Frau Höfl-Riesch, auch für Sie geht in Sölden der Ski-Winter los – als Expertin der ARD. Haben Sie Lampenfieber vor Ihren Fernsehauftritten?
Lampenfieber nicht. Gut, ich habe jetzt eine längere Pause hinter mir, deshalb werde ich am Anfang auch ein bisschen nervös sein. Aber mehr wegen der bevorstehenden Rennen, nicht wegen der Kamera.
Sind die Fragen an Sie abgesprochen?
Das muss ja alles immer recht kompakt sein, und wir haben meist nicht so viel Vorlaufzeit. Deshalb gibt es vorher mit dem Moderator ein kurzes Briefing, in dem wir grob besprechen, worüber wir reden.
Haben Sie schon mal ein Urteil als Fachfrau bereut und sich gesagt: Oh Gott, da lag ich jetzt aber etwas falsch?
Das ist selten, kommt aber sicher mal vor. Das geht ja jedem so. Aber Dramen sind noch keine passiert.
Wenn sich am Samstag die erste Rennläuferin aus dem Starthaus drückt, juckt es Sie vermutlich, selbst nochmal mitzumachen?
An so etwas denke ich überhaupt nicht. Und in Sölden schon gleich dreimal nicht, denn dort bin ich ja nie so richtig gut gefahren. Aber es macht heute sehr viel Spaß, dabei zu sein und den Skizirkus aus einem anderen Blickwinkel zu verfolgen. Doch alles ohne Wehmut oder die Lust, da nochmal einzusteigen.
Der Job als Fernsehexpertin füllt ein ganzes Jahr nicht aus.
Richtig. Außerhalb der Skisaison bin ich deshalb regelmäßig auf dem Kreuzfahrtschiff MS Europa 2. An Bord mache ich mit den Passagieren Fitnesstraining. Ansonsten haben mein Mann und ich am Gardasee ein Haus gebaut, in dem wir viel Zeit verbringen. Außerdem gibt es immer wieder verschiedene andere Projekte und geschäftliche Termine. Machen Sie sich also keine Sorgen: Langweilig wird’s mir nicht.
Schon gar nicht auf dem Schiff?
Bestimmt nicht. Normalerweise dauern die Reisen für mich um die zwei Wochen. Es macht total Spaß. Die MS Europa 2 gilt seit vier Jahren als das beste Schiff der Welt. Ich habe zwischendurch auch mal Zeit, es wirklich zu genießen. Und die Leute haben Freude daran, mit mir zu trainieren. Das ist für mich das Wichtigste.
Sie waren jetzt erst auf See?
Ja, aber ich musste früher absteigen, die Reise wäre nach New York weitergegangen. Wegen des Weltcup-Auftakts bin ich von den Bermuda-Inseln zurückgereist.
Wird es einem auf so einem Schiff nicht auch manchmal zu eng oder bei hohem Wellengang mulmig?
Wir hatten schon acht Seetage am Stück, aber das macht mir nichts aus. Ich kann dort super entschleunigen. Und mit hohem Seegang habe ich auch kein Problem. Zur Not gibt es immer noch den Schiffsarzt.
Prima Stichwort: Ilka Stuhec und Carlo Janka haben sich erst kürzlich verletzt, Marcel Hirscher und Fritz Dopfer müssen sich erst wieder zurückkämpfen – es geht nicht gut los mit der alpinen Saison.
Das mit Ilka Stuhec hat mir sehr leid getan, sie hatte wirklich viel Verletzungspech und im vergangenen Winter so eine tolle Saison absolviert. Sie hätte bei Olympia im Februar gute Chancen auf Medaillen gehabt, echt bitter. Und dass Marcel in Sölden fehlt, ist auch sehr schade. Er fährt seit Jahren so konstant auf hohem Niveau – das ist der absolute Wahnsinn. Aber das sind ja nicht alle: Anna Veith und Eva-Maria Brem brauchen auch noch ein bisserl. Ich hoffe, dass sich alle gut erholen, damit wir bald wieder mehr Konkurrenzkampf bekommen.
Lindsey Vonn macht in anderer Hinsicht von sich reden. Sie will bei den Männern mitfahren. Kann man so eine Idee überhaupt ernst nehmen?
Nun, zumindest nehmen die Funktionäre die Idee so ernst, dass sie bis zum Mai darüber diskutieren und eine Entscheidung treffen wollen. Ansonsten hätten sie dieses Vorhaben ja einfach abschmettern können.
Wie denken Sie darüber? Die Tennis-Legende Martina Navratilova hat einmal zugegeben, dass sie gegen die ersten 1000 der Männer-Weltrangliste nicht den Hauch einer Chance hätte.
Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Lindsey so langsam wäre bei den Männern. In Kitzbühel oder Gröden würde sie wahrscheinlich nicht mitfahren, weil sie wüsste, dass sie dort keine Chance hätte. Aber in Lake Louise, wo sie schon sehr viele Rennen mit großem Vorsprung gewonnen hat bei den Damen, da traue ich ihr einiges zu. Es würde bei den Männern nicht ganz nach vorne reichen, aber doch in den vorderen Teil.
Top 10? Top 20?
Das kann ich nicht sagen. Aber auf jeden Fall würde sie sich nicht blamieren. Wahrscheinlich sind die Männer auch deshalb so angesäuert, weil sie das wissen.
Mikaela Shiffrin ist im Slalom stark, Anna Veith, falls sie fit ist, in der Abfahrt. Sie beherrschten beide Disziplinen. Wo sind die Allrounderinnen, wie Sie eine waren, geblieben?
Die gibt es so nicht mehr, das stimmt. Das hat sich schon zu meiner Zeit angedeutet, denn da gab es ja auch kaum jemanden, der alle Disziplinen gefahren ist. Deshalb war es für mich am Ende der Karriere auch ein harter Kampf, überall ganz vorne mitzuhalten. Tina Maze und ich waren wohl die letzten beiden Allrounderinnen. Wem ich solch eine Karriere eventuell zutraue, das ist Mikaela Shiffrin. Aber falls sie das anstrebt, wird sie sich damit Zeit lassen. Sie ist ja noch jung.
Beim Blick auf die deutschen Alpin-Männer fällt auf: Es gibt
Felix Neureuther, und bei einigen anderen platzt noch nicht so recht der Knoten.
Bei den Speedleuten muss man auch schauen, wo sie herkommen. Sie hatten viel Verletzungspech und sind zwischen Platz 25 und 30 herumgefahren. Mittlerweile sind aber doch schon manche unter die besten zehn oder besten fünf gefahren. Der nächste Schritt wäre dann mal das Podest. Was ich gehört habe, so sind sie alle gut drauf.
Wie steht es mit den Technikern?
Bei ihnen fährt Stefan Luitz einen der schnellsten Riesenslalom-Schwünge überhaupt, aber er bringt es leider noch etwas zu selten ins Ziel. Ich hoffe, er wird stabiler.
Vor drei Jahren haben Sie aufgehört. Wenn nach dieser Saison auch Felix Neureuther tschüss sagen sollte, gibt es in Deutschland keine alpine Frontfigur mehr – diese Angst geht um.
Felix ist ja noch da. Man muss sehen, wie die anderen sich entwickeln. Es gibt aber einige, die das Potenzial haben, in eine gewisse Leader-Position zu schlüpfen.
An wen denken Sie?
Linus Straßer ist ein pfiffiges Kerlchen, der sportlich schon hat aufhorchen lassen und großes Talent mitbringt. Felix ist natürlich einzigartig, so einen guten Typen gibt es nicht oft. Aber Linus könnte durchaus mal eine Leitfigur werden.
Bei den Frauen ist, um im Jargon der Seefahrer zu bleiben, hinter Viktoria Rebensburg Ebbe angesagt.
Deshalb ist nach der letzten Saison im Trainerbereich ja auch einiges verändert worden. Da ist sicher manches nicht optimal gelaufen. Das hat sich schon angedeutet, als ich noch gefahren bin. Damals gab es zeitweise im Slalom kaum jemanden, der sich für den zweiten Durchgang qualifizierte. Es ist nur halt nicht so aufgefallen, weil ich noch da war. Jetzt gibt es neue Trainer und damit auch neue Hoffnung.
Wenn Maria Höfl-Riesch heute Ski fährt, ist ihr Stil dann eher moderat oder wäre es für Freunde des gepflegten Altherren-Parallelschwungs angebrachter, lieber mal an der Seite stehen zu bleiben und zu warten, bis Sie vorbeigeflogen sind?
Das ist eine Frage der Definition. Ich fahre natürlich schon eher sportlich, das ist ja logisch. Aber Sie müssen keine Sorge haben, dass ich Sie zusammenfahre. Ich bin immer sehr kontrolliert unterwegs.
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