Eurovision Song Contest Stimmen zählen für die große Show

Die Lissabonner Spaßband Homens Da Luta verdankt ihre Fahrt nach Düsseldorf ausschließlich den portugiesischen Fernsehzuschauern. Die haben die Jury überstimmt. Foto: dpa
Die Lissabonner Spaßband Homens Da Luta verdankt ihre Fahrt nach Düsseldorf ausschließlich den portugiesischen Fernsehzuschauern. Die haben die Jury überstimmt. Foto: dpa

Eine kleine Kölner Firma sorgt dafür, dass beim Telefonvoting für den Sieger des Eurovision Song Contests alles mit rechten Dingen zugeht.

Düsseldorf - Mehr als vier Jahrzehnte lang hatten beim Eurovision Song Contest die Jurys der Länder das Sagen. Bis 1998. Seither redet Volkes Stimme per Telefon ein gewichtiges Wörtchen mit. Ihr Votum fließt zu 50 Prozent in das Ergebnis ein. Tausende von Anrufen aus 43 Ländern müssen dafür innerhalb von Minuten gesammelt und ausgewertet werden - lange Zeit ein Ding der Unmöglichkeit. Erst an der Schwelle zum neuen Jahrtausend war die Technik so weit, die Mammutaufgabe zu lösen. 120 Millionen Menschen in aller Welt verfolgen den Wettkampf. Während der laufenden Sendung gehen 20.000 Anrufe und SMS ein - pro Sekunde.

Um dieses Datenaufkommen zu bewältigen, hat die Kölner Firma Digame Mobile die "größte und schnellste Televoting-Plattform weltweit" geschaffen, sagt ihr Geschäftsführer Werner Klötsch. Die Pan European Response Platform, kurz PERP, wurde erstmals 2004 in Istanbul eingesetzt. Digame beschäftigt normalerweise 25 Mitarbeiter, doch während der heißen Phase des Wettbewerbs sind 200 Menschen allein mit der Verarbeitung der Zuschauerstimmen beschäftigt.

In jedem Land arbeitet Digame mit mehreren Telekommunikationsfirmen, den sogenannten T-Partnern zusammen - 160 insgesamt. Dort gehen während der Abstimmung sämtliche Anrufe und SMS ein. Alle Partner sind mit der Zentrale in Köln verbunden, wo die Daten von der PERP-Software ausgewertet werden.

20.000 Anrufe aus aller Welt – pro Sekunde

So professionell lief die Abstimmung nicht immer ab. "Früher haben die Länder das Voting eigenständig organisiert", sagt Klötsch. "Das bedeutete, dass es letztlich fast keine Kontrolle gab." Kein Wunder also, dass bei der European Broadcasting Union bald der Wunsch laut wurde, den Willen der Zuschauer besser abzubilden. "Das Ziel war, die Abstimmung so sicher und zuverlässig wie möglich zu machen", sagt Klötsch, dessen gerade gegründete Firma sich damals gegen Schwergewichte der europäischen Telekommunikationsindustrie durchsetzte. Das war im Jahr 2003.

Seither folgt die Entscheidungsfindung in dem Sängerwettstreit strengen Regeln. Zwei Wochen vor der Veranstaltung bezieht ein kleines Team ein Büro am Ort des Geschehens. Als Erstes werden alle möglichen Ergebnisse durchgespielt. Die Beteiligten sollen die Abläufe im Schlaf beherrschen. Zudem stellt ein unabhängiges Wirtschaftsprüfungsunternehmen sicher, dass die Plattform korrekt und nach den Regeln der Punktevergabe rechnet.

Jetzt wird es ernst. Nach den beiden Halbfinals am Dienstagabend, am Mittwoch sowie am Freitag bewerten die Fachjurys den Auftritt der Interpreten. Die Punkteverteilung wird auf geheimem Weg nach Köln übermittelt. Sobald am Samstag die ersten Takte des ersten Finallieds erklingen, können endlich auch die Zuschauer zum Telefon greifen. Doch erst während des 15-minütigen Schnelldurchlaufs beginnen die Leitungen zu glühen. Dann muss alles schnell gehen: Die bei den T-Partnern eingegangenen Stimmen werden gesammelt und gezählt. Die Korrektheit der übermittelten Zahlen muss per Unterschrift und Identifikationsnummer bestätigt werden.

"Irgendetwas passiert immer"

Alle Stimmen aus einem Land werden in Publikumspunkte umgerechnet. Der Song mit den meisten Stimmen erhält bekanntlich zwölf Punkte, der zweite zehn und so weiter. Entfällt auf zwei Auftritte exakt dieselbe Zahl an Stimmen, erhält der Beitrag die höhere Punktzahl, der bei der Jury dieses Landes besser abgeschnitten hat. Führt auch das zu keinem eindeutigen Ergebnis, entscheidet der Zufall.

Nach dem gleichen Verfahren werden die Publikumspunkte und die Jurypunkte verrechnet und die neue Rangfolge ermittelt. Der gesamte Rechenvorgang dauert nur Millisekunden. Zeitintensiv sind hingegen die zahlreichen Kontrollmechanismen, mit denen Fehler und Manipulationen ausgeschlossen werden sollen. Vier Digame-Mitarbeiter kontrollieren jeden Schritt. Erst wenn sie die Freigabe erteilen, wird die Umrechnung gestartet. Sobald die Punkte berechnet wurden, übermittelt Digame das Gesamtergebnis an die beteiligten Sender. Parallel gehen die Punkte zur Digame-Außenstation in Düsseldorf und zu dem Unternehmen, das sich um die grafische Aufbereitung der Zahlen kümmert.

Klingt ganz so, als könne gar nichts schiefgehen. "Wissen Sie, irgendetwas passiert immer", sagt Klötsch gelassen. "Es kam schon vor, dass ein Land aus irgendwelchen Gründen kein Ergebnis liefern konnte. In diesem Fall zählt das Juryvotum zu 100 Prozent." Eine weitere typische Panne ist die Einblendung einer falschen Telefonnummer. Trotz minimaler Verzerrungen sei das System das fairste und transparenteste Televoting-Verfahren, das es je gegeben habe. "Denken Sie nur mal zurück an Dietmar Schönherr und seinen Lichttest Ende der 60er Jahre!" Damals stimmten die Zuschauer der Show "Wünsch dir was" durch Ein- und Ausschalten von elektrischen Geräten über die Kandidaten ab. Die E-Werke überwachten den Stromverbrauch und riefen dann im Studio an, um das Ergebnis zu übermitteln. "So was", sagt Werner Klötsch und lacht, "wäre heute schon allein aus umweltpolitischen Gründen nur schwer vorstellbar."

Hintergründe und Bilder zum Song Contest




Unsere Empfehlung für Sie