Die Füße gemütlich hochlegen und den Tag vorbeiziehen lassen, nachdem er ausgiebig ausgeschlafen hat – nein, das stellt sich Joachim Wolf so mal gar nicht für seinen Ruhestand vor. Im Gegenteil, dem ehemaligen Bürgermeister von Korntal-Münchingen schwebt eine zweite politische Karriere vor.
Nachdem der 64-Jährige im Juli nach 16 Jahren den Chefsessel an seinen Nachfolger Alexander Noak (parteilos) übergeben hat, strebt er im Stuttgarter Stadtparlament den Seitenwechsel an: Die Freien Wähler (FW), die vier von 60 Stadträten stellen, wollen Joachim Wolf nach der Kommunalwahl am 9. Juni in ihren Reihen sehen. Der promovierte Sportwissenschaftler aus dem Stuttgarter Westen rangiert auf der Liste auf Platz vier – nach Rose von Stein (Vorsitzende), Alex Brodbeck und Michael Schrade. Zur Regionalwahl steht Joachim Wolf auf Listenplatz zwei hinter dem Wirtschaftsingenieur und FW-Kreisvorsitzenden Andreas Lorey.
Dem Gemeinwohl verpflichtet
Der alles ins Rollen brachte. Joachim Wolf erzählt, Andreas Lorey, den er aus seiner Zeit als Bürgermeister kenne, habe ihn gefragt, ob er Lust habe zu kandidieren. Hat Joachim Wolf, seitdem er sich davon überzeugt hat, dass die Einstellungen und Ziele der Fraktion in Stuttgart mit seinen übereinstimmen – allen voran: dem Gemeinwohl verpflichtet zu sein. Schon als Rathauschef habe er sich seine Mehrheiten immer da gesucht, wo er am Ende das aus seiner Sicht beste Ergebnis für die Stadt und die Bürger erzielt. Bis zu seiner Wahl im Jahr 2007 gehörte Joachim Wolf der SPD an. Die folgenden 16 Jahre an der Rathausspitze war er parteilos.
Und noch etwas ist dem 64-Jährigen bei der Kandidatur als Stadtrat wichtig: „Wenn ich antrete, dann möchte ich auch eine realistische Chance haben, gewählt zu werden“, sagt Joachim Wolf. Er wolle kein Lückenfüller sein. Eine Ansicht, die die Freien Wähler wertgeschätzt hätten. „Und jetzt schauen wir mal“, sagt Joachim Wolf. Er werde sein Bestes geben und hoffe auf einen Wahlsieg – der aber kein Selbstläufer sei. Der Stuttgarter Westen sei kein traditionelles Freie-Wähler-Gebiet, sagt Joachim Wolf, sondern geprägt von den Grünen und der SPD. „Vielleicht überholen mich auch andere Bewerber.“
Nachhaltige Stadtentwicklung und sozialer Frieden
Was er als Stadtrat anpacken will, weiß er jedenfalls schon: Eine nachhaltige Stadtentwicklung ist ihm wichtig. Wohnbebauung, Gewerbe oder Verkehr müssten im Einklang mit den Herausforderungen der Klimakrise stehen. Stuttgart müsse resilient sein gegenüber dem Klimawandel. Zweites Thema: der soziale Frieden. „Wir müssen die Demokratie stärken“, meint Joachim Wolf. Als Stadtrat sei man dem Bürger noch am nächsten. Die Frage sei auch mit Blick auf die Bildung, wie man den negativen Entwicklungen entgegenwirken könne. In Kindergärten und Schulen etwa gelte es, das Bewusstsein für den Wert der freiheitlichen, demokratischen Grundordnung zu stärken. „Damit Stuttgart eine lebenswerte und friedliche Stadt bleibt.“ Nicht unterschätzt sehen will er das Amt in der Regionalversammlung. Viele Beispiele wie der Nahverkehr würden zeigen, wie stark die Region Einfluss auf die Städte und Gemeinden nehme.
Sein Interesse, seine Leidenschaft für Kommunalpolitik ist dem Ex-Bürgermeister also geblieben. Die Begeisterung sei nicht plötzlich weg, nur weil er sich für eine dritte Amtszeit nicht mehr zur Verfügung stellte. „Ich wollte nur nicht mehr so fremdbestimmt sein und die Belastung spürbar niedriger halten“, so Wolf. Im Sommerurlaub in Italien – „meine zweite Heimat“ – habe er die nötige Ruhe und Gelassenheit gefunden zu überlegen, wie er seine „wiedergewonnene Freiheit“ idealerweise nutze.
Blick weiter Richtung Korntal-Münchingen gerichtet
Überhaupt sei es ihm gut ergangen, seitdem er das Rathaus hinter sich gelassen hat. Dank des Urlaubs habe er einen „sanften Übergang“ erlebt und die Umstellung als „nicht so krass“. Gleichwohl sei es schon komisch gewesen, nicht mehr ins Büro zu gehen. Entzugserscheinungen habe er zwar keine, dennoch verfolge er, was an seinem ehemaligen Arbeitsplatz passiert. Zumal es politische Entscheidungen zu Projekten gebe, in deren Vorgeschichte er noch involviert war. Wie das Mammutprojekt neue Mehrzweckhalle am Schulcampus im Stadtteil Münchingen. „Ich habe es mit Erleichterung aufgenommen, dass sie gebaut wird“, berichtet Joachim Wolf. Mit seinem Nachfolger, mit Mitarbeitern der Stadtverwaltung, aber auch mit einigen Gemeinderatsmitgliedern halte er losen Kontakt. „Ich mische mich nirgends ein, es sei denn, ich werde gefragt.“
Neben seinen möglicherweise künftigen Ämtern als Stadt- und Regionalrat kann sich Joachim Wolf auch einen Job vorstellen, bei dem er sein Wissen und seine Erfahrung einbringen kann, ebenso die als einstiger Leiter des Schul-, Sport- und Bäderamts in Sindelfingen. Und auch mit dem Sport fühle er sich immer noch verbunden. Für ein Ehrenamt sei er offen. Was auch immer die Zukunft bereithält: „Mir wird nicht langweilig, der Tag geht rum“, sagt Joachim Wolf und lacht. Er treibe zum Beispiel mehr Sport und beschäftige sich mit seinem Hund, ein Rhodesian Ridgeback. „Es ist erstaunlich, wie ich all meine Aufgaben früher geschafft habe.“