„Fabian“ in Stuttgart „Lernt schwimmen!“
Viktor Bodó inszeniert Erich Kästners „Fabian“ in Stuttgart als Revue und Frauenpower-Abend. Und wieder einmal darf eine Regiearbeit im Schauspielhaus nicht ohne moralisierende Botschaft enden.
Viktor Bodó inszeniert Erich Kästners „Fabian“ in Stuttgart als Revue und Frauenpower-Abend. Und wieder einmal darf eine Regiearbeit im Schauspielhaus nicht ohne moralisierende Botschaft enden.
Jakob Fabian steht vor dem Nichts. Er heult, krümmt sich vor Trauer und Schmerz. Sein Freund Stephan Labude hat sich das Leben genommen. Jetzt ist er allein, der Tod markiert das vorläufige Ende einer Sinnsuche. Fabian ist verraten worden von seiner Geliebten, arbeitslos, demnächst vermutlich obdachlos. Das Gefühl der Vereinzelung, der Sinnlosigkeit, das er ganz gut ausgehalten hat, kippt ins Tragische. Seine distanziert ironische Weltsicht – vorbei.
Dabei hatte alles so gut, so heiter angefangen in Kästners „Fabian“ am Samstag im Stuttgarter Schauspielhaus. Mit Lametta und Lichterglanz, Tanz, Musik, vielen nackten Beinen und glatter Haut: Fabian (Gábor Biedermann) und Labude (Felix Strobel) stürzen sich zu Beginn des Stückes ins Berliner Nachtleben, wo die Menschen lasziv und vergnügungssüchtig der Weltwirtschaftskrise und der gefährdeten Demokratie begegnen.
Dunklen Glamour in der Zeit zwischen den Kriegen, Dekadenz und drohendes Unheil hat Tom Tykwer mit seiner TV-Serie „Babylon Berlin“ brillant inszeniert. Durch den Erfolg der Serie werden artverwandte Stoffe wiederentdeckt. Auch Erich Kästners Roman „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von 1931 ist auf zahlreichen Spielplänen vertreten und hat in der Filmversion von Dominik Graf 2021 viele Preise erhalten.
Regisseur Viktor Bodó wollte sich bei seiner Inszenierung fürs Schauspiel Stuttgart offensichtlich vor allem um die Geschlechterfragen kümmern. Die Vermutung, dass Männer und Frauen nicht zusammenpassen, wird mit Liebe zum Detail, zum Kostüm- und Perückenfest inszeniert, mit sorgsam einstudierten Showeinlagen. Es gibt tolle Schattenspiele, das Ensemble spricht, singt, macht Geräusche im Chor. Und weil man ja im postdramatischen Zeitalter ist, wartet die Bühnenfassung von Júlia Róbert und Anna Veress mit recht überflüssigen Ausstiegen aus der Geschichte auf: Dann darf das Publikum um Zigaretten gebeten werden und wollen einige Szenen nur Teile einer „Fabian“-Verfilmung sein.
Männer entpuppen sich als Machtmenschen, untätige Verlierer oder lebensmüde Idealisten. Der Werbetexter Fabian und der Literaturwissenschaftler Labude sind keine stilvollen Dandys, sondern Intellektuelle in zu weiten oder komisch gestreiften Anzügen (Kostüme: Fruzsina Nagy). Cool agieren nur die Frauen. Sylvana Krappatsch schlurft herrlich hüftsteif auf die Bühne, nimmt erst einmal einen sehr großen Schluck aus dem Whiskyglas, bevor sie singend ihre Liebe zur Macht bekennt.
Josephine Köhler als Irene Moll besteigt energisch den auf dem Sofa gefesselten Fabian, bis ihr Anwaltsgatte (Michael Stiller) eintritt. Der hat sich das Recht vertraglich gesichert, jeden Gespielen vor dem Beischlaf zu begutachten. Derlei Szenen sind witzig überzeichnet. Und das fabelhaft verkleidete Ensemble absolviert die sorgsam einstudierten Wildheits-Choreografien in Bars und Bordellen diszipliniert. Anarchischer Thrill bleibt indes eine Behauptung.
Stark ist der Abend immer dann, wenn zu zweit gespielt wird. Wenn der von Felix Strobel überzeugend als sanft am Zynismus der Gesellschaft verzweifelnde Labude mit seinem Freund Fabian über soziale Verantwortung der Gesellschaft diskutiert. Oder wenn Paula Skorupa als Cornelia daran leidet, ihre Liebe zu Fabian ruiniert zu haben.
Der historisch am Vorabend des Zweiten Weltkriegs angesiedelte Stoff ist allerdings durch die aktuellen Ereignisse, den Krieg in Europa, noch virulenter geworden. Und ein bisschen scheint die Inszenierung davon überrascht worden zu sein.
Also wird der schon tote Fabian (er ertrinkt, als er einen Jungen aus dem Wasser retten will, doch er kann nicht schwimmen) reanimiert. Er tritt nach vorne, rechtfertigt sich und damit Viktor Bodós dreistündige rasante Show. Nicht zum Spaß habe er sich so herumgetrieben und auch nicht nur, um zu schauen, ob die Gesellschaft überhaupt noch Talent zur Moral hat, sondern weil er „wartet“ – auf den nächsten Krieg nämlich und darauf, eingezogen zu werden. „Ich saß in einem großen Wartesaal, und der hieß Europa. Acht Tage später fährt der Zug. Das wusste ich. Aber wohin er fuhr und was aus mir werden sollte, das wusste kein Mensch. Und jetzt sitzen wir wieder im Wartesaal, und wieder heißt er Europa! Und wieder wissen wir nicht, was geschehen wird.“ Die Aufforderung „Lernt schwimmen!“ blinkt jetzt auch noch auf dem Leuchtschriftband, das zuvor die Namen der Bars angezeigt hatte.
Das ist so originell und nötig, wie einen Witz zu erklären, den längst jeder verstanden hat. Derlei hat aber nun schon fast Tradition im Schauspiel Stuttgart. Wie in anderen Produktionen auf der großen Bühne, Mouawads „Verbrennungen“ etwa und Stephens’ „Am Ende Licht“, schickt auch dieses Regieteam das Publikum nicht ohne moralisierende Botschaft als Betthupferl nach Hause.
„Fabian“ am Schauspiel Stuttgart Wieder am 21., 22., 23. 3., 14.,15. 4., 8. und 26. 5.
Info
Text
Erich Kästners (1899-1971)Roman erschien 1931 in der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart. Einige als anstößig empfundene Szenen musste der Autor streichen. Der Originaltext liegt im Deutschen Literaturarchiv in Marbach vor – diese Version ist unter dem Titel „Der Gang vor die Hunde“ 2017 im Atrium-Verlag neu erschienen.
Adaptionen
Im Theater ist „Fabian“ derzeit häufig zu sehen, 2021 etwa wurde der Text von Frank Castorf im Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht. Der Roman wurde auch verfilmt, jüngst von Dominik Graf mit Tom Schilling und Albrecht Schuch. Der Kinostart in Deutschland erfolgte am 5. August 2021. Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2021 wurde „Fabian“ mit der Silbernen Lola ausgezeichnet.