Evangelikaler Jugendkongress Teen Street Himmel und Hölle

Musik und emotionale Momente beim modernen Gottesdienst Foto: Teen Street

In Offenburg sind diese Woche zum wiederholten Mal knapp 1400 Jugendliche beim christlichen Teen-Street-Kongress zusammengekommen. Zwei einstige Teilnehmerinnen haben infolge der Veranstaltung viel gelitten.

Politik: Lisa Kutteruf (lis)

Die Bühne ist hell erleuchtet, der Saal dunkel, das Publikum steht. Als die Band den Refrain anstimmt, recken sich Hände in die Höhe. Ein Mädchen, Hand auf dem Herzen, bebender Körper, hat die Augen geschlossen und singt mit. Ein anderes, den Arm um die Freundin neben sich gelegt, wischt sich Tränen aus dem Gesicht. „Take courage, lift up your voice“, singen sie. „Cause Jesus is alive.“

 

Die jungen Frauen nehmen an einem Gottesdienst von Teen Street teil, einem internationalen christlichen Kongress für Jugendliche, der vergangene Woche zum wiederholten Mal auf dem Offenburger Messegelände stattgefunden hat. Die meisten Teenager kommen aus evangelikalen Freikirchen von mehr als 20 Ländern auf der ganzen Welt. Sie singen, sie spielen, sie beten – im Zentrum stehen die Bibelarbeit und der Austausch zu Lebens- und Glaubensfragen. Der Veranstalter Operation Mobilisation (OM), eine internationale Missionsgesellschaft mit evangelikalem Hintergrund, hält die Bibel für fehlerfrei und eine Autorität in allen Lebensfragen. OM will Jugendliche nach eigenen Angaben „in ihrem Leben mit Jesus“ ermutigen und sie „dabei unterstützen, gute Entscheidungen zu treffen“.

Viele kommen als Mitarbeiter zurück

Das kommt offenbar gut an. Das Festival ist in den vergangenen 30 Jahren von 53 auf zeitweise bis zu 4500 Teilnehmer angewachsen, erzählt Pressesprecherin Corinna Scharrenberg. In diesem Jahr sind es knapp 1400 Jugendliche. Bei Teen Street herrscht ein Gemeinschaftsgefühl, das viele Teilnehmende vor Ort loben. Scharrenberg spricht von einer Generation, die Gemeinschaft brauche – ganz besonders nach der Pandemie. „Viele Teenager kommen mit emotionalem Ballast hierher“, sagt Teen-Street-Leiter Matzi Vögelin. „Hier realisieren sie dann erst, dass sie das nicht alleine tragen müssen, dass es jemanden gibt, der ihnen hilft“ – und meint damit Gott. Viele der Jugendlichen kommen immer wieder auf den Kongress und steigen als Erwachsene ins Mitarbeiterteam ein.

Auch Sarah (Name geändert) ging diesen Weg. Sie erinnert sich noch gut daran, wie beeindruckt sie als Jugendliche von den Gottesdiensten mit Showcharakter war, von der Gemeinschaft. „Die Musik war mitreißend, und ich fand es super, dass Leute aus ganz Europa da waren“, erzählt sie heute. „Ich hatte das Gefühl, Teil von etwas Größerem, Bedeutsamem zu sein.“ Teen Street gab ihr Halt, manche Leitfiguren wurden ihr zu Vorbildern. Als Sarah älter war, ließ sie sich zur Gruppenleiterin schulen. Inzwischen sieht die Mittdreißigerin den Kongress kritisch.

Abspaltung von der unchristlichen Welt

Christliche Inhalte, charismatische Ansprache, emotionale Momente: Viele Teen-Street-Mitarbeiter wollten nur Gutes für die Jugendlichen, glaubt Sarah. Doch durch die vermeintlich modernen Predigten werde ein immenser Druck aufgebaut: Druck, eine gute Christin zu sein, Gott das eigene Leben zu übergeben, – Druck, sich moralisch korrekt zu verhalten. „Sexualität wird rigide behandelt“, sagt Sarah, „als etwas für die Ehe.“ Auch dass Masturbation und Homosexualität nicht gut seien, werde vermittelt. Durch diese Indoktrination finde, meist unbewusst, eine Absonderung von der nichtchristlichen Welt statt. Sie persönlich, erzählt Sarah, habe sogar Angst bekommen vor der „Welt draußen“. Zudem führe die Indoktrination dazu, alle Gedanken, die als sündig gelten, Satan zuzuschreiben. „Das kratzt am Selbstvertrauen, generiert viel Scham und innere Einsamkeit“, sagt Sarah.

Julia (Name geändert), ebenfalls in ihren Dreißigern und ehemalige Teen-Street-Teilnehmerin, kennt die Angst vor der „Welt draußen“ nur zu gut. Auf der einen Seite die gläubigen Christen, auf der anderen die ungläubigen Sünder, denen die Hölle droht – so beschreibt sie das Drohszenario, das sie früher im Kopf hatte. Wie bei Sarah spielte sich Julias Leben in einem evangelikalen Kosmos ab, sie hatte fast nur christliche Freunde. „Ich hatte Angst vor den Kommilitonen an der Uni, als ich zum Studieren in eine neue Stadt gezogen bin“, erzählt Julia. Den „bombastischen Gottesdienst“, die Emotionalisierung und charismatische Ansprache bei Teen Street bezeichnet sie heute als „extrem manipulativ“ und als Gehirnwäsche. „Alle möglichen Dinge werden als Sünde, als ‚unrein‘ deklariert“, sagt sie. Wie Sarah spricht sie von großem Druck. Sie erinnert sich an ihren eigenen Anspruch, von vollem Herzen eine gute Christin sein zu wollen – und von dem schlechten Gewissen, wenn sie das Gefühl hatte, dem nicht genügen zu können.

Sexuelle Ausrichtung mit Sucht gleichgesetzt

Was Sarah und Julia erzählen, ist offenbar keine Seltenheit in evangelikalen Gemeinschaften. In diesen Gruppen herrsche häufig „ein sehr intensives Frömmigkeitsleben, das einen großen bis sehr großen Zeitinvest erfordert“, sagt Sandra Kemp, Diakonin der Evangelischen Landeskirche Baden für Weltanschauungsfragen. „Diese starke Einbindung kann zu großem Druck führen.“

Viele Jahre wollte Sarah die Erwartungen erfüllen und Jesus „mit Haut und Haaren dienen“, wie sie sagt. Doch dann verliebte sie sich in eine Frau – und eine schwere Zeit brach an. Sarah begann mit der sogenannten Konversionstherapie, einem Prozess, der ihre sexuelle Orientierung verändern sollte. Mittlerweile sind solche Therapien in Deutschland verboten. „Ich habe viele Jahre versucht, durch Seelsorge herauszufinden, wie es zu meiner Homosexualität kommen konnte. Was ist falsch gelaufen? Und wie kann ich zu meiner Weiblichkeit zurückkehren?“, erzählt sie.

In der Seelsorge sei ihre sexuelle Ausrichtung mit einer Sucht verglichen worden. „Auch Hitler war homosexuell“, habe es etwa geheißen. Über diese Zeit zu sprechen, fällt Sarah bis heute schwer. Irgendwann war sie psychisch am Tiefpunkt angelangt. „Ich fragte mich: Hätte Gott mich lieber tot als mit einer Frau zusammenlebend?“ Doch irgendetwas in ihr wand sich, als würde ihre Seele der ihr zugedachten Sorge einen Riegel vorschieben. Sarah begann zu zweifeln. „Wissen die, was dieser Druck für Menschen bedeuten kann?“, fragt sie heute. Teen-Street-Leiter Vögelin und Sprecherin Scharrenberg zeigen sich betroffen angesichts von Sarahs Leidensweg. Vögelin gibt sich beim Thema Sexualität offen. Menschen jeglicher sexuellen Ausrichtung seien auf dem Kongress willkommen. „Was wir vermitteln wollen, ist, in Liebe den Menschen zu begegnen“, sagt Vögelin. „Wir glauben, dass Sex in die Ehe gehört“, betont Scharrenberg aber.

Teen Street gibt sich vage

Darüber hinaus bleiben die Auskünfte vage. Vorgaben vermittle Teen Street in den Gottesdiensten nicht. Was in den Kleingruppen die verschiedenen Teamleiter erzählte, könne man jedoch nicht im Detail kontrollieren. Doch was würde die Kongressleitung einem Teamleiter raten, sollte sich ein Teenager outen und das Gespräch über seine Sexualität suchen? „Wir hören erst einmal zu“, antwortet Vögelin. „Oft ist das Gespräch total wichtig“, bekräftigt Scharrenberg, „auch, um zum Beispiel herauszufinden: Ist diese Person jetzt wirklich homosexuell oder ist es vielleicht auch etwas anderes, das sie umtreibt?“ In jedem Fall sei ein Seelsorgeteam vor Ort, das helfen könne, weitere Schritte zu beraten. Auf die Nachfrage hin, was unter diesen Schritten zu verstehen ist, windet sich das Leitungsteam. Das sei von Fall zu Fall verschieden. Gott liebt den Sünder und hasst die Sünde?

Sarah und Julia haben ihren Gemeinden und Teen Street nach langem Leidensweg den Rücken gekehrt. Sie haben andere Menschen kennengelernt – in der Welt draußen.

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