Ex-Vorstandschef des VfB Stuttgart Bei Hitzlsperger werden Erinnerungen an die Meistersaison wach

Thomas Hitzlsperger ist Fußball-Experte, setzt sich aber auch für Vielfalt und den Kampf gegen Diskriminierung ein. Foto: dpa/Tom Weller

Das eigene Coming-out, der Kampf gegen Diskriminierung, die Widersprüchlichkeit des modernen Fußballs – und natürlich der VfB Stuttgart. Thomas Hitzlsperger, der nun auch Buchautor ist, hat zu vielen Themen eine Meinung. In unserem Interview tut er sie kund.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Thomas Hitzlsperger war Fußballprofi, TV-Experte, Nachwuchschef und Vorstandsvorsitzender. Nun ist er auch Buchautor („Mutproben“). Im Interview spricht er über viele ernste Themen – aber auch über den Spaß, den ihm der VfB Stuttgart derzeit bereitet.

 

Herr Hitzlsperger, wir erwischen Sie auf der Fahrt zu Terminen in die Region Stuttgart. Da liegt die Frage nahe: Wie viel Spaß macht Ihnen denn der VfB derzeit?

Ganz ehrlich: Es ist einfach nur Wahnsinn, was die Mannschaft gerade leistet. Aber auch schwer zu beschreiben.

Versuchen Sie es gerne.

Mich erinnert das ein wenig an die Meistersaison 2006/2007. Da sind wir irgendwann auch in jedes Spiel gegangen und waren uns sicher, es zu gewinnen. Ich denke, so ähnlich fühlen sich die aktuellen VfB-Spieler gerade auch. Für mich war das damals die schönste Zeit meiner aktiven Karriere.

Wie erleben Sie diejenigen, die Sie aus Ihrer VfB-Zeit noch kennen, gerade?

Viele, mit denen ich bis 2022 noch zusammengearbeitet habe, sagen mir: Das tut einfach mal wieder gut. Ich gönne ihnen das wirklich sehr und bin beeindruckt, was alle zusammen da hinbekommen haben. Der VfB, da lege ich mich fest, wird in der kommenden Saison in der Champions League spielen.

Sehen Sie sich selbst auch noch als Vater des Erfolgs?

Das fände ich anmaßend all jenen gegenüber, die nun in der Verantwortung stehen.

Aber . . .

. . . ein paar gute Talente sind schon noch da, die nun regelmäßig Top-Leistung bringen, in Verbindung mit erfahrenen Spielern, die ebenfalls kaum Schwächen zeigen. Vor allem ist es ein Geschenk, einen Trainer wie Sebastian Hoeneß zu haben. Er stellt die Mannschaft nicht nur taktisch gut ein, sondern ist auch einer, der den VfB in beeindruckender Weise repräsentiert: hart arbeitend und bescheiden. Das ist unheimlich viel Wert.

Thomas Hitzlsperger und die „innere Zerrissenheit“

Der Wert des Fußballs misst sich heutzutage nicht allein an sportlichen Leistungen, sondern oft viel mehr am Geld, das Clubs zur Verfügung haben. In Ihrem Buch „Mutproben“, das jüngst erschienen ist, sprechen Sie gar vom Kulturkampf. Warum?

Weil gerade in Deutschland die Diskussion um die finanzielle Beteiligung an Fußballclubs sehr heftig diskutiert wird. Hier gibt es die 50+1-Regel – die Fans treibt die Sorge um, dass sich das bald ändern könnte. Fans und Mitglieder wissen ganz genau, dass ihnen diese Regel quasi die letzte Möglichkeit der Einflussnahme und Beteiligung sichert, entsprechend heftig ist der Widerstand.

Wie ist Ihre Haltung bei diesem Thema?

Ich kenne aus meiner Zeit beim VfB Stuttgart diesbezüglich eine gewisse innere Zerrissenheit. Einerseits wollen die Clubs konkurrenzfähig bleiben – dazu braucht es Investments. Andererseits kann ich auch die Sorge nachvollziehen, dass externe Geldgeber dann mitsprechen wollen. In Ländern wie England werden solche Diskussionen anders geführt. Die Mehrheit der Fans von Newcastle United zum Beispiel ist froh, dass sie die Aussicht haben, mit den Top-Clubs konkurrieren zu können. Dass es dabei um Sportswashing geht, interessiert dagegen nur wenige.

Englische Verhältnisse haben auch Konsequenzen, vor allem, was die Stimmung in den Stadien angeht.

Genau. Andererseits: Ich habe am Sonntagabend das Topspiel der Premier League zwischen dem FC Liverpool und Manchester City kommentiert. Also, wer da keinen Spaß hat, sich das anzuschauen . . .

Was also tun?

Schwer zu sagen, denn ich selbst spüre diese innere Zerrissenheit ja nach wie vor. Ich mag die Klasse der Premier League und den englischen Fußball. Ich mag es aber auch, wenn beim VfB Stuttgart das Stadion ausverkauft ist, eine super Stimmung herrscht und eine Eintrittskarte noch leistbar ist. Klar ist nur: Wer sich für einen der Wege entscheidet, muss mit den Konsequenzen, also mit Kritik und vielen Diskussionen, leben. Das beste Argument ist stets sportlicher Erfolg.

Den strebt auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der EM im eigenen Land an. Sie schreiben, der Kulturkampf im gesamtgesellschaftlichen Sinne werde auch dieses Turnier beeinflussen.

Weil ich seit dem Ende meiner aktiven Karriere verschiedene Perspektiven eingenommen habe und nun ganzheitlich auf den Fußball schaue – aber eben auch auf unsere Gesellschaft.

Dem Nationalteam nicht zu viel abverlangen

Was sehen Sie dabei mit Blick auf die EM im Sommer?

Dass wir Deutschen der Welt nicht noch einmal beweisen müssen, dass wir gastfreundlich sein können.

Aber?

Das Verbindende, das den Fußball eigentlich immer ausgezeichnet hat, muss gerade in diesen Zeiten, in denen Kriege geführt werden und es in vielen Ländern einen Rechtsruck gegeben hat, zur Geltung kommen. Die EM sollte mit Freude gefeiert werden, im besten Falle entstehen neue Freundschaften mit den Gästen aus ganz Europa.

Von der deutschen Mannschaft . . .

. . . sollte man auch nicht verlangen, dass sie den rechten Teil der Gesellschaft wieder in die Mitte rückt. Das wäre zu viel verlangt.

Am Zug sehen Sie dann eher die großen Verbände, in dem sie etwa große Turniere nicht mehr an Regime vergibt, in denen Menschenrechte missachtet und Minderheiten diskriminiert und verfolgt werden?

Ehrlich gesagt, habe ich da die Hoffnung schon aufgegeben. Der Fußball ist beliebt, viele Staaten wollen in den Fußball investieren – und die Fifa nimmt das Geld gerne an. Am Ende muss also jeder für sich entscheiden, ob er daran teilhaben möchte.

In welcher Rolle sehen sie die nationalen Fußballverbände?

Die meisten, das sieht man ja an den Entscheidungen der Fifa, wollen es genau so haben, wie es ist. Die Fifa sammelt viel Geld ein und macht viele Verbände damit glücklich, vergibt u. a. Weltmeisterschaften an Länder in drei Kontinente gleichzeitig. Für die nationalen Verbände, die es anders haben wollen, geht es zwischen den Turnieren darum, Verbündete zu finden für die eigenen Anliegen.

Froh über die Haltung vieler Vereine

Ihr persönliches Anliegen ist Ihr Einsatz für Vielfalt und gegen Diskriminierung. Ist dieser in der heutigen Zeit besonders wichtig?

Ich habe 2014 öffentlich gemacht, dass ich homosexuell und damit Teil einer Minderheit bin. Das bin ich gerne – aber der Umgang mit Minderheiten ist eben auch heute noch nicht immer so, wie er sein sollte.

In Deutschland gibt es zumindest den Schutz durch das Gesetz.

Weshalb ich mich auch glücklich schätzen kann, hier aufgewachsen zu sein und leben zu können. Aber ich merke auch: Gesellschaftlich ist dieser Schutz nicht zementiert. Das anständige und respektvolle Miteinander hat in den vergangenen Jahren gelitten, die Diskussionen haben sich verschärft, übrigens nicht nur in Deutschland. Ich bin nicht bereit, das einfach hinzunehmen.

Stattdessen . . .

. . . will ich meiner Community eine Stimme geben, damit Vorurteile weiter abgebaut werden. Ich bin froh, dass in den vergangenen Monaten so viele Menschen für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung auf die Straße gegangen sind. Und ich bin auch froh – um den Bogen wieder zum Fußball zu spannen –, dass viele Vereine sich klar gegen Diskriminierung und für Vielfalt aussprechen.

Würde sich der jüngere Thomas Hitzlsperger heute eher zutrauen, sich während der aktiven Karriere zu seiner Homosexualität zu bekennen? Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Sie sich damals lange mit dem Gedanken auseinandergesetzt haben.

Ich denke, das ist immer noch eine sehr schwierige Entscheidung, auch wenn ich viele positive Aspekte sehe, die die Angst vor einem solchen Schritt nehmen könnten. Aber ich kann definitiv nicht sagen, wie ich heute als aktiver Fußballer handeln würde. Es gibt ja noch nicht einmal viele ehemalige Profifußballer, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen – obwohl es sie doch eigentlich auch geben müsste. Das zeigt mir: Es gibt immer noch eine gewisse Angst, sich zu einer Minderheit zu bekennen und womöglich ausgegrenzt zu werden. Diesen Sprung habe ich 2014 gewagt.

Und seitdem welche Erfahrungen gemacht?

Mein Leben hat sich toll entwickelt, ich habe heute ein ganz anderes Selbstbewusstsein als noch als aktiver Fußballer und bin interessiert an vielen Bereichen außerhalb des Fußballs. Aber ich weiß eben auch, dass mein Coming-out damals sehr viel Mut erfordert hat. Nicht allein wegen des Fußballs. Denn: Egal, ob Fußball-Profi oder nicht – der Sohn meiner Eltern oder der Bruder meiner Geschwister werde ich immer sein. Und dort, wo ich aufgewachsen bin, war Homosexualität lange tabuisiert. Auch meine Familie habe ich anfangs viel zugemutet, aber irgendwann wollte ich nicht mehr vorgeben, ein anderer zu sein als der, der ich eigentlich bin.

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