Experte vom DLR arbeitet mit Alexander Gerst Die rechte Hand von Astro-Alex

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Ein Astronaut braucht viele Helfer – auch während eines Auftritts mit „Kraftwerk“. Volker Schmid ist einer davon: Er wählt beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn die Experimente für Alexander Gersts Missionen mit aus.

Der Start von Alexander Gerst in Baikonur war ein Moment der Freude – auch für Volker Schmid (hier im russischen Kontrollzentrum) Foto: Elisabeth Mittelbach/DLR
Der Start von Alexander Gerst in Baikonur war ein Moment der Freude – auch für Volker Schmid (hier im russischen Kontrollzentrum) Foto: Elisabeth Mittelbach/DLR

Stuttgart - Wer Volker Schmid am Bonner Standort des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) besucht und die Tür zu seinem Büro öffnet, glaubt zunächst, sich verirrt zu haben. Links von der Tür hängt ein großes Poster, das all die Zivilisationen zeigt, die das fiktive Universum der Weltraumsaga „Star Trek“ bevölkern. Eine armlange Nachbildung der USS Enterprise schmückt die Vitrine gegenüber dem Schreibtisch, auf dem russische Schokolade liegt – ein Mitbringsel von seiner Reise nach Baikonur, wo Volker Schmid den Start von Alexander Gerst aus nächster Nähe verfolgte.

Hier geht es zu unserer Multimedia-Reportage zu Alexander Gerst.

Der Überraschungseffekt ist gewollt. „Bei uns wird Science-Fiction zu Science-Fact“, sagt Volker Schmid gern, wenn er seinen Alltag als Missionsmanager beschreibt. Der 54-Jährige und seine drei Kollegen sind nicht die Einzigen, die dafür sorgen, dass alles glatt läuft während der sechs Monate, die der deutsche Astronaut Alexander Gerst an Bord der Raumstation verbringt. Aber sein Missionsteam steuert einen großen Teil der nationalen Experimente bei, hält Kontakt zu den Wissenschaftlern und arbeitet mit dem Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen zusammen. 65 Experimente hat Alexander Gerst mitgenommen, darunter 41 deutsche – das sind deutlich mehr als bei seiner ersten Mission. Dieses Mal sind auch zwei Experimente aus Stuttgart mit dabei – eine von Studenten entworfene Pumpe, die in der Schwerelosigkeit mithilfe von Elektromagneten funktioniert, und ein Bioreaktor, in dem Algen Sauerstoff produzieren. Ähnliche Anlagen könnten später bei Langzeitmissionen zum Einsatz kommen.

Stolz auf künstlichen Crew Assistenten

Und dann ist da natürlich Cimon. Volker Schmids Augen weiten sich, wenn er von dem künstlichen Crew Assistenten spricht, der nach Simon Wright aus der Trickfilm-Serie „Captain Future“ benannt ist. Auf dieses Technologieexperiment sind Schmid und sein Kollege Christian Karrasch ganz besonders stolz. Zwar reicht die Rechnerleistung der Station bislang nicht für eine Künstliche Intelligenz (KI) wie den Supercomputer Watson von IBM aus. Deshalb bleibt der künstliche Assistent, der sich selbstständig bewegt, über Funk mit dem Boden verbunden. Auch darf Cimon seine kognitive Leistungsfähigkeit noch nicht voll ausschöpfen. Lernen wird er zunächst nur, was seine menschlichen Ansprechpartner ihn lernen lassen. Erst in einer zweiten Mission wird Cimon dann mehr dürfen. Dennoch ist Volker Schmids Team der Neid von Forschern weltweit schon gewiss. Viele wären hier gerne Erster gewesen.

Schmid hatte Cimon zum ersten Mal gesehen, als Airbus ihn auf einer Konferenz in Prag präsentierte. Für Schmid war sofort klar: Dieser Assistent muss Alexander Gerst begleiten. Zwei Jahre blieben, um Cimon fit für den Einsatz an Bord der Raumstation zu machen – nicht viel Zeit nach den Maßstäben der Branche. Tatsächlich hatte Cimon bei den Parabelflügen im Vorfeld Probleme, sich an die Schwerelosigkeit zu gewöhnen, anders als sein menschlicher Crewkollege Gerst. „Hätte man mir vor 30 Jahren gesagt, dass ich beim DLR mal zwei Missionen zur Raumstation leiten werde, ich hätte es nicht geglaubt“, sagt Schmid. Dass Gerst während seiner Mission auf dem Stuttgarter Schlossplatz ein Konzert mit „Kraftwerk“ gibt, wohl auch nicht.

Zukunftsweisende Kooperation

Der Freudenstädter machte zunächst einen Hauptschulabschluss, und dann auf dem zweiten Bildungsweg die mittlere Reife. Es folgte eine Lehre als Feinmechaniker. Mit dem Fachabitur in der Tasche arbeitete er drei Jahre in der Industrie, bevor er noch einmal ganz von vorne anfing, Luft- und Raumfahrt an der FH Aachen studierte und einen Master in Space Systems Engineering an der TU Delft draufsetzte.

Vierzehn Jahre lang betreute er die ATV-Transporter – automatische Zubringer, von denen die Europäische Raumfahrtagentur (Esa) fünf Stück baute. Das Konzept dieser Transporter floss in eine zukunftsweisende Kooperation mit ein: Die Europäer bauen das Service-Modul für die amerikanische Orion-Kapsel, die im kommenden Jahr – zunächst noch unbemannt – den Mond umrunden soll. „Das Leben besteht aus Umwegen“, sagt Schmid und schmunzelt. Wegweisend war vor allem die Zeit, die er als Lehrling bei einem aufgeschlossenen Mittelständler in Freudenstadt absolvierte. Noch heute schwärmt Schmid von den Freiheiten, die ihm sein Chef damals ließ. Am Wochenende durfte er die Werkstatt zum Bau von Modellen nutzen. Vielleicht lernte er da, was er heute braucht: Idealismus und Teamgeist.

Denn der Alltag hinter den Kulissen einer Mission besteht aus vielen kleinen Katastrophen. Erst ändert sich das Budget. Dann fehlen wichtige Bauteile. Zwischendurch ist der ganze Zeitplan in Gefahr. Und immer wieder kommen Interviews, Vorträge, Anfragen – auch völlig abwegige, die trotzdem freundlich beantwortet werden wollen. Im Sommer 2016 hat Volker Schmid zum letzten Mal richtig Urlaub gemacht. Nicht nur er, auch seine drei Mitarbeiter opfern viele Abende und manches Wochenende. Bei so einem Arbeitspensum bleiben irgendwann nur noch Idealisten übrig – oder wie Schmid es formuliert: „Mitarbeiter, die über Lösungen reden, nicht über Probleme.“

Moment großer Dankbarkeit

Der Lohn ist die Freude darüber, dass sich am Ende doch noch alles fügt. Beim Start von Gerst auf dem Weltraumbahnhof Baikonur erlebte Schmid so einen Moment. Er blickte der Rakete hinterher, wie sie im Himmel verschwand. Sie sollte Gerst heil zur Raumstation bringen. Kurz zuvor hatten sich auch die Probleme mit einem Experiment lösen lassen, die ihn mehr als fünfzehn Monate beschäftigt hatten. „Das ist ein Gefühl, das kannst du nicht mit Gold aufwiegen“, schwärmt Schmid. „Da weiß ich: Ja, dafür arbeite ich. Das ist ein Moment großer Dankbarkeit.“