Facebook will über eine eigene Variante des Betriebssystems Android die Smartphone-Nutzer an sich binden. Andere Anbieter basteln an neuen Betriebssystemen. Der Kampf um die Kontrolle der Mini-Bildschirme ist voll entbrannt.

Stuttgart - Mark Zuckerberg bekennt sich offen zu seinem Kidnapping. „Unsere neue Heimat auf Android“ – so beschrieb er bei der Präsentation vor einigen Tagen den Versuch, das soziale Netzwerk Facebook ausgerechnet mithilfe des Betriebssystems des großen Rivalen Google auf Smartphones stärker in den Vordergrund zu drängen. Seit Freitag können die Besitzer von ausgewählten Smartphone-Modellen die Android-Variante von Facebook testen – allerdings zunächst nicht in Deutschland. Möglich ist das nicht nur auf den Geräten des mit Facebook kooperierenden taiwanesischen Herstellers HTC, auf denen „Facebook Home“ teilweise schon programmiert ist. Auch mit der Galaxy-Modellfamilie des den Markt für Android-Smartphones dominierenden koreanischen Herstellers Samsung ist die erste Version der Software kompatibel.

Statt auf den üblichen Icons und Symbole eines Startbildschirms, landet man beim Einschalten zuerst bei den Facebook-Updates seiner Freunde. „Wir stellen den Menschen ins Zentrum, nicht die Apps“, sagte Zuckerberg bei der Präsentation. „Home“ ist eine komplexere Software als eine gewöhnliche App, aber sie greift nicht ganz so tief in die Funktionalität ein, wie ein eigenes, neu entwickeltes Betriebssystem. Insofern geht Facebook beim Ringen um eine stärkere Präsenz auf den allgegenwärtigen portablen Bildschirmen seinen eigenen Weg. Ein halbes Dutzend anderer Konkurrenten arbeitet hingegen gleich an ganzen alternativen Betriebssystemen. Die Aspiranten reichen vom Gerätehersteller Samsung bis hin zu der nicht gewinnorientierten, für den Webbrowser Firefox verantwortlichen Mozilla-Stiftung. Die ersten dieser alternativen mobilen Betriebssysteme könnten Ende 2013 oder Anfang 2014 die Marktreife erreichen.

Das Duopol von Apple und Google soll fallen

Das Ziel ist klar: Das Duopol von Apple und Google soll aufgebrochen werden. Das Betriebssystem hat großen Einfluss auf das Verhalten der Nutzer. Wer sich erst einmal an die Funktionalitäten eines Systems gewöhnt hat, der hält dem jeweiligen technischen Ökosystem in der Regel die Treue. Das sorgt dann etwa bei der Platzierung von Anzeigen, beim lukrativen Sammeln der Nutzerdaten oder auch schon beim Verkauf der Smartphones selbst sozusagen für einen programmierten Vorsprung des jeweiligen Anbieters .

Die Betriebssysteme iOS von Apple und das vom Suchanbieter Google initiierte Android beherrschen nach Angaben des US-Marktforschungsunternehmens Comscore für Dezember 2012 mit geschätzten Anteilen von 36 beziehungsweise 54 Prozent unangefochten die Bühne. Weit abgeschlagen sind das Betriebssystem von Blackberry mit sechs Prozent und die mobile Variante von Windows 8, dem aktuellen Betriebssystem von Microsoft mit drei Prozent. Dank seines für berührungsempfindliche Bildschirme optimierten Kacheldesigns hatte das im Herbst 2012 vorgestellte Windows 8 dem Softwareanbieter eigentlich einen höheren Marktanteil bei den mobilen Endgeräten eröffnen sollen.

Die Rivalen mit dem größten Potenzial sind nicht die auf ein Nischendasein zurückgeworfenen einstigen Größen Blackberry und Microsoft. Es sind vielmehr mobile Varianten von Betriebssystemen, die einst zur Bändigung des auf den PCs der Welt dominierenden Giganten Microsoft entwickelt wurden. Dazu gehören neben dem bereits erwähnten Ableger des Webbrowsers Mozilla- Firefox weitere Systeme, die sich von der offenen Plattform Linux ableiten. Ubuntu, der auf PCs schon erfolgreiche Ableger der Linux-Familie, soll noch in diesem Jahr auf die ersten Smartphones kommen.

Mozilla hat Nutzer in ärmeren Ländern im Blick

Hinter diesen Entwicklungen stehen teilweise sogar ideelle Motive. Mozilla will mit seinem Projekt beispielsweise dazu beitragen, dass es auch auf Märkten mit niedrigem Einkommensniveau einen Zugang zu preisgünstigen Smartphones gibt. Nicht mehr als 80 bis 100 Dollar soll nach Angaben von Mozilla ein Smartphone mit dem neuen Betriebssystems kosten. Wie der mobile Ableger von Ubuntu soll das mobile Firefox-Betriebssystem den Internetstandard HTML5 erlauben. Damit würde nach Angaben von Mozilla-Chef Gary Kovacs, die Zahl der potenziellen Programmierer von den Hunderttausenden, die sich mit iOS und Android beschäftigen, auf bis zu zehn Millionen wachsen.

Doch der Schlüssel für den Durchbruch eines neuen mobilen Betriebssystems werden die Allianzen mit Unternehmen sein, die ein kommerzielles Interesse haben, Apple und Google in die Schranken zu weisen. Mozilla hat in Gestalt der spanischen Telefongesellschaft Telefónica einen Partner, der sich mithilfe eines billigeren Betriebssystems den Durchbruch auf dem lateinamerikanischen Markt erhofft. Aus demselben Grund will die Deutsche Telekom beim Marktstart in Polen dabei sein. Die Ubuntu-Entwickler haben sich mit dem Softwarehersteller Canonical verbündet. Und der Android-Marktführer Samsung kapert Software auf seine Weise. Die Koreaner wollen das Betriebssystems Tizen weiterentwickeln, das aus der Linux-Familie stammt. Ein erstes damit ausgestattetes Telefon soll es im Sommer geben.

Bollwerk oder offene Plattform – ein Glossar

Betriebssystem –Das Betriebssystem ist die Schnittstelle zwischen der Hardware eines Computers und der darauf liegenden Software. Damit werden wichtige Ressourcen wie etwa der Arbeitsspeicher, die Festplatte oder angeschlossene Geräte verwaltet. Das Betriebssystem hat damit einen entscheidenden Einfluss auf die Funktionalität eines Computers und die Art und Weise wie er bedient wird.

Apple – Der US-Anbieter repräsentiert mit seinem mobilen Betriebssystem iOS eine Philosophie, bei Hard- und Software aus einer Hand kommen. Unabhängige Entwickler müssen sich strengen Nutzungsbedingungen unterwerfen. Selbst der Kauf von Apps ist zentralisiert.

Google – Den gegenteiligen Weg ist Google gegangen. Das mobile Betriebssystem Android wurde als offene Plattform gestaltet – und ist damit der Gegenpol zu Apple. Dies erlaubt es aber auch Facebook einem Smartphone seinen Stempel aufzudrücken – stärker als über ein einfaches, auch bei Apple erlaubtes Anwendungsprogramm.

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