Ex-Tennisstar Andrea Petkovic „Das Frauentennis muss auf der Hut sein“

Voller Einsatz auch auf der Tribüne: Andrea Petkovic am Rande des Billy-Jean-King-Cups 2023 in Stuttgart. In unserer Bildergalerie blicken wir auf ihre Karriere zurück. Foto:  

Vor dem Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart spricht Andrea Petkovic über ihre Aktivitäten, die Lage im deutschen Tennis und welche Regel sie als Erstes ändern würde.

Sport: Gregor Preiß (gp)

Andrea Petkovic hat das deutsche Tennis in den vergangenen Jahren geprägt. Auch knapp zwei Jahre nach ihrem Karriereende hat die 36-Jährige das Geschehen weiter fest im Blick. Zum Auftakt des Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart nahm sie sich Zeit für ein Gespräch.

 

Frau Petkovic, wir sind überrascht, Sie in Stuttgart zu sehen. Wie kommt’s?

Weil Stuttgart schön ist und ich immer gerne hier gespielt habe (lacht). Ich übernehme für den Veranstalter ein paar Termine, außerdem greife ich am Montag für ein Showmatch selbst noch einmal zum Schläger.

Seit Ihrem Karriereende 2022 ist es ruhiger um Sie geworden, aber nie ganz ruhig. Wie verbringen Sie die Zeit seit dem Ende Ihrer Karriere?

Gerade ist mein zweites Buch über mein Karriereende und den Umgang damit erschienen. Wenn ich in Deutschland bin, bin ich viel auf Lesetour. Außerdem habe ich noch meine Kolumnen. Als Mentorin beim Deutschen Tennis-Bund versuche ich, den jungen Talenten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, was mir viel Freude bereitet. Und in den USA (Petkovic lebt inzwischen in New York; d. Red.) arbeite ich als Kommentatorin für Tennis Channel und ESPN. Künftig werde ich auch für deutsche Sender wie Sky wieder mehr vor der Kamera stehen – in der Hoffnung, dass die Deutschen wieder mehr Tennis schauen.

Ihr Sport lässt Sie also nicht los.

Wenn ich, wie im Januar bei den Australian Open, die großen Matches sehe, dann kribbelt es in den Fingern. Wenn ich dann aber durch den Kraftraum gehe und sehe, was 95 Prozent des Profilebens ausmacht – nämlich reisen und trainieren –, dann vergeht es mir schnell wieder. Diese Routinen habe ich abgelegt, und die brauche ich auch nicht wieder.

Aus Ihrer, der sogenannten goldenen Generation ist in Stuttgart nur noch Angelique Kerber am Start. Was trauen Sie Ihrer Freundin noch zu?

Sie hatte nach ihrer Babypause einen schwierigen Start. Aber ich habe damals schon gesagt, dass sie besser spielt, als die Ergebnisse es aussagen. Sie hatte – anders als ich – das Glück, nicht oft verletzt gewesen zu sein. Insofern fehlt ihr jetzt nach so einer langen Pause noch das Selbstverständnis. Du kannst körperlich topfit sein, die Schläge können noch fließen. Aber in einer Millisekunde die richtige Entscheidung zu treffen, das kommt nur über Matchpraxis.

„Angie Kerber ist eine tolle Wettkämpferin, das geht nie weg“

Reicht es noch mal für die Weltspitze?

Sie hat in Indian Wells die vierte Runde erreicht. Ihr System erinnert sich, sie weiß, wie man große Turniere spielt. Wenn sie mal ein paar Runden übersteht, dann ist sie immer gefährlich. Angie ist eine tolle Wettkämpferin, das geht nie weg.

Ansonsten sieht es im deutschen Tennis weniger rosig aus. Unter den Top 100 stehen in Tatjana Maria und Laura Siegemund aktuell nur zwei Deutsche. Weniger als zwei gab es zuletzt vor 16 Jahren.

Was daran liegt, dass wir uns mitten in einem Generationenwechsel befinden. Sabine Lisicki ist schwanger, Angie war schwanger. Jule Görges und ich sind nicht mehr dabei. Tatjana Maria und Laura Siegemund bringen immer noch gute Leistungen, sind aber auch schon Mitte dreißig. Die, die altersmäßig nach uns kamen, wie Annika Beck und Carina Witthöft, haben früh aufgehört. Jule Niemeier hatte im vergangenen Jahr Schwierigkeiten, mit dem Druck als neue deutsche Hoffnungsträgerin umzugehen, Eva Lys wiederum hat immer wieder mit ihrer Autoimmunkrankheit zu kämpfen.

Neue Stars sind nicht in Sicht?

Die Generation der unter 19-Jährigen braucht noch ein bisschen Zeit. Wir haben einige zwischen Platz 150 und 250, das ist schon sehr gut. Der nächste Schritt in den kommenden ein bis zwei Jahren sollte die Top 100 sein. Ich hoffe, eher ein als zwei Jahre.

Sie sehen das deutsche Damentennis also nicht in einer Krise, sondern lediglich einer Talsohle?

Man muss geduldig sein. Ich weiß, dass das in Deutschland nicht immer leicht ist. Wellenbewegungen gab es immer. Außerdem hat Deutschland keinen Verband im Rücken wie die Grand-Slam-Nationen Australien, Frankreich, England und USA. Die dortigen Verbände haben durch ihre großen Turniere ganz andere finanziellen Möglichkeiten, um solche Strukturen aufzubauen, dass regelmäßig gute Leute nachkommen. Und selbst die schaffen es nicht immer.

Deutschland bietet aber doch genügend Möglichkeiten für einen angehenden Profi: Es gibt Internate, Stützpunkte, jede Menge Fördermöglichkeiten und potente Sponsoren.

Das stimmt. Hierzulande wird aber häufig parallel zum Sport ein zweiter Berufsweg vorbereitet. Oder zumindest die Schule nicht vernachlässigt. In Serbien zum Beispiel geht keiner, der Ambitionen hat, Profi zu werden, nach dem zwölften Lebensjahr noch physisch zur Schule. Da läuft alles online, die setzen alles auf eine Karte. In Deutschland musst du schon besonders gut sein, um beides hinzubekommen – und davon nicht irgendwann müde zu werden. Etwas anderes macht mir aber mehr Sorgen.

„Kann verstehen, dass es Barbara Rittner irgendwann genug war“

Nämlich?

Dass generell immer weniger junge Menschen in den Leistungssport streben. Im Tennis gibt es ja wenigstens noch einen gewissen finanziellen Anreiz, andere Sportarten haben es da schwieriger. Ich sehe da für die Zukunft mit Blick auf die sportliche Vielfalt ein großes Problem.

Kürzlich haben sich Barbara Rittner und der Deutsche Tennis-Bund getrennt. Wie groß ist der Verlust?

Riesengroß. Ich kann verstehen, dass es für Barbara irgendwann genug war, immer überall gleichzeitig zu sein und ständig zu telefonieren. Meiner Meinung nach ist sie die Einzige, die jedes, wirklich jedes Talent in Deutschland, dessen Trainer, dessen Eltern und die jeweiligen Trainingsstrukturen kennt. Sie hinterlässt eine große kulturelle Wissenslücke. Ich weiß nicht, wie der DTB diese Lücke füllen will.

Wie wäre es mit Ihnen?

(Lacht) Ich glaube, ich kann andere Sachen besser.

„Das Frauentennis hat sich ausgeruht“

Wie zukunftsträchtig sehen Sie Ihre Sportart grundsätzlich aufgestellt? Junge Leute interessieren sich für viele andere Dinge, hinzu kommt die Konkurrenz durch andere Schlägersportarten wie Padel oder Pickleball.

Zumindest um Pickleball mache ich mir da keine Sorgen. Das ist mehr Spiel als Sport. Tennis hat diese spezielle Gladiatoren-Mentalität, das wird es als Fernsehsportart immer interessant machen. Deswegen springt auch Netflix darauf. Hinzu kommt: Tennis ist eine globale Sportart mit ständig wechselndem Fokus. Wenn es in Deutschland mal niemanden gibt, bringt Spanien eben einen Carlos Alcaraz hervor oder Italien einen Jannik Sinner. Plötzlich ist ganz Italien im Tennisfieber. Speziell das Frauentennis muss aber auf der Hut sein.

Inwiefern?

Es hat sich als Aushängeschild unter den Frauensportarten ausgeruht. Diesen Standpunkt verliert es momentan, vor allem in den USA. Frauenfußball ist dort groß im Kommen. Und der größte weibliche Star ist eine Basketballerin: Caitlin Clark.

Wenn Sie eine Regel im Tennis ändern würden – welche wäre das?

Ein wenig muss man ja auch mit der Zeit gehen. Also: Um das Ganze etwas zu beschleunigen, würde ich als Erstes bei den Netzaufschlägen ansetzen.

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