Wie geht es Ihnen, Herr Krasniqi?
Sehr gut.
Woran machen Sie das fest?
Wenn ich vor 20 Jahren gefragt worden wäre, wie ich mir mein Leben nach dem Sport vorstelle, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, mir es so schön auszumalen. Ich habe eine 14-jährige Tochter und einen elfjährigen Sohn, sehe die beiden aufwachsen, kann sie begleiten, mit ihnen Dinge unternehmen. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch.
Auch weil Sie es anders erlebt haben?
Das spielt natürlich eine Rolle. Ich bin im Kosovo 16 Jahre lang ohne Vater aufgewachsen, den ich nur sehr selten gesehen habe, weil er in Deutschland gearbeitet hat. Eine Kindheit mit einer Vaterfigur an meiner Seite vermisse ich immer noch. Andererseits hat mich das zur Selbstständigkeit erzogen, was mich stark fürs Leben hat werden lassen.
Sie waren Boxer, haben viel ausgeteilt, mussten aber auch einstecken. Wie steht es um Ihre Gesundheit?
Ich sorge dafür, dass es mir gut geht. Ich laufe sehr viel, trainiere auch sonst noch regelmäßig. Ich fühle mich fit.
Was Ihnen bei dem einen oder anderen sozialen Projekt hilft.
Stimmt. Ich engagiere mich für verschiedene soziale Organisationen, unter anderem bin ich seit 2005 Botschafter für die SOS-Kinderdörfer. Bei einem Hilfsprojekt hier in Hamburg, wo ich mit meiner Familie lebe, sammle ich mit jedem Kilometer, den ich laufe, Spendengelder ein. Das motiviert ungemein.
Wovon leben Sie?
Ich habe für meine Karriere alles gegeben, sehr viel trainiert – und als Profiboxer dann auch Geld verdient. Ich habe früh begonnen, Wohnungen zu kaufen, und später in Hamburg weiter in Immobilien investiert. Davon kann ich gut leben.
Haben Sie noch Verbindungen zum Boxen?
Mein Bruder kümmert sich in Rottweil um junge Sportler. Und mein Neffe Ardian ist, nachdem er sein Studium erfolgreich beendet hatte, Profi geworden. Ihn versuche ich mit meinen Kontakten zu unterstützen, wo es geht. Das ist eine Herzensangelegenheit.
Früher gab es nicht nur Luan Krasniqi, sondern auch Henry Maske, Arthur Abraham, Sven Ottke, Felix Sturm, die Klitschko-Brüder, Axel Schulz oder Regina Halmich, die TV-Sender hatten ein Millionenpublikum. Warum läuft im deutschen Boxsport nichts mehr?
Weil alles nur noch ein großes, unübersichtliches Durcheinander ist. Ich erlaube mir bei diesem Thema nicht, das zu sagen, was ich denke. Das Niveau ist manchmal grausam, egal ob bei den Amateuren oder den Profis.
Was müsste sich ändern?
Es gibt im Boxen ein paar Grundregeln: Es braucht gute Trainer, die mit ihrer fachlichen und menschlichen Qualität Talente führen können. Und es braucht Athleten, die nicht nur daran denken, wie sie möglichst schnell möglichst viel verdienen können. Man muss das Boxen lieben und gleichzeitig aushalten können.
Aber Boxen ist doch auch ein großes Geschäft.
Das stimmt, aber es darf eben nicht nur ein Geschäft sein. Als Amateur habe ich niemals an Geld gedacht, das hat sich erst geändert, nachdem ich 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta Bronze gewonnen hatte und danach Profi geworden bin. So sollte der Weg verlaufen.
An welche Ihrer Kämpfe denken Sie besonders gerne zurück?
Da gibt es einige. Zum Beispiel an das Duell mit René Monse, in dem ich Europameister wurde. Oder den Sieg gegen Sinan Samil Sam, mit dem ich mir später den EM-Titel zurückgeholt habe.
Was ist mit dem Duell 2005 gegen Lamon Brewster – Ihrer einzigen Chance, Weltmeister zu werden?
Es war der wichtigste Kampf meines Lebens. Ich lag nach Punkten klar vorne, ehe ich in der achten Runde einen schweren Haken kassiert habe, der alle Erinnerungen gelöscht hat. Wenn ich mir heute die ersten Runden dieses Kampfes anschaue, kann ich nicht glauben, dass ich am Ende nicht gewonnen habe. Ich war der bessere Boxer.
Ihr bester Freund Firat Arslan ist noch ein halbes Jahr älter als Sie und steht immer noch im Ring. Am 21. Oktober bestreitet er in Göppingen seinen Abschiedskampf . . .
. . . und das wird auch höchste Zeit (lacht).
Wie meinen Sie das?
Firat ist immer noch in herausragender körperlicher Verfassung und voll im Kampfmodus. Ich bin unendlich froh, dass er gesund ist und es ihm gut geht, doch als Freund sage ich: Er hätte schon lange aufhören müssen – denn auch er hat drei Kinder und wird merken, wie wertvoll die Zeit ist, die er mit ihnen verbringen kann. Das Wichtigste an einer Karriere als Boxer ist das Leben danach.
Schwergewichtsboxer Luan Krasniqi
Amateur
Luan Krasniqi (Jahrgang 1970) wuchs als jüngstes von acht Kindern im Kosovo auf, kam mit 16 Jahren nach Rottweil. Er machte das Abitur und eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann, erhielt 1994 die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Boxer, der beim BSV Rottweil begonnen hatte, holte 1995 WM-Gold, im Jahr darauf wurde er Europameister und stand bei den Olympischen Spielen in Atlanta als Dritter auf dem Podest – nachdem er wegen einer Verletzung unter dem Auge zum Halbfinale nicht hatte antreten können.
Profi
Linksausleger Krasniqi gewann 30 seiner 35 Kämpfe, 14 davon vorzeitig. Seit dem Ende seiner Karriere 2008 engagiert er sich in vielen sozialen Projekten. Er hatte zwei Gastauftritte in der TV-Serie „Soko Stuttgart“. Krasniqi lebt mit seiner Familie in Hamburg.