Ex-Rocker besucht Wendlingen Vom Nazi zum Sozialarbeiter

Ex-Nazi und ehemaliger Boss einer kriminellen Vereinigung: Der heute 45-jährige Philip Schlaffer hat ein bewegtes Leben hinter sich. Foto: /Kerstin Dannath

Philip Schlaffer gibt am Wendlinger Robert-Bosch-Gymnasium Einblicke in sein früheres Leben als Neonazi und Boss einer kriminellen Rockergang.

Philip Schlaffer war Anfang der 2000er Jahre einer der bekanntesten Neonazis Mecklenburg-Vorpommerns, später Boss einer kriminellen Rockergang. Heute ist er Buddhist – und will Jugendlichen mit seiner Geschichte zeigen, wie leicht man in die Szene rutschen kann. Am Wendlinger Robert-Bosch-Gymnasium (RBG), das seit 2017 Teil des Netzwerks „Schule ohne Rassismus“ ist, bot er rund 100 Neuntklässlern tiefe Einblicke in sein Leben.

 

Sogar die eigene Schwester hatte Angst vor dem 16-Jährigen

Schlaffer ist eine imposante Erscheinung. Der fast zwei Meter große Hüne ist stark tätowiert, hat eine kräftige Stimme. Über dem Kragen seines dunklen Hemdes sind die auf seinen Hals gestochenen Worte „Respect“ zu erkennen. „In eurem Alter war ich schon Neonazi“, begrüßt er die 14- bis 16-jährigen Schüler. Heute ist Schlaffer 45 Jahre alt, seit kurzem verheiratet. Er wirkt geerdet. Spricht offen, ruhig und reflektiert. Zeigt viel Einfühlungsvermögen, ist aber schonungslos ehrlich in der Selbstkritik: „Ich habe 20 Jahre das Leben auf diesem Planeten nur beschissener gemacht.“ Sein altes Leben war radikal und auch sein neues lebt er radikal – keine Tabus, alles kommt auf den Tisch.

Es ist ihm wichtig aufzuzeigen, wie er – eigentlich ein ganz passabler Schüler aus gutbürgerlichem Hause – in die Szene rutschen konnte. Mehrere Umzüge und Schulwechsel rissen ihm den Boden unter den Füßen weg, dazu kam die Pubertät. „Ich war ein wütender junger Mann“, sagt Schlaffer.

Trost fand er in der Musik. „Das kennt ihr bestimmt, dass man denkt, dieser Songtext wurde nur für mich geschrieben.“ Zustimmendes Nicken in den Reihen der Schüler. Schnell landete Schlaffer bei rechtsradikalen Bands, nahm ihren Hass auf alles vermeintlich Fremdartige auf wie ein Schwamm. „Ich fing an, Juden, Muslime und Bullen zu hassen – obwohl ich weder einen Juden, einen Muslim noch einen Polizisten kannte.“ Er fühlte sich zu den ‚Guten‘ gehörig, einer Elite – fand eine Heimat und Freunde. „Ich habe mich schnell radikalisiert“, sagt Schlaffer. Mit 16 hing die Hakenkreuzfahne im Kinderzimmer, daneben die alte Reichsfahne. Dann kam die Gewalt. Jahre später gestand ihm seine drei Jahre ältere Schwester, dass sie mit 19 ausgezogen sei, weil sie Angst vor ihm hatte. „Vor ihrem kleinen 16-jährigen Bruder. Das war auch später hart zu hören“, sagt Schlaffer heute.

Schlaffer machte „Karriere“ in der rechten Szene, importierte und produzierte illegale Musik, zog einen florierenden Onlinehandel auf, hatte Läden in Berlin, Hamburg und Wismar. Zeitgleich gründete er den neonazistischen Klub „Werwolf Wismar“. Nach dem „Silvestermord von Wismar“ am Neujahrstag 2007 – an dem er zwar nicht beteiligt war, der aber in seinem unmittelbaren Umfeld geschah – verließ er die Neonazi-Szene. Geläutert? Mitnichten. Er wechselte in die Rockerszene, gründete mit dem „Schwarze Schar MC“ seinen eigenen Club. Eigentlich unpolitisch, rein kam man aber nur, wenn man sich zu seiner deutschen Herkunft bekannte. Die Geschäfte liefen, Drogen, Prostitution und mehr. Aber auch der Stress war groß: „Ich bin abends nur mit dem Hund raus, wenn ich meine Knarre dabei hatte.“ Es folgten Schlafstörungen, Migräne, Burnout. „Nach mehr als 20 Jahren als Täter, saß ich da und hab überlegt, wo kriege ich Hilfe her?“ Mit Mitte 30 stieg er aus, musste aber nachträglich noch ins Gefängnis wegen unerlaubten Drogenhandels.

„Lasst euch nicht von irgendwelchen Rappern einreden, der Knast wäre cool – es ist ein scheiß Ort voller Dunkelheit“, warnt Schlaffer die Wendlinger Neuner. Seit seiner Entlassung 2016 lebt er ein neues Leben, hat ein Buch geschrieben, hält Vorträge und betreibt einen YouTube-Kanal. Sein Fazit: „Ihr seid an einer Weiche, wo ihr euch entscheiden müsst. Der Rechtsradikalismus erstarkt wieder in Deutschland. Das könnte das Ende der Reise von Europa sein. Aber aus Hass und Gewalt kann nichts Positives entstehen. Engagiert euch für die Freiheit. Dass Europa und dieses Land frei bleiben.“

Die meisten seiner alten Kameraden haben den Absprung nicht geschafft

Die meisten seiner alten Kameraden haben den Absprung nicht geschafft, sagt Schlaffer auf Nachfrage eines Schülers. Kontakte habe er keine mehr, bisweilen gäbe es immer noch Probleme mit den alten Kameraden. Was bleibt sind auch die zahlreichen Tattoos auf seiner Haut – die verbotenen Symbole hat Schlaffer übertätowieren lassen: Aus der Unterschrift von Adolf Hitler sind etwa Sushirollen geworden, aus dem SS-Totenkopf eine Versacebrille. Was ihn heute glücklich macht, will eine Schülerin wissen. Schlaffer denkt kurz nach, bevor er antwortet: „Ein gutes Essen mit Familie und Freunden. Gesundheit und Freiheit – die einfachen Dinge darf man nicht verlernen.“

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