von Weizsäcker Foto: StZ 2 Bilder
Eurobonds-Erfinder Jakob von Weizsäcker Foto: StZ

Stuttgart - Gemeinsame europäische Anleihen müssen nicht zwangsläufig zu höheren Kosten für wirtschaftlich starke Länder wie Deutschland führen, meint Jakob von Weizsäcker .

Herr von Weizsäcker, was geht Ihnen im Kopf herum, wenn die Bundeskanzlerin Ihre Idee der Eurobonds als großen Mist bezeichnet? Fühlen Sie sich missverstanden?

Richtig ist, dass Bundeskanzlerin Merkel Eurobonds derzeit ablehnt. Wichtig ist, dass es zu dieser zentralen Frage eine öffentliche Debatte gibt. Es gibt gute Argumente für und gegen Eurobonds. Die werden jetzt ausgetauscht, in meiner persönlichen Erfahrung übrigens sehr fair. Das bringt uns inhaltlich weiter. Für mich ist entscheidend, dass die Bundesregierung sich nicht länger von den Märkten treiben lässt, sondern endlich vorausschauend gestaltet und die Krise als Chance für Europa begreift.

Retten Eurobonds den Euro?

Eurobonds sind weder Teufelszeug noch Allheilmittel. Aus meiner Sicht sind sie aber ein wichtiger Baustein für eine bessere Architektur der Eurozone.

Landläufig werden sie vom Tisch gewischt mit dem Argument, jeder müsse selbst für seine Schulden verantwortlich bleiben.

Das Prinzip der Eigenverantwortung ist und bleibt grundsätzlich richtig. Aber es muss auch glaubwürdig sein. Im Moment ist das nicht so. Im Mai 2010 hat man Griechenland ja nicht aus Altruismus gerettet, sondern die Sorge war ganz klar: wenn wir die griechischen Staatsanleihen nicht stützen, dann droht uns eine neue Bankenkrise, vielleicht schlimmer als nach der Lehman-Pleite. Denn die Banken halten nun einmal sehr viele Staatsanleihen aus Krisenländern, auch die deutschen.

Was beinhaltet Ihre Eurobonds-Idee genau?

Zusammen mit Jacques Delpla schlage ich eine gemeinsame europäische Garantie für den Schuldensockel jedes Eurostaats vor. Konkret reden wir über Schulden bis zur Maastricht-Schuldengrenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das sind unsere speziellen Eurobonds, wir nennen sie Blue Bonds. Die Zinsen darauf wären sehr niedrig. Damit würden die Krisenländer entlastet. Schulden jenseits dieser Grenze müssen in rein nationaler Verantwortung als Red Bonds emittiert werden. Mit diesen Red Bonds könnten wir die No-Bail-out-Klausel, die ja zurzeit de facto außer Kraft gesetzt ist, wiederbeleben.

Sie werde dadurch vielmehr endgültig beerdigt, meinen Eurobonds-Gegner. Die Sparbemühungen würden dann schnell eingestellt.

Nehmen Sie ein Land, das mit 80 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet ist. Es müsste alle weiteren Schulden mit Red Bonds aufnehmen. Die Zinsen darauf wären hoch, zusätzliche Verschuldung entsprechend teuer. Somit ist auch der Sparanreiz höher, auf die eigentlich zulässigen 60 Prozent herunterzukommen. Gleichzeitig wird ein Land im Durchschnitt entlastet, weil es für seine Schulden bis zu 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) tendenziell weniger zahlen müsste als heute.