Ex-Jugendspieler des VfB Stuttgart Vom Talent zum Trainer – was Matthias Jaissle zu seiner Karriere sagt

Cheftrainer Matthias Jaissle will mit Red Bull Salzburg das Double holen. Foto: imago/Eibner

Er war auf dem Weg zu einem Topspieler, ehe ihn Verletzungen stoppten. Nun ist Matthias Jaissle Trainer – und spricht im Interview über seine Anfänge beim VfB Stuttgart, Ralf Rangnick und seinen Start in Salzburg.

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Salzburg - Von seinen 16 Pflichtspielen mit Red Bull Salzburg hat der bislang ungeschlagene Cheftrainer Matthias Jaissle (33) stolze 15 gewonnen. Die zehn Siege in den ersten zehn Spielen der österreichischen Bundesliga bedeuten zudem die Einstellung des eigenen Ligarekords.

 

Herr Jaissle, die „Salzburger Nachrichten“ schreiben im Zusammenhang mit Ihnen bereits vom „Unbesiegbaren“. Müssen Sie sich manchmal ob des Erfolgs Ihres Teams selber zwicken?

Kneifen nicht. Wir waren schon überzeugt davon, eine gute Mannschaft zu haben. Aber mit so einem Start konnte man nicht rechnen. Für mich ist diese Serie die Folge von harter Arbeit und von der Disziplin meiner Mannschaft. Es ist beeindruckend, wie wissbegierig unsere Jungs die Dinge aufsaugen, die wir ihnen als Trainerteam mit auf dem Weg geben. Neben dem 1:1 in der Champions League in Sevilla haben wir bisher die volle Ausbeute geholt. Natürlich bin ich damit extrem zufrieden – und fühle mich hier obendrein auch persönlich sehr wohl.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Alles zum VfB in unserem Newsblog

Bei Ihrer Vorstellung im Sommer gab es aber auch Skeptiker im Umfeld des Vereins.

Es gab tatsächlich einige kritische Stimmen, die gesagt haben: Wie kann man so einen jungen Trainer einstellen bei den Ansprüchen, die Red Bull Salzburg hat? Mir war von Beginn an klar, dass die Erwartungen hier sehr hoch sind: Du solltest jedes Jahr Meister werden, möglichst den Pokal holen und am besten noch in der Champions League für Furore sorgen. Der Verein hat mir diese große Chance gegeben – und dafür bin ich extrem dankbar. Die Bedingungen hier sind hervorragend, sodass Salzburg nicht nur für junge Spieler, sondern auch für Trainer ein toller Standort ist.

Bisher haben Sie die Ansprüche ja bestens erfüllt. Was sollte ein Trainer mitbringen?

Ich meine, er muss authentisch sein, seine Art glaubwürdig rüberbringen. Mir war es als Spieler auch immer sehr wichtig, dass ich keinen Trainer habe, der mir Dinge erklärt, die er selber nicht vorlebt. Ansonsten sind die Aufgaben vielfältig: Neben dem Fußball ist man noch als Manager und als Führungskraft der Spieler gefragt. Ein guter Motivator zu sein, ist auch ein Teil des Puzzles. Gerade bei einer so jungen Mannschaft wie unserer.

In Salzburg gilt der Jugendstil

Zuletzt betrug das Durchschnittsalter Ihrer Startelf 20,8 Jahre. Was halten Sie von so viel Jugendstil?

Es ist die klare Philosophie des Vereins, auf junge Talente zu setzen und diese konsequent weiterzuentwickeln. Dessen war ich mir von vornherein bewusst – und es ist einfach schön, all diese Toptalente auf ihrem nächsten Schritt zu begleiten.

Als Junge aus Neckartailfingen sind Sie einst in der C-Jugend zum VfB gekommen.

Es war bei mir der klassische Ablauf. Als Kind vom Dorf habe ich mit vier Jahren bei den Bambini angefangen, bin dann später von Regionalscouts gesichtet worden, ehe mich auch der VfB im Auge hatte. Von der U 15, wo Thomas Tuchel mein erster Trainer gewesen ist, habe ich dann bis zur U 19 in Stuttgart gespielt, ehe mich Ralf Rangnick ins Regionalliga-Team der TSG Hoffenheim geholt hat. Ich bin aber nach wie vor Mitglied beim VfB.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Prägt Florian Müller eine Ära im VfB-Tor?

Was hat Sie damals von Hoffenheim überzeugt?

Ralf Rangnick hat mir als Cheftrainer einen Weg aufgezeigt, wo meine Reise hingehen kann. Und es kam letztendlich auch so, wie er es gesagt hat. Wir sind mit erfrischend offensivem Fußball bis in die Bundesliga aufgestiegen – ich war da noch ein ganz junger Bursche. Das war eine coole, erfolgreiche Zeit für mich. Ich habe auch für die U-Nationalmannschaften des DFB gespielt.

Ist Ralf Rangnick ein Mentor von Ihnen geblieben?

Er war einer der Ersten, die einen Trainer in mir gesehen haben. Er war über lange Jahre mein Trainer und hat mir seine Sichtweise vom Fußball vermittelt. Die kam mir als Spieler entgegen – und hat mich auch total überzeugt. Da liegt sicherlich ein Schlüssel, weshalb ich jetzt in Salzburg in ähnlicher Weise Fußball spielen lasse wie wir damals in den Hoffenheimer Anfangszeiten. Extrem mutig, aggressiv gegen sowie frech mit dem Ball.

Dei Verletzung als Schock

In Hoffenheim folgte dem Hoch letztlich der große Schock. Sie mussten nach schweren Verletzungen mit 26 Jahren Ihre aktive Karriere beenden.

Im März 2009 habe ich mir im Bundesligaspiel gegen Hannover 96 das Kreuzband gerissen. Danach habe ich mich leider nie wieder richtig erholt. Ich hatte diverse Folgeverletzungen, sowohl im Knie wie an der Achillessehne, sodass es körperlich einfach nicht mehr ging.

Anfang 2009 hatten Sie noch mit Spielern wie Manuel Neuer, Sami Khedira und Jérôme Boateng in der U 21 debütiert. Im Sommer waren Sie verletzt, die anderen wurden Europameister. Das muss doch schmerzen, oder?

Ich hatte mir damals das klare Ziel gesetzt, bei der EM dabei zu sein. Mit einigen Jungs, die dann später zu Weltstars wurden. Als dann die Diagnose Kreuzbandriss kam, war das eine richtig schwere Zeit. Ich musste die Reha absolvieren, während meine Kollegen den Titelgewinn gefeiert haben.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Wie Corona beim VfB um sich greift

War die schwere Verletzung dann letztlich sogar eine Motivation für den Trainerjob?

Ich habe mir bereits in der aktiven Zeit gesagt, dass ich der beste Spieler sein möchte, der ich sein kann. Mit dem, was mir der liebe Gott zur Verfügung gestellt hat. Und das war nicht allzu viel an Technik (lacht). Als Spieler konnte ich durch die Verletzungen nicht an mein Leistungslimit gehen – das ist jetzt mein Antrieb als Trainer. Ich will mich permanent weiterentwickeln.

Start der Trainerkarriere in Leipzig

Ehe Sie im Sommer als neuer Cheftrainer bei Red Bull Salzburg vorgestellt wurden, haben Sie unter anderem auch bei Sebastian Hoeneß und Alexander Zorniger gelernt. Sind Sie ihnen dankbar?

Natürlich. Zunächst hatten mir Ralf Rangnick und Frieder Schrof die Chance gegeben, in Leipzig als Jugendtrainer einzusteigen. Das war vor sechs Jahren in der U 16 von RB Leipzig als Assistent von Sebastian Hoeneß. Unter Alex Zorniger hatte ich die Möglichkeit, bei Bröndby in Kopenhagen erstmals als Co-Trainer auf Profiniveau zu arbeiten und in einer Fremdsprache zu coachen. Das war rückblickend eine ganz lehrreiche Zeit, die mich sportlich und persönlich extrem geprägt hat.

In welcher Art?

Alex hat mir damals gleich sehr viel Verantwortung übertragen, was mich richtig weitergebracht hat, ehe ich 2019 in Köln meinen Fußballlehrer gemacht habe. Zudem reift man auch menschlich, wenn man sich in einem anderen Land zurechtfinden muss. Das war eine tolle Erfahrung, die ich nur empfehlen kann.

Weitere Themen