Exotische Vögel in Esslingen Sind Nilgänse besser als ihr Ruf?

Nilgänse an den Bürgerseen in Kirchheim – die Vögel sind oft unbeliebt, weil sie viel Dreck machen. Foto: /Horst Rudel

Die Wasservögel aus Afrika lassen sich in Esslingen nieder, gründen Familien – und sorgen für Ärger: wegen ihrer Hinterlassenschaften und ihres selbstbewussten Auftretens. Tierschützer brechen nun eine Lanze für die Vögel.

Esslingen - Eingewanderte Pflanzen und Tiere – so genannte Neozoen – machen sich nicht immer Freunde. Exotische Pflanzen können Allergien auslösen, und Tiere, die hier nicht heimisch sind, können heimische Arten bedrohen. Das hört man auch über die Nilgans. Der Wasservogel mit Migrationshintergrund hat sich mittlerweile in ganz Deutschland ausgebreitet. Auch im Kreis Esslingen fällt das Tier auf. Die Vögel mit der brillenartigen Augenumrandung sind allerdings besser als ihr Ruf – sagen zumindest Tierschützer.

 

Gänsefamilie unterwegs am Hammerkanal

In Esslingen haben sie sich eine schöne Ecke rausgesucht: Eine Gänsemutter watschelt gemächlich den Weg am Hammerkanal entlang, im Schlepptau halbwüchsige Gänsejunge, die noch keine ausgeprägte Brillenzeichnung im Gesicht haben. Ein Radfahrer kommt des Wegs, nur widerwillig macht die Gänsefamilie den Weg frei. Der Radler schimpft, weil er mit seinem Bike die Hinterlassenschaften der Vögel umfahren muss – dicke grüne Fladen, die zum Teil schon festgetreten sind. Auf einem Spielplatz daneben betrachten Mütter mit ihren Kindern mit etwas Abstand die Gänsefamilie. „Hübsch sind sie ja und gute Eltern“, sagt eine Frau zu ihrer Nachbarin. „Man muss nur höllisch aufpassen, dass die Kinder nicht in den Gänsekot langen.“ Das ist der landläufig schlechte Ruf der Nilgänse: Sie verunreinigen Wege und Wiesen, zuweilen auch Badeseen mit ihrem Kot. Sie machen sich in der Natur breit und nehmen anderen Vögeln Lebensraum und Futter weg. Auch das Töten anderer Wasservögel wird ihnen nachgesagt.

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Doch es gibt auch andere Ansichten: „Es gibt wohl vereinzelt Beschwerden über die Nilgänse, aber als richtiges Problem würde ich sie nicht bezeichnen“, sagt Daniel Ulmer, der Wildtier-Beauftrage im Landratsamt Esslingen. So gab es vor einigen Jahren beispielsweise Probleme mit Nilgänsen an den Bürgerseen in Kirchheim. „Die Nilgänse verunreinigten die Badestege und auch die Sitzbänke und Tische mit ihrem Kot, sodass die Stadtverwaltung Maßnahmen ergreifen musste“, erzählt Rathaussprecher Robert Berndt. Ein Fütterungsverbot wurde ausgesprochen und kontrolliert, damit die „aufdringlichen Bettler“ die menschliche Nähe nicht mehr suchen. Ein Schild mit einem entsprechenden Piktogramm weist weiterhin auf das Verbot der Fütterung hin. „Die Gänse sind auf natürlichem Weg verschwunden“, berichtet Berndt weiter. „Unsere Fachleute vermuten, dass sie sich ein anderes Revier gesucht haben.“ Vereinzelte Sichtungen gebe es noch, aber keine brütenden Vögel.

Berichte über Nilgänse, die andere Vögel vor Fressfeinden schützen

In Esslingen beobachtet Ralf Hilzinger als Vorsitzender des Nabu Esslingen die Szene. Er will eine Lanze brechen für den Vogel, wie er sagt: Aggressives Vorgehen gegenüber Vogelarten habe er nicht beobachten können, wolle aber entsprechende Berichte nicht in Abrede stellen. Seine Erfahrungen sprechen aber eine andere Sprache: „Ich weiß aus Berichten, dass Nilgänse in einem Feuchtgebiet als Wächter gegen Fressfeinde aufgetreten sind und Enten und kleinere Bodenbrüter erfolgreich gegen Füchse, Rabenkrähen oder Mäusebussarde mitgeschützt haben.“ Für Hilzinger steht fest: „Eingeschleppte Arten – auch die Nilgans – werden wir nicht mehr los, so lange die Lebensbedingungen günstig sind.“ Diese zu verschlechtern hieße jedoch, auch für andere „gewässeraffine Arten“ Lebensräume zu verschlechtern. Das könne man nicht wollen. Hilzinger sieht eine Lösung darin, Gewässerräume zu renaturieren, sodass mehr Wasservögel Platz finden und eine Dominanz der Nilgans verhindert wird. In Esslingen wolle er jedoch gar nicht von einer Dominanz sprechen.

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Ein Mittel, den Bestand zu kontrollieren, ist die Jagd. Die findet auch im Kreis Esslingen statt. 25 Nilgänse sind in der Saison 2020/2021 getötet worden, wie Daniel Ulmer berichtet. Das geschehe im Außenbereich, nie in bebautem Raum. So müssen Eltern auf dem Spielplatz nicht befürchten, dass vor den Augen der Kinder eine Nilgans totgeschossen wird.

Population geht zurück auf Ausbrecher aus einem Tierpark in den Niederlanden

Ausbrecher
 Nilgänse sind in Deutschland Gefangenschaftsflüchtlinge: Seit dem 18. Jahrhundert werden sie in Europa als Ziervögel in Parks gehalten. Die deutsche Population stammt fast komplett von Ausbrechern aus einem Tierpark in den Niederlanden ab. Ihr eigentlicher Lebensraum sind subtropische Binnengewässer in Afrika. Der Vogel breitet sich in ganz Europa aus.

Wildgericht
 Im Jagdjahr 2019/2020 belief sich der Bestand im Land auf rund 1500 Tiere. Eine bestätigte Erstbrut einer Nilgans in Baden-Württemberg datiert vom Jahr 1993. Seit August 2017 steht die Nilgans auf einer Liste der EU „der invasiven Neozoen“. Wie andere Wasservögel kann man Nilgänse essen. Die Urteile zum Geschmack reichen von „köstlich“ bis „unangenehm tranig“.  

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