Extremkletterin im DAV-Kader Ottmarsheimerin auf Expedition in Grönland

Auf der Grönland-Expedition verbrachten die Frauen einen Monat fernab der Zivilisation, auf langen Touren übernachteten sie auf sogenannten „Portaledges“ direkt in der Felswand. Foto: Luisa Deubzer (1), DAV (2)

Lea Luithle aus Ottmarsheim kletterte drei Jahre im DAV-Expeditionskader. Bei der Abschlussexpedition auf Grönland gelang ihrer Gruppe eine Erstbegehung.

Ludwigsburg: Maximilian Kroh (kro)

Der Tag am Fox Jaw Cirque in Grönland geht zu Ende, und drei Viertel der Route sind geschafft. Wenn morgen alles gut geht, wird Lea Luithle aus Ottmarsheim mit ihren vier Kletterpartnerinnen den Gipfel erreichen und ihre Expedition erfolgreich beenden. Sie liegt warm in ihren Schlafsack eingemummelt auf ihrer Luftmatratze, und wenn sie sich nach rechts dreht, blickt sie in den Abgrund. Denn sie hat ihre Matratze nicht etwa auf den Boden gelegt, sondern in mehreren hundert Metern Höhe direkt an der Felswand befestigt.

 

„Portaledge“ nennt man eine solche Plattform für gewöhnlich, eigentlich besteht sie aus Dyneema-Stoff und bietet nur zwei Personen Platz. Weil zu Leas Klettergruppe aber nun mal fünf Frauen gehören, musste die Improvisationslösung her. „Es ist überhaupt nicht gefährlich, man ist die ganze Zeit angeseilt“, sagt die 24-Jährige. Der Aufbau ist Routine, „wenn man ein bisschen geübt hat, ist es wie ein Reifenwechsel am Fahrrad“. Gelernt hat sie die nötigen Handgriffe im Expeditionskader des Deutschen Alpenvereins (DAV), dem sie die vergangenen drei Jahre angehört hat.

Training in allen Disziplinen

Dass sie es nach der Sichtungswoche 2020 direkt in den Kader schaffte, kam für die Biologie-Studentin überraschend. Zu Schulzeiten war sie beim DAV Ludwigsburg mit dem Klettern in Kontakt gekommen, auch während ihres Studiums in Norwegen kletterte sie freizeitmäßig. Im Expeditionskader kam dann allerdings ein professioneller Anstrich dazu.

Im Schnitt alle zwei bis drei Monate trafen sich die sechs Mitglieder mit ihrer Trainerin und verschiedenen Bergführern und trainierten die unterschiedlichen Kletterdisziplinen. Mal ging es zum Eisklettern in die Dolomiten, mal stand ein Lawinen-Lehrgang an, viel Zeit verbrachten sie an verschiedenen Felswänden. „Das Ziel des Expeditionskaders ist es, uns als Alpinistinnen möglichst breit aufzustellen“, so Luithle.

Für Juli und August 2023 war dann die große Abschlussexpedition geplant. Die Entscheidung für das Ziel fiel schließlich auf den Fox Jaw Cirque in Grönland, eine Granitgipfelreihe, deren Gipfel wie die Zähne eines Fuchses hoch in den Himmel ragen. Die Kletterinnen nahmen sich vor den Molar, einen der Gipfel, zu bezwingen – und zwar auf einer ganz neuen Route. Das bedeutet: Die Wand ist völlig unberührt, Sicherungshaken müssen beim Aufstieg eigenhändig mit der Bohrmaschine eingebohrt oder alternativ in Felsspalten geklemmt werden. „Man klettert an einer Stelle nach oben, an der noch nie jemand war“, sagt Lea Luithle. „Diese Ungewissheit ist extrem fordernd, da kommt alles zusammen, was man in der Ausbildung gelernt hat.“

Einen Monat verbrachten die Kletterinnen in Grönland, fernab von jeglicher Zivilisation. „Allein das war eine krasse Erfahrung“, sagt sie. Zum Duschen hatten sie einen Wassersack samt speziellem Duschbrausenaufsatz dabei. Damit stellte sich dann eine der Frauen auf einen großen Stein und die andere unter den improvisierten Duschstrahl. „Das sind eben Tricks, mit denen man sich behilft“, erklärt die 24-Jährige, die in Norwegen „Outdoor Leadership“ studiert hat. „Ich habe quasi einen Bachelor in Life hacks“, wie sie es formuliert.

An der Wand geklettert ist sie gerade einmal sechs Tage, der „Rekord“ in der Gruppe lag bei acht Tagen. 10 500 Klettermeter kamen trotzdem zusammen. Anfangs akklimatisierten sich die Frauen zunächst über bereits erschlossene Routen mit dem Gestein. Dann machten sie sich in Zweier- oder Dreierseilschaften in mehreren Etappen an ihre Erstbesteigung, erzählt Luithle: „Man steht dabei unter Dauerstrom, es ist normal, dass es viele Wechsel gibt und man sich nicht so schnell fortbewegt.“

Mindestens 15 Stunden Kletterzeit am Tag

Zudem brauchte es allein zwei Stunden Fußmarsch, um vom Basislager aus überhaupt bis zur Bergreihe zu gelangen. Selbst die kurzen Touren nahmen so mindestens 15 Stunden in Anspruch. Zum Gipfel schafften sie es trotzdem alle. Drei Kletterinnen besiegelten die Erstbegehung, Lea und die übrigen kletterten die Route tags darauf dann „frei“, wie es im Kletterjargon heißt – sie stiegen nach oben, ohne in Sicherungspunkte zu greifen, ins Seil zu fallen oder im Seil zu rasten.

Route bekommt den Namen „Disco Fox“

Die Frauen tauften ihre Route auf den Namen „Disco Fox“ und feierten ihren Erfolg standesgemäß mit einem Tanz am Gipfel. „Ich war die Letzte, die oben angekommen ist“, sagt Lea Luithle. „Als ich auf dem Gipfel stand, hat sich alles gelöst. Ich war einfach nur dankbar und glücklich, diesen Moment mit den anderen teilen zu können.“

Die Zeit im Expeditionskader ist für die Ottmarsheimerin nun vorbei. „Jetzt habe ich erst einmal Lust aufs Klettern in der Umgebung von meinem Wohnort Innsbruck“, sagt sie. „Da gibt es genug interessante Touren.“

Abschlussexpedition des DAV-Kaders nach Grönland

Doku
Die Filmemacherin Carmen Kirchweger hat die sechs Frauen des Expeditionskaders in ihrer Dokumentation „Gipfelstürmerinnen – Höhenrausch und Absturzangst“ vom Beginn der Planung ihrer Abschlussexpedition bis zur Erklimmung des Gipfels in Grönland begleitet. Die vierteilige Dokumentation ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Vortrag
Den Abschluss ihrer dreijährigen Reise im Expeditionskader bildet für die Frauen ein Vortrag über die gemeinsame Zeit im Kader und die Expedition nach Grönland. Er findet am Dienstag, 21. November, um 18.30 Uhr in München in der DAV-Geschäftsstelle statt. Zudem wird der Vortrag auf der DAV-Homepage im Livestream übertragen.

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