Expressiv, knallig, inklusiv, queer Darum braucht Stuttgart eine Voguing-Szene

Die Ballroom Culture hat eine eindeutige Message: Alle Körper sind schön. Eine laute, schillernde Empowerment-Kultur für queere und trans*Personen sowie People of Color Foto: /Francesca Schmitt

Es funkelt, es glitzert, die Beats kicken: Die Ballroom-Kultur und Voguing haben endlich auch Stuttgart erreicht. Doch dahinter steckt viel mehr als schillernde Kostüme und ein exzentrischer Tanzstil. Wir sprechen mit den Gründer:innen von „Voguing Stuttgart“.

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Nicht nur Stars und Sternchen, auch große Labels wie Adidas, Nike, Mugler – you name it – haben Ballroom-Kultur und Voguing, den prägnanten Tanzstil, der sich vor allem durch das Schaffen und Halten zweidimensionaler Bilder auszeichnet, für sich entdeckt. Ob in Werbungen, auf dem Runway oder bei Shows – überall wird gevoguet. Doch das Wissen, das die meisten Menschen in der heteronormativen Gesellschaft zum Thema haben, reicht über Madonna, Rihanna und die Netflix-Serie ‚Pose‘ nicht hinaus. Dabei ist Ballroom Culture nicht nur schön, sondern überaus politisch.

 

Denn die Kultur, die sich im New York der 1920er aus dem Untergrund entwickelt hat, diente – und dient immer noch – als Safe Space für die queere, trans* und People-of-Color-Community. Gleichzeitig ist der Ballroom Austragungsort für unterschiedliche Wettkämpfe innerhalb der Szene, „Balls“ genannt, in denen Voguing als präsenter Tanzstil vertreten ist.

Eine Voguing-Szene ist ein Safe Space

Seit Kurzem fasst die Kultur auch in Deutschland Fuß, insbesondere in Süddeutschland. Wir treffen Cary Clay und Chris Georgas zum Gespräch. Beide sind ihres Zeichens Voguing-Artist und -Trainer:in, Cary führt als Eventmanagerin außerdem ihre eigene Showagentur. Gemeinsam haben sie vor knapp zwei Jahren „Voguing Stuttgart“ ins Leben gerufen.

„Auch hier in Deutschland, in Stuttgart, ist das Thema Anerkennung in der Gesellschaft und Politik als queere Person, Person of Color oder trans*Person immer noch groß. Wir haben immer noch mit struktureller Diskriminierung und Ausgrenzung zu tun“, erklärt Cary. „Und es gibt eine Überforderung der Familien mit der Frage ‚Wie unterstütze ich mein Kind bei der Identitätsfindung, und wenn es nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft ist oder sein möchte‘. Und da ist es toll, eine Community vor Ort zu haben, die bereits selbst auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen und Unterstützung liefern kann.“

Die Gründung von Voguing Stuttgart

Seinen Anfang nahm „Voguing Stuttgart“ nach einem kleinen „Kiki-Event“ in der Juhrythmics Tanzschule in Degerloch, das Lorenzo Pignataro, ein in der Hamburger Szene aktiver Tänzer, organisiert hatte. Im zeitgenössischen Ballroom-Kontext wird der Begriff „Kiki“ verwendet, um eine junge Amateur-Szene zu bezeichnen, die sich von der professionellen „Major Scene“ abgrenzt, die mit Erfahrung, Prestige und auch relevanten monetären Investitionen in Outfit, Make-up et cetera daherkommt.

Nachdem 2020 die Pandemie geplanten Folge-Events von Lorenzo einen Strich durch die Rechnung machte, beschlossen Cary und Chris, die sich auf jenem Event kennengelernt hatten, einen neuen Versuch zu starten, um in Stuttgart eine Voguing-Szene aufzubauen. Chris hatte sich während der Pandemie mit Online-Workshops und auf verschiedenen Balls in anderen deutschen Großstädten weitergebildet und Connections in der Szene aufgebaut. Anfang 2022 packten er und Cary dann ihr geballtes Wissen zusammen, gaben erste Voguing-Workshops und veranstalteten sogar die ersten Balls (s. Bildergalerie). „Wir haben hier in Stuttgart bei Null angefangen und viel Lehrarbeit geleistet“, erinnert sich Cary.

Lange war Stuttgart Voguing-Wüste

„In Deutschland ist die Ballroom-Hauptstadt Berlin“, berichtet Chris. Lange hat sich außerhalb von Berlin wenig bis nichts getan, erst in jüngster Vergangenheit bildeten sich Communities in München, Mannheim und eben auch in Stuttgart. „Die Szene in Süddeutschland ist zwar sehr jung, aber wird von Jahr zu Jahr immer stärker, nicht nur quantitativ, sondern auch in ihrer Qualität“, ergänzt die Mitgründerin.

Aktuell veranstalten Chris und Cary zweimal die Woche Trainingssessions in der Freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart, die ihnen Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, kümmern sich um die Orga von Übungsbällen, bei denen Neulinge Erfahrungen sammeln können, so genannte „Practice Kikis“, und sie sind mit Shows auf kulturellen Veranstaltungen wie etwa dem Literaturfestival in der Stadt vertreten. Sie wollen mit Öffentlichkeitsarbeit und Präsenz die Stadtgesellschaft auf sich und die Kultur aufmerksam machen.

Kann jede:r mitmachen?

Neben den großen Kiki Balls, zu denen Gäst:innen aus ganz Deutschland und drüber hinaus erscheinen, gibt es von „Voguing Stuttgart“ außerdem immer wieder allgemeine, für alle offene Workshops, wie etwa am 25. April im Join (19-22 Uhr), bei denen ein grundlegender Einblick in die Szene gegeben wird. Und das Interesse in Stuttgart ist da: „Wir platzen immer aus allen Nähten und müssen nach größeren Locations schauen, weil die Events teils weit im Voraus ausverkauft sind“, berichtet Cary.

„Eine Frage, die uns oft gestellt wird lautet ‚Können auch weiße, heterosexuelle Menschen einen Platz finden im Ballroom?‘. Grundsätzlich sagen wir hier, dass Ballroom offen für alle ist, die sich ernsthaft interessieren, sich mit der Kultur auseinander zu setzen und sich einzubringen. Man muss aber auch schauen, dass der Safe Space, der für die Menschen und für die Kultur geschaffen wurde, erhalten bleibt“, erklärt Cary.

Nein zu Pink Washing

Was die Aktivist:innen mit Argwohn beäugen, sind hingegen Leute, die nur zum Entertainment auf einzelne Events oder Workshops kommen, ihre ganze Inspiration aus der schwarzen und queeren Community schöpfen und sich gar nach außen hin als Teil der Szene präsentieren, ohne etwas für die Kultur und die Gemeinschaft getan zu haben. Pink Washing vom Feinsten. „Das kommt durchaus vor“, sagt Cary. „Und in solchen Fällen schauen wir auch kritisch drauf, sprechen die entsprechenden Leute darauf an, dass das so leider nicht geht.“

Voguing muss für alle zugänglich sein

Neben dem ehrenamtlichen Engagement, das die Aktivist:innen an den Tag legen, sind Spenden und Fördergelder essenziell für einen Aufbau einer Voguing-Szene im Kessel, um möglichst niedrigschwellig sein zu können. „Die Szene soll ja gerade für marginalisierte Gruppen, die finanziell in der Regel geschwächter dastehen, einen Zugang bieten“, fasst Cary die Essenz der Ballroom- und Voguing-Kultur zusammen. „Die Leute aus der Community haben oft große Schwierigkeiten, aufgrund ihrer Identität überhaupt einen Job oder eine Wohnung zu finden, da können wir für diesen Space, den wir ihnen bieten möchten, nicht auch noch hohe Eintrittsgelder verlangen.“

Davon, sich selbst finanzieren zu können, seien sie leider noch weit entfernt, sagt die Aktivistin. Wenn sie sich etwas für die Zukunft wünschen könnte, dann wäre das daher eine nachhaltige Förderung, die eine langfristige Entwicklung einer Szene in Stuttgart sicherstellen würde.

Wer sich mit der Geschichte des Ballrooms und den unterschiedlichen Begrifflichkeiten und seiner Struktur auseinandersetzen möchte, liest an dieser Stelle weiter:

Oder befolgt Chris‘ Tipp: „Es gibt auf Youtube viele Dokumentationen. Auch die Doku ‚The Queen‘ aus dem Jahr 1968 kann ich empfehlen.“

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