Evolution Ein Disneyland für Darwins Gegner

Von  

Evolutionsgegner haben mehr als 100 Millionen Dollar in ein Museum in Form der Arche Noah investiert. Entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnis glauben die Kreationisten, dass die Erde erst 6000 Jahre alt ist.

Für Mark Looy (li.) und Ken Ham ist die Erde  nur 6000 Jahre alt. Ihre Arche  Noah wurde nach den Maßangaben in der Bibel gebaut. Foto: Fras
Für Mark Looy (li.) und Ken Ham ist die Erde nur 6000 Jahre alt. Ihre Arche Noah wurde nach den Maßangaben in der Bibel gebaut. Foto: Fras

Williamstown - D as Bauwerk bringt Ken Ham ins Schwärmen. „Das ist ein modernes Weltwunder“, sagt der Mann im blauen Karohemd. Jetzt dreht er sich schwungvoll um, so dass der weiße Bauarbeiterhelm auf seinem Kopf in Bewegung gerät. Dann zeigt er auf das Bauwerk aus Holz. 155 Meter ist es lang, 25 Meter breit und 15 Meter hoch, an der Seite hat es eine Ladeluke. Es ist ein blass-beiges Schiff, das auf dem Trockenen liegt. Es ist ein ganz besonderes Schiff, gebaut nach den Maßangaben in der Bibel. „Das ist größer als Disney, größer als Hollywood“, sagt Ken Ham: „Niemand außer Noah hat so etwas gebaut.“

Der Tonfall des hageren Mannes ist bestimmt, so als wolle er sich von den ewigen Zweiflern nicht das gute Gefühl nehmen lassen, demnächst Tausenden, besser Millionen von Besuchern zeigen zu können, wie es seiner festen Überzeugung nach wirklich ablief. Damals, als die Welt noch jung war und Noah seine Arche baute. Dazu hat Ken Ham in den vergangenen 13 Monaten einen gigantischen Bibel-Erlebnispark in die grünen Hügel von Williamstown im US-Bundesstaat Kentucky bauen lassen. An diesem Donnerstag wird seine Arche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Eintrittskarte für Erwachsene kostet 40 Dollar. „Disney verlangt noch viel mehr, 100 Dollar pro Kopf“, sagt Mark Looy, der zusammen mit Ham die Idee hatte, die Arche Noah nachzubauen.

Ein Besuch in Williamstown ist wie das Eintauchen in eine Welt, in der die biblische Schöpfungsgeschichte Verfassungsrang hat. Oberster Verfassungsrichter ist gewissermaßen Ken Ham, der vor 64 Jahren in Australien zur Welt kam. Er ist ein Kreationist. Genau genommen ist er ein Junge-Erde-Kreationist. Das sind fundamentale Christen, die die Bibel wörtlich nehmen und der Überzeugung sind, dass Gott die Erde vor rund 6000 Jahren in sechs Arbeitstagen à 24 Stunden erschaffen hat, bevor er am siebten Tag verschnaufte. Demnach lebten anfänglich Menschen wie Dinosaurier nebeneinander auf der Erde. Demnach wurde die Welt vor ungefähr 4000 Jahren von einer Sintflut heimgesucht, weswegen Noah eine Arche bauen musste, um sich, seine Familie und das Getier vor dem sicheren Tod zu retten. Im Buch Genesis, so sagen die Kreationisten, heiße es schließlich in Kapitel 7, Vers 7: „Noah ging also mit seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhne in die Arche, bevor das Wasser der Flut kam.“ Und was in der Bibel stehe, das stimme, sagen die Kreationisten.

Hatte der Neandertaler ein Rückenleiden?

Zwar ist wissenschaftlich untermauert, dass das Universum und die Erde schon vor mehreren Milliarden Jahren entstanden sind. Doch Big Bang und Darwins Evolutionslehre gelten in Kreationisten-Kreisen nichts. „Schauen Sie doch mal bitte, der Neandertaler“, sagt Mark Looy und geht über eine Rampe in den ersten Stock der Arche, vorbei an Arbeitern, die sich an den Käfigen für die Tierfiguren zu schaffen machen, die noch ins Schiff   getragen werden müssen. Der Neandertaler, sagt Looy, sei ganz gewiss kein Bindeglied zwischen Affen und Menschen. Der habe doch nur deswegen nicht ganz aufrecht gehen können, weil er ein Rückenleiden gehabt habe. Ein Beleg dafür, dass der Mensch vom Affen abstamme, sei er nicht.

Mark Looy ist ein heiterer Kalifornier von 62 Jahren. Er hat Geschichte studiert und seine Magisterarbeit über William Wilberforce geschrieben, einen britischen Politiker aus dem frühen 19. Jahrhundert, der sich einen Namen als gestrenger Christ und Gegner der Sklaverei gemacht hat. Looy sagt, er habe nichts gegen Leute, die an Darwin glaubten. „Da, schauen Sie, diesen Holzdübel hat Jimmy Carter eingeschlagen, und der glaubt auch an Darwin“, ruft Looy aus und deutet auf eine Stelle am Geländer. In der Tat war der frühere US-Präsident vor ein paar Wochen zu Besuch, weil er ein Freund des Bauunternehmers ist, der den Auftrag für die Holzarbeiten in der angeblich größten Holzkonstruktion der Welt bekommen hat. Natürlich wurde Carter gefragt, wie er es denn mit Darwin beziehungsweise mit der wortwörtlichen Auslegung der Schöpfungsgeschichte halte. Carter, inzwischen 91, antwortete mit einem diplomatischen Sowohl-als-auch. Er glaube an die Evolutionstheorie, aber auch an die Allmacht Gottes.

„Wir haben kein Problem mit Andersdenkenden“, sagt Mark Looy. Das könne man schon daran sehen, dass man sich für die Besucher der Arche von Kentucky etwas Besonderes habe einfallen lassen. Wer auf Einlass warten müsse, weil nur 3000 Menschen gleichzeitig in das Schiff dürfen, der könne auf einem Bildschirm einem witzigen Dialog lauschen, sagt Looy. Ein Noah-Darsteller werde darin von einem Schauspieler befragt, der die Rolle eines britischen Boulevard-Journalisten übernimmt. „Glauben Sie mir“, sagt Looy, „britische Boulevard-Journalisten sind besonders lästig und fragen ganz scharf nach.“

Der Kreationismus als wahre Lehre

„Ich habe früher auch geglaubt, dass Darwin recht hat“, sagt Looy im Plauderton, als er seine Besucher an Emzaras Café vorbeiführt, das Sitzplätze für 1500 Besucher hat. Emzara war Noahs Frau, so steht es in der Bibel. Doch spätestens seit er vor mehr als 30 Jahren Ken Ham kennengelernt habe, sei er überzeugt, dass der Kreationismus die wahre Lehre sei, sagt Looy. Dann geht er weiter zu der Stelle in der Arche, an der das Wohnquartier der Familie Noah ist. Die Gesichtszüge der Figuren sind eine Mischung aller Menschenrassen. Schließlich glauben Kreationisten, dass die Menschheit von den einzigen Überlebenden der biblischen Flut abstammt.

Looy zeigt auf eine Schautafel, die – wie alle Ausstellungsstücke in der Arche – erläutert, wie es der Überzeugung der Kreationisten nach wirklich war. Nach der Flut sei eine Eiszeit über die Welt gekommen. Das müsste dann so ungefähr vor 4000 Jahren gewesen sein. Wissenschaftler haben allerdings bisher keinen Beleg dafür gefunden, dass es in den vergangenen 6000 Jahren eine Sintflut gegeben hat. Das spricht auch gegen die Eiszeit. Mark Looy lacht auf. Immer diese Verweise auf die säkulare Wissenschaft. „Wir wissen bis heute nicht genau, wie die Ägypter die Pyramiden gebaut haben. Warum sollte also Noah die Arche nicht gebaut haben können?“

Die Arche Noah in Kentucky ist das zweite Projekt, mit dem Ken Ham und Mark Looy ihre Botschaft unters Volk bringen und Geld verdienen wollen. Seit neun Jahren betreiben sie „Answers in Genesis“ („Antworten in der Schöpfung“). Das ist ein Kreationisten-Verlag, der Bücher, Videos und Magazine herausgibt. Mehr   als zweieinhalb Millionen Menschen haben inzwischen das angeschlossene Genesis-Museum besucht, das etwa eine Autostunde von der Arche entfernt ist. Die Arche soll noch mehr Besucher anlocken. Looy sagt, man rechne mit mindestens 1,4 Millionen Menschen pro Jahr, wahrscheinlich würden es aber zwei Millionen.

Das nächste Projekt ist der Turmbau zu Babel

Die wortwörtliche Auslegung der Bibel ist Big Business in den USA. Ham und Looy erzählen, dass 43 000 Einzelspender insgesamt 38 Millionen Dollar für den Bau der Arche gestiftet hätten. Viele hätten auch Arche-Anleihen gekauft, die mit sechs Prozent verzinst seien. Ken Ham plant bereits eine Ausweitung der biblischen Erlebniswelt. Neben der Arche soll ein Dorf entstehen, wie es um die Zeit von Christi Geburt im Heiligen Land gestanden haben könnte. Auch der Turmbau zu Babel soll rekonstruiert werden.

Ken Ham ist Missionar und Geschäftsmann mit klaren Prinzipien. Wer in der Arche einen dauerhaften Arbeitsplatz finden will, muss unterschreiben, dass er Hams Lesart des Christentums teilt und nicht homosexuell ist. Das entfachte Protest, und der Staat Kentucky zog seine Zusage für Steuernachlässe in Höhe von 18 Millionen Dollar wieder zurück. Doch ein Richter entschied, dass Touristenattraktionen, selbst wenn sie religiöse Zwecke verfolgen, steuerlich begünstigt werden müssen.

Jetzt lächelt Ham, und er kneift die Augen zusammen, um sie vor der grellen Mittagssonne zu schützen. Dann sagt er, das Schiff sei größer als Disney und deswegen auch mehr als ein Vergnügungspark. „So wie die Säkularen ihre Botschaft in ihren Museen verbreiten, so wollen auch wir unsere christliche Botschaft unter die Leute bringen.“   Alle seien willkommen, „auch jene, die nur ein großes Holzschiff sehen wollen“. Angesichts der Baukosten von mehr als 100 Millionen Dollar ist das auch nicht verwunderlich.

Unsere Empfehlung für Sie