Herr Tasci, elf Jahre ist es her, dass der VfB Stuttgart international vertreten war. Erinnern Sie sich?
Natürlich, ich stand damals ja zumindest in der Qualifikation für die Europa League gegen Botev Plovdiv noch für den VfB auf dem Platz. Wir haben durch zwei Unentschieden die Play-off-Runde erreicht.
In der das Team dann an HNK Rijeka scheiterte – allerdings ohne Sie.
Richtig. Ich war damals angeschlagen, zugleich liefen aber auch schon die Gespräche über meinen Wechsel zu Spartak Moskau, der dann ja auch über die Bühne ging.
An diesem Samstag kann der VfB gegen Eintracht Frankfurt die Rückkehr in die Europa League klarmachen, die Teilnahme an der Conference League ist bereits sicher, die Champions League wahrscheinlich. Ist der Club tatsächlich schon wieder reif für den Europapokal?
Der Club, die Fans, die Region – ich denke, alle brauchen nach sportlich teils schrecklichen Jahren mal wieder diese internationalen Auftritte. Durch den neuen Modus wären acht Spiele garantiert, da freue ich mich schon sehr darauf. Aber klar: Der Sprung von der Relegation in die Champions League wäre riesengroß. Und wird sicher eine Herausforderung.
Inwiefern?
Wenn man es nicht gewohnt ist, ist es einfach erst einmal sehr schwierig, diesen Rhythmus aufzunehmen. Alle drei Tage zu spielen, für Profis des FC Bayern oder von Borussia Dortmund ist das mittlerweile normal, aber eben nicht für die Spieler des VfB Stuttgart, von denen so gut wie keiner diese Erfahrung schon gemacht hat. Uns ging das nach der Meisterschaft 2007 ähnlich.
Erinnerungen an die Saison nach der Meisterschaft 2007
Was war damals das Hauptproblem?
Auch aus unserer Mannschaft hatte so gut wie keiner Erfahrung in der Champions League. Dazu kommt: Durch die zusätzlichen Belastungen – zu den Spielen kommen ja die Reisen und oft lange Aufenthalte in Hotels – brauchst du plötzlich nicht 14, 15 potenzielle Stammspieler im Kader, sondern einige mehr, die andere eins zu eins ersetzen können. Das haben wir damals nicht ganz hinbekommen – und der VfB muss aufpassen, dass es ihm nun nicht genauso geht.
Was also tun?
Den Kader stark und breit genug aufstellen.
Das kostet Geld.
Ich weiß, dass der VfB Stuttgart nach wie vor eingeschränkte finanzielle Mittel hat. Aber es war eben oft das Problem des Clubs, dass nach erfolgreichen Jahren die jeweilige Mannschaft nicht zusammengehalten werden konnte. Es wäre wünschenswert, wenn sich das ändern würde, und ich sehe es als gutes Zeichen, dass einige Verträge schon verlängert und drei neue Spieler schon verpflichtet worden sind.
Viele Spieler des aktuellen Kaders haben durch ihre Leistungen das Interesse vieler anderer Clubs geweckt.
Deshalb kann ich mir auch kaum vorstellen, dass etwa Serhou Guirassy beim VfB bleiben wird. Und einen Stürmer, der dir zuletzt 20 bis 25 Tore garantiert hat, zu ersetzen, ist wirklich schwer. Sollte er gehen, wird das einiges verändern. Umso mehr hoffe ich, dass zumindest einer des Duos Serhou Guirassy/Deniz Undav gehalten werden kann.
Das Duo steht unter anderen für die starke VfB-Saison. Was begeistert Sie am meisten?
Einerseits, dass die Mannschaft so extrem stabil agiert. Selbst nach kleineren Rückschlägen oder Rückständen hat man jederzeit das Gefühl, dass der VfB wieder zurückkommen kann. Das ist bemerkenswert und ein Unterschied zu den vergangenen Jahren. Da folgten auf zwei gute Spiele oft wieder einige schwächere.
Und andererseits?
Dass der VfB nicht nur die Punkte holt, sondern dabei auch noch richtig guten Fußball zeigt. Es macht wieder riesig Spaß, ins Stadion zu gehen. Und es ist fast ein bisschen schade, dass Bayer Leverkusen eine so überragende Saison spielt.
Warum?
Weil der VfB ansonsten sogar um die Meisterschaft mitkämpfen könnte.
Eine Folge der starken Leistungen waren zuletzt auch vier Nominierungen für die deutsche Nationalmannschaft.
Die absolut verdient waren.
Zum bis dahin letzten VfB-Quartett beim DFB-Team gehörten Sie vor der WM 2010 – gemeinsam mit Sami Khedira, Christian Träsch und Cacau.
Stimmt, ich erinnere mich. Auch daran, dass es für einen Spieler immer ein Vorteil ist, nicht der einzige aus seinem Club im Nationalteam zu sein. Dass nun der VfB wieder mal einen solchen Block stellen kann, ist toll und außergewöhnlich.
Welche VfB-Profis schaffen es in den EM-Kader?
Ich gehe davon aus, dass alle vier, die zuletzt nominiert waren, auch dabei sein werden.
Nicht sogar noch mehr?
Da bin ich eher skeptisch, da zuletzt ja auch zum Beispiel noch einige Spieler des FC Bayern und von Borussia Dortmund gefehlt haben – die nun noch einmal die Chance haben, in der Champions League auf sich aufmerksam zu machen. Ich denke aber, dass nach der EM noch weitere VfB-Spieler zum Nationalteam stoßen werden.
Sie haben bis 2019 als Profi gespielt, zuletzt war es eher ruhig um Sie geworden. Wird man Sie noch einmal im Fußballbusiness sehen?
Nach so vielen Jahren im Profifußball war es gut, erst einmal Abstand zu gewinnen vom Fußball, die Freizeit zu genießen und sich anderen Sachen zu widmen. Demnächst möchte ich aber damit beginnen, die Trainerlizenzen zu erwerben.