Fachforum zur Digitalisierung Wann kommt der Lern-Roboter in Stuttgarter Schulen?

Teil des Forums war ein Marktplatz mit Anbietern und Projekten. Foto: Max Kovalenko

Die Digitalisierung der Schulen kommt voran, aber nur schleppend. Das gilt für die Technik, aber auch für die passenden Lernkonzepte. Wo klemmt es eigentlich? Und was könnte Deutschland von Ländern wie China und den Niederlanden lernen?

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Wenn Andreas Schleicher wissen will, was die Digitalisierung im Unterricht leisten kann, schaut er nach Asien. In der chinesischen Metropole Schanghai, gibt der OECD-Bildungsdirektor ein Beispiel, lernten die Schüler das sehr anspruchsvolle Schreiben der insgesamt rund 4000 chinesischen Schriftzeichen „mit einem Scanner im Tisch“. So bekomme die Lehrkraft beständig Rückmeldungen über den Lernstand der Schüler und könne entsprechend reagieren.

 

Weil man Sprachen und überhaupt Bildungsinhalte am besten interaktiv lernt, werden dazu heute auch schon Roboter als Lernpartner eingesetzt. In einem Projekt in den Niederlanden werden im Dialog mit der Maschine Fremdsprachen gelernt, erzählt der Bildungsexperte. Bei einem Beispiel aus Japan müssen die Schüler einem Roboter Gelerntes erklären. Und in Südkorea hätten Schüler „einen digitalen Tutor“, der weiß, wo jeder Schüler steht und ganz individuell Hausaufgaben gibt.

Was kann die Digitalisierung leisten?

Andreas Schleicher, der in der deutschen Öffentlichkeit als Koordinator der internationalen Pisa-Bildungsstudien bekannt ist, war der prominenteste Gast beim „Forum Digitale Schule – wie clickt Stuttgart?“. Für den Bildungsforscher, der in einer der Veranstaltungshallen im Wizemann überlebensgroß auf einer Leinwand aus Paris zugeschaltet war, hat die Digitalisierung des Lernens mehrere Vorteile. Sie biete „die Chance des personalisierten Lernens“, mache es möglich, endlich „die Trennung von Lernen und Evaluation“ aufzuheben und könne Lehrkräfte von den wachsenden administrativen Aufgaben entlasten. Die Schüler bekämen neue Handlungsfreiheiten beim Lernen, glaubt Andreas Schleicher, sodass sie sich den Stoff nicht mehr passiv, sondern aktiv aneignen.

Doch das ist auch in Stuttgart noch Zukunftsmusik. Man komme zwar gut voran, sagte Schulbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP), aber es gebe „noch viele Hürden“. Die Herausforderungen bei der Digitalisierung der Schulen seien groß, insbesondere für jene Menschen, die sich dafür engagierten. Man sei noch „am Anfang des Weges“, betonte auch Thomas Schenk, der Leiter des Staatlichen Schulamts Stuttgart. Nötig sei bei der Digitalisierung eine „staatliche-kommunale Verantwortungsgemeinschaft“, so Schenk. Die Schulen müssten für die digitale Transformation entsprechend mit „Personal und Bildungsplänen“ ausgestattet werden, auch mit entsprechenden Spezialisten.

Wie geht es hier weiter?

Nicht nur in Stuttgart ist die Debatte noch immer stark von der „Ausstattungsthematik“ geprägt, wie Isabel Fezer einräumte. Immerhin müssen hier 150 Schulen, die teils in historischen Gebäuden sind, und rund 76 000 Schüler mit dem Nötigen ausgestattet werden. Das erfordert vielfach die völlige Erneuerung der Elektrik, was häufig eine Komplettsanierung der Gebäude bedeutet. Bis Ende 2024 werden im Rahmen des Digitalpakts Schule 39 Millionen Euro ausgegeben sein. Bis dahin sollen Schüler und Lehrer hier insgesamt 57 000 Endgeräte, etwa Laptops oder Tablets, haben, derzeit sind es noch 45 000. Ende 2025 sollen auch alle Schulräume ans Internet angeschlossen, bis Ende 2027 dann alle voll vernetzt sein, sodass die Möglichkeiten der Digitalisierung im Unterricht auch ausgeschöpft werden können.

Aber was dann? Denn: Die eigentliche Aufgabe seien „veränderte Lernformen“, betonte Michael Pallesche. „Wir müssen den Lernprozess verändern“, erklärte der Leiter der Karlsruher Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule, die als erste Schule im Land das Siegel Smart School erhalten hat. Und dafür seien „die Lehrkräfte der Schlüssel“, nicht die Technik, machte Tilo Knoche, Vorstand beim Stuttgarter Ernst Klett Verlag, deutlich. Das sieht auch Uta Hauck-Thum so: „Digitalisierung muss die Schule selbst machen“, erklärte die Professorin für Grundschulpädagogik und Didaktik in München.

Welche Rolle haben die Lehrkräfte?

Doch wie ist das alles zu schaffen? „Wie gut sind die Lehrkräfte geschult, wie positiv sind sie eingestellt“, fragte Manja Reinholdt, die Vorsitzende des Stuttgarter Gesamtelternbeirats. Auch die beiden zu dem Forum eingeladenen Schülerinnen, Julia Beck und Ann-Kathrin Böttcher von der Stuttgarter Schickhardt Gemeinschaftsschule, plädierten in Sachen Digitalisierung für mehr „Weiterbildung der Lehrer“. Michael Pallesche hat an seiner Karlsruher Smart School jedenfalls festgestellt: „Nicht alle schreien hurra bei diesen Veränderungen.“ Zumal schon die Zahlen deutlich machen, welche Herausforderung auch die Weiterbildung von Lehrern ist. Alleine in Stuttgart gebe es „4500 Lehrkräfte“, ohne Gymnasien und Berufsschulen, sagte Schulamtsleiter Thomas Schenk.

Was muss die Politik leisten?

Dass die Schulen diesen enormen Transformationsprozess nicht alleine schultern können, war Konsens bei den Teilnehmern des Forums. „Die Schule kann das nicht alleine leisten“, ist sich Christian Ebel sicher, der Geschäftsführer des Zentrums für digitale Bildung und Schule im Kreis Güterloh. Man müsse für diese eine entsprechende „Begleitung und Beratung aufbauen“. Das gilt sowohl für die Technik wie für Pädagogik und Didaktik. Die Schulen müssten sich Partner suchen von außen und diese „in die Schulgemeinschaft einbeziehen“, ist Schulleiter Michael Pallesche überzeugt. Und sie müssten sich „ins Quartier öffnen“.

All jene, die sich jetzt schon in der Schulpraxis sehr engagiert der Digitalisierung widmen, fordern auch mehr Unterstützung durch das Land. Die Entwicklung neuer Lernformen käme ihr manchmal vor wie ein persönliches „Liebhaberprojekt“, sagte Christiane Weber, Lehrerin an der Grund- und Werkrealschule Ostheim und medienpädagogische Referentin am Stuttgarter Stadtmedienzentrum. Es fehle „ein klarer Rahmen, wie er sonst für alle Fächer vorhanden ist“, erläuterte Weber vor rund 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des von Stadt und Stuttgarter Kinderstiftung veranstalteten Forums. Angesichts des nicht einfachen Terrains, der häufig mangelhaften Infrastruktur und weil Lehrkräfte ohnehin „nicht viel Zeit“ hätten, werde deren Engagement für das Thema oft „erstickt“.

Wie kann man die Lehrkräfte unterstützen?

Das sieht Jasmin Stolz ähnlich. Die Lehrerin an der Bad Cannstatter Altenburg-Gemeinschaftsschule, wo schon Manches digital organisiert wird, ist dort im Digitalteam aktiv und auch auf Landesebene. Es habe sie „viele Nerven gekostet“, die Digitalisierung voranzutreiben, sagt Stolz. Vieles habe sie sich selbst angeeignet. Sie ist überzeugt von den Vorteilen der digitalen Transformation, es gebe auch immer mehr Kolleginnen und Kollegen, die dies auch erkennen. Aber man müsse sich darauf wirklich einlassen. Doch dafür „bräuchte man mehr Zeit“, findet auch Jasmin Stolz. Deshalb könne sie auch verstehen, dass andere, die nicht so digitalaffin seien, eher zögerten.

Dabei wird die Digitalisierung ohne das Engagement der Pädagogen nicht funktionieren. Man müsse „die Lehrkräfte an der Entwicklung der Digitalisierung beteiligen“, sagt Bildungsforscher Andreas Schleicher. „In asiatischen Ländern sind die Lehrkräfte selbst die Entwickler.“

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