Evolution Die scharfen Klingen der Affen

Von Roland Knauer 

Die Rückenstreifen-Kapuziner bringen Forscher zum Nachdenken. Sie verfügen über Steinwerkzeuge, die denen der Frühmenschen ähneln und sich auch zum Schneiden eignen. Doch dafür nutzen die Affen sie gar nicht.

Kapuzineraffen in Brasilien klopfen auf Steine, um scharfkantige Bruchstücke zu gewinnen, die den Werkzeugen früher Menschen ähneln. Foto: dpa
Kapuzineraffen in Brasilien klopfen auf Steine, um scharfkantige Bruchstücke zu gewinnen, die den Werkzeugen früher Menschen ähneln. Foto: dpa

Oxford - Finden Paläoanthropologen bei einer Ausgrabung Steine mit messerscharfen Kanten, die nahe bei einander liegen, schießt ihnen sofort ein Gedanke durch den Kopf: Diese Gegenstände haben Steinzeitmenschen oder deren nahe Verwandtschaft einst hergestellt und als Blatt oder Klinge für eine Axt oder ein Messer verwendet. Damit konnten sie Beutetiere erlegen und aufschneiden. Doch möglicherweise kommen als Werkzeugmacher auch Kapuzineräffchen infrage, wie Tomos Proffitt und Lydia Luncz von der Universität im englischen Oxford jetzt in der Zeitschrift „Nature“ berichten.

Ähnlich wie einst die Steinzeitmenschen stellen nämlich auch die Rückenstreifen-Kapuziner im Nationalpark Serra da Capivara im Osten Brasiliens solche scharfen Steinklingen her. Der Gebrauch von Werkzeugen ist ihnen ebenfalls geläufig: „Sie hämmern mit Steinen auf Nüsse, um an den nahrhaften Kern heranzukommen“, erklärt Ammie Kalan vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die selbst das Verhalten von Schimpansen untersucht. Diese Tiere schlagen unter anderem mit Steinen auf Bäume – womöglich, um sich mit dieser Art von Trommel untereinander zu verständigen.

Die Affen erzeugen Abbruchkanten im Quarz, die messerscharf sind

Die Rückenstreifen-Kapuziner in Brasilien nehmen ebenfalls rundliche Quarzsteine in die Hände. Damit graben sie leckere Knollen aus dem Boden oder nutzen den Stein als Hammer, mit dem sie Nüsse öffnen. Manchmal aber schlagen sie damit auch mit ziemlicher Wucht auf andere Quarzstücke, die noch fest im Untergrund stecken. Das ist zwar ebenfalls recht laut, dient aber – anders als die Baumtrommeln der Schimpansen – wohl kaum der Verständigung. Vielmehr wollen die Kapuzineräffchen die Steine beschädigen, vermuten die Forscher in Oxford.

Das gelingt ihnen ziemlich gut: Immer wieder springen Splitter vom „Hammer“ ab, den sie in den Händen halten, oder von dem Stein, der noch im Boden steckt. Die so erzeugten Abbruchkanten sind im Quarz oft messerscharf. Mit ihrer Hilfe könnte man auch die Pflanzennahrung der Kapuzineraffen gut zerlegen. Die Tiere haben also Klingen hergestellt – nur scheint ihnen das gar nicht klar zu sein. Jedenfalls konnten die Forscher kein einziges Mal beobachten, dass die Äffchen ihre Klingen auch als solche benutzt hätten. Sie begnügen sich vielmehr damit, etliche der frisch erzeugten Bruchstücke abzulutschen. Die Wissenschaftler in Oxford vermuten daher, die Rückenstreifen-Kapuziner versuchen durch ihr Hämmern an Spurenelemente wie zum Beispiel Silizium heranzukommen, die im entstandenen Quarzstaub enthalten sind. Konkrete Hinweise auf diese Theorie nennen sie allerdings nicht.

Verhaltensbiologen fasziniert dieses Verhalten

Verhaltensbiologen wie Ammie Kalan aber fasziniert diese Beobachtung aus einem ganz anderen Grund: „Solche scharfen Bruchkanten herzustellen hat man bisher nur dem Menschen und seiner unmittelbaren Verwandtschaft zugetraut“, sagt die Forscherin. Irgendeiner unserer Vorfahren könnte vor wenigen Millionen Jahren ähnlich wie die Affen in Brasilien Steine aufeinander geschlagen haben und dabei Bruchstücke mit scharfen Kanten erzeugt haben. Als er erkannte, dass er mit diesen Splittern zähe Pflanzenfasern oder Tierhäute durchschneiden konnte, hatte er die erste Klinge erfunden.

Diese schöne Theorie stellt Frühmenschenforscher allerdings auch vor eine neue Herausforderung: Weil der Körper eines Menschen nach seinem Tod normalerweise relativ rasch zerfällt und auch die Knochen bis auf sehr wenige Ausnahmen nach einiger Zeit verschwunden sind, ist von unseren Urahnen, die vor ein paar Hunderttausend oder sogar vor wenigen Millionen Jahren lebten, wenig übrig geblieben. Steine und daraus hergestellte Werkzeuge sind dagegen viel haltbarer und dürften die Jahrmillionen viel häufiger unbeschadet überstehen.

Die Beobachtung widerlegt das Alleinstellungsmerkmal

Oft genug finden Frühmenschen-Forscher daher als Hinweis auf unsere Vorfahren nur solche Steine mit scharfen Kanten, die ein geschickter Werkzeugmacher mit einem Steinhammer hergestellt hat. Bisher dachten Wissenschaftler dabei immer an die nahen Verwandten des Menschen. Die Beobachtung bei den Kapuzineraffen in Brasilien aber widerlegt dieses Alleinstellungsmerkmal.

„Deshalb müssen wir aber noch lange nicht alle Funde von Steinen mit scharfen Kanten aus der frühen Steinzeit Afrikas misstrauisch betrachten“, erklärt Hélène Roche vom französischen Grundlagenforschungszentrum CNRS in Paris-Nanterre in einem weiteren Artikel in „Nature“. Die ältesten dieser Relikte sind 3,3 Millionen Jahre alt, bei etlichen von ihnen gibt es deutliche Hinweise auf Frühmenschen als Werkzeugmacher. Das können zum Beispiel Überreste von in seltenen Fällen erhaltenen Tierknochen sein, auf denen noch Kratzspuren von den Steinklingen erhalten sind, wie sie nur beim Zerlegen eines toten Tiers entstehen. Außerhalb der Regenwälder Afrikas steht diese Werkzeuggeschichte daher normalerweise auf einem stabilen Fundament.

Ein wenig schwieriger ist die Situation dagegen in feuchteren Gebieten. Dort haben die Leipziger Max-Planck-Forscher in Westafrika bereits völlig andere Steinwerkzeuge beschrieben, die Schimpansen vor über 4000 Jahren zum Knacken von Nüssen nutzten. Solche Funde lassen sich oft gut von den Werkzeugen des modernen Menschen unterscheiden: „Die Klingen von Äxten schlagen Menschen zum Beispiel normalerweise gezielt und symme­trisch auf beiden Seiten scharf“, erklärt Ammie Kalan. An die Spurenelemente in einem Stein kommt ein Affe dagegen mit viel weniger Aufwand und weniger gut gezielten Schlägen.