EY-Studie vorgestellt Dynamik in Biotech-Branche lässt deutlich nach

Von Klaus Dieter Oehler 

Die Entwicklung der Biotechnologieunternehmen spiegelt nicht das Potenzial der deutschen Wirtschaft wider, meinen die Berater von EY.

Die Biotech-Branche boomt – es fehlen einzig Investoren, die den Boom unterstützen. Foto: dpa
Die Biotech-Branche boomt – es fehlen einzig Investoren, die den Boom unterstützen. Foto: dpa

Frankfurt - Biotechnologie ist nach wie vor eine Wachstumsbranche, auch in Deutschland. Aber die Dynamik hat deutlich nachgelassen, wie die Stuttgarter Unternehmensberatung EY in ihrem jährlichen Bericht feststellt. „Rekordumsätze, Rekordfinanzierung, steigende Mitarbeiterzahlen – die Kennzahlen der Biotechbranche in Deutschland sind numerisch positiv. Das ist erfreulich. Dennoch entspricht dies bei weitem nicht dem tatsächlichen Potenzial der Wissenschaft in Deutschland“, sagte Siegfried Bialojan, der die Entwicklung seit 20 Jahren genau analysiert, bei der Vorstellung der jüngsten Studie in Frankfurt. Insbesondere beim Risikokapital gebe es in Deutschland keine Entwicklung nach vorne, die Summe sei sogar zurück gegangen. „Dabei ist es gerade das Venture Capital, das Investorenvertrauen ausdrückt und Zukunftsvisionen honoriert – an beidem mangelt es im internationalen Vergleich“, meinte der EY-Experte. Während in anderen europäischen Ländern das Risikokapital für junge Unternehmen im vergangenen Jahr um mehr als ein Fünftel auf 2,2 Milliarden Euro gestiegen ist, sank der Einsatz von Investoren in Deutschland von 213 auf 201 Millionen Euro. Vor allem in Frankreich, Großbritannien und die Schweiz würden junge Unternehmen von Investoren gefördert.

627 Millionen Euro an Kapital beschafft

Trotzdem konnten sich die Biotechnologieunternehmen in Deutschland im vergangenen Jahr mit 627 Millionen Euro so viel Kapital beschaffen wie nie zuvor. Den größten Anteil an der Steigerung um mehr als ein Drittel n hatten Kapitalerhöhungen an der Börse, die um knapp 60 Prozent auf 340 Millionen Euro zulegten. Es gab aber nur einen Börsengang, der allerdings mit einem Erlös von 86 Millionen Euro mehr an Kapital einbrachte als in den beiden Vorjahren zusammen eingespielt wurde.

Immerhin blieben Finanzierungsrunden für Biotech-Start-ups hierzulande keine Einzelereignisse mehr, sondern verteilten sich breiter auf mehr Unternehmen, lobte Bialojan. Fünf Unternehmen konnten sich Finanzierungen von über zehn Millionen Euro sichern.

Die absoluten Zahlen enttäuschen

„Das breiter verteilte Risikokapital und die hohe Beteiligung an Kapitalerhöhungen zeigt: Die Investoren haben Biotech als Innovationsmotor – auch in Deutschland – auf dem Schirm“, betonte der EY-Experte. Die absoluten Zahlen würden dennoch enttäuschen. „Ein Blick nach Europa oder in die USA zeigt, dass die Dynamik in anderen Ländern viel höher ist.“ Dadurch könne sich die Branche dort auch viel besser auf Veränderungen etwa durch die Digitalisierung der Geschäftsmodelle oder den Wandel der Gesundheitsmärkte einstellen.

Der Umsatz der Branche kletterte im vergangenen Jahr um acht Prozent auf ein neues Rekordhoch von gut vier Milliarden Euro. Dennoch gingen die Investitionen in Forschung und Entwicklung um drei Prozent auf 1,2 Milliarden Euro.

Kaum Anreize für professionellen Technologietransfer

„Wenn wir international wieder Anschluss finden wollen, muss ein ‚Modell Deutschland‘ her, das viele gängige Praktiken in Frage stellt und neue Wege geht: dazu gibt die Innovationsgleichung den Weg vor: Innovation ist das Produkt aus Forschung. Unternehmergeist und Kapitalverfügbarkeit“, forderte Bialojan. Die Forschungsförderung etwa sei zu projektfokussiert ausgerichtet und setze kaum Anreize für einen professionellen Technologietransfer. Ebenso fehlten unternehmerische Anreize für die Entwicklung kommerzieller Anwendungen. „Unternehmertum und Risiko hierzulande sind bei weitem nicht so positiv besetzt wie in den USA. Hier braucht es ein gesamtgesellschaftliches Umdenken, das schon in den Schulen einsetzen muss.“ Allerdings stellt der Studienleiter in dem Report rückblickend fest, dass viele Appelle in den vergangenen 20 Jahren nicht erhört wurden.