Evangelische Kirche Neuer Vorstoß für die „Ehe für alle“

Die evangelische Kirchengemeinde in Zuffenhausen ermöglichte als eine der ersten die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Foto: Licht/t/Verena Ecker

Soll sich die Kirche weiter für homosexuelle Paare öffnen? Vier Jahre nach dem Kompromiss zur Homo-Ehe droht neuer Streit unter Württembergs Protestanten.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Am Ende ist es keine große Sache mehr gewesen. Selbst in der Gemeindeversammlung habe niemand dagegen gesprochen, sagt Beatrice Kenntner, die Laienvorsitzende des Leinfeldener Kirchengemeinderats. „Jetzt fehlt nur noch das endgültige Okay des Oberkirchenrats.“ Dann kann sich die evangelische Kirchengemeinde in Leinfelden offiziell Regenbogengemeinde nennen. Und die beiden Pfarrer dürfen in den drei Kirchen schwule und lesbische Paare in öffentlichen Gottesdiensten segnen.

 

Änderung mit Dreiviertelmehrheit

Was in Leinfelden gerade so geräuschlos über die Bühne gegangen ist, hat die württembergische Landessynode vor vier Jahren an den Rand der Spaltung gebracht. Und nun droht neuer Streit. Denn ein Antrag, den gut die Hälfte der Synodalen unterschrieben hat, will den damals zwischen Liberalen und Pietisten ausgehandelten Kompromiss aufschnüren. Bisher kann eine Kirchengemeinde nach „vertiefter Befassung“, wie der zuständige Oberkirchenrat Jörg Schneider es ausdrückt, die entsprechende Änderung der Gottesdienstordnung mit Dreiviertelmehrheit beschließen. Der neue Antrag will dies umkehren: Alle Kirchengemeinden sollten künftig segnen. Wer dies ablehne, solle sich dazu mit Zwei-Drittel-Mehrheit bekennen.

Die Trauzahlen sind immer noch gering

Die heute geltende Praxis beinhalte „nach wie vor Diskriminierung“, sagt der Sprecher des liberalen Gesprächskreises „Offene Kirche“, der Ludwigsburger Professor Thomas Hörnig. Insbesondere sei unbefriedigend, dass streng genommen nicht die Ehe, sondern nur die beiden Einzelpersonen gesegnet werden dürften. In der Folge seien die Trauzahlen immer noch gering. Zudem sei das Verfahren für die Gemeinden „relativ bürokratisch“.

Tatsächlich scheint das Interesse der Kirchengemeinden an der „Ehe für alle“ schwächer zu sein, als sich dies die Progressiven in der Kirchenversammlung 2019 erhofft hatten. Vier Jahre nach dem Start sind vor allem die größeren Städte mit Regenbogengemeinden bestückt. Das Modell laufe gut, heißt es aus dem Oberkirchenrat. Für alle Kirchenmitglieder gebe es in räumlicher Nähe ein Angebot, behauptet der Sprecher Dan Peter. Richtig ist aber auch, dass es in zwölf der 47 Diakonate noch überhaupt keine Regenbogengemeinde gibt.

Kompromiss mit „Blut und Tränen“

Insgesamt haben 113 Kirchengemeinden – also etwa zehn Prozent – das Prozedere durchlaufen. Im Kompromiss hatte es geheißen, man werde das Thema wieder aufrufen, wenn der Anteil der Regenbogengemeinden 25 Prozent erreicht habe. Davon sei man noch ein gutes Stück entfernt, sagt der Pfarrer Matthias Hannßmann, Sprecher des konservativen Gesprächskreises Lebendige Gemeinde. Der Kompromiss sei „mit Blut und Tränen“ geschrieben worden. Der Erfolg sei aber gewesen, dass beide Seiten akzeptiert hätten, dass es in der Landeskirche unterschiedliche Auslegungen gebe. Der neue Antrag stelle den Kompromiss nun auf den Kopf. „Ich glaube nicht, dass das der Türöffner wäre.“ Eine neue Diskussion halte er zum jetzigen Zeitpunkt für ein Unding. „Das haben wir auch deutlich gemacht.“

Eine Verweisung in die Ausschüsse konnte die LG nicht verhindern. In der Synode verfügt sie jedoch über eine Sperrminorität. Allerdings musste sie bei der Kirchenwahl 2020 Federn lassen. Vier Sitze gingen verloren. Manche meinen: wegen der ablehnenden Haltung gegenüber der „Ehe für alle“. Amrei Steinfort von der Mittelgruppierung „Evangelium und Kirche“ überrascht der neuerliche Vorstoß jedenfalls nicht. „Viele haben sich genau deshalb in die Synode wählen lassen“, sagt die Tuttlinger Schuldekanin. Vor vier Jahren sei der Kompromiss richtig gewesen. „Es war der erste Schritt.“ Inzwischen sei aber auch mancher pietistische Hardliner ins Nachdenken gekommen. „Vielleicht tut sich etwas.“

Badens Kirche war die erste

Vorreiter
Die ersten Segnungsgemeinden der württembergischen Landeskirche im Januar 2020 waren die Stadtkirche in Bad Cannstatt, die Johanneskirche in Esslingen sowie die Kirchengemeinden in Ummendorf und Klingenberg. Inzwischen sind 113 von 1169 Gemeinden Regenbogengemeinden.

Nachzügler
Innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist die Württembergische Landeskirche ein Nachzügler. In der badischen Landeskirche ist schon seit 2016 eine vollwertige Trauung für gleichgeschlechtlich Liebende möglich. Seither folgten fast alle anderen Landeskirchen. Bayern und drei andere Landeskirchen kennen ebenfalls nur die öffentliche Segnung, allerdings nicht nur als Möglichkeit für einzelne Segnungsgemeinden. Grundsätzlich gilt überall: Pfarrer, die eine Segnung oder Trauung ablehnen, werden nicht dazu gezwungen.

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