Fachkräftemangel in Stuttgart Die Stadt verliert Erzieherinnen

Weil Erzieherinnen fehlen, wird erneut über den Einsatz von Aushilfskräften diskutiert, zumindest zu den Randzeiten. Foto: dpa/Friso Gentsch
Weil Erzieherinnen fehlen, wird erneut über den Einsatz von Aushilfskräften diskutiert, zumindest zu den Randzeiten. Foto: dpa/Friso Gentsch

Der Personalrat des Jugendamts legt einen Maßnahmenkatalog vor: Er fordert Nachbesserung beim Tarif, den Einsatz von Aushilfen – und einen Schritt zurück bei den Ansprüchen an die Erzieherinnen.

Lokales: Barbara Czimmer (czi)

Stuttgart - Die Platznot an Kindertagesstätten ist eng verknüpft mit dem Erzieherinnenmangel. Allein die Stadt Stuttgart hat 300 unbesetzte Stellen, wie Bernd Mattheiß dem Jugendhilfeausschuss dargelegt hat. Auch in der Schulkindbetreuung tun sich wachsende Lücken auf. Der Personalrat des Jugendamts ist alarmiert.

Mehr Ab- als Zugänge

„Wir müssen für den Erhalt von qualifiziertem Personal fachlich sinnvolle Rahmenbedingungen schaffen“, führt Personalrätin Ulrike Eggle aus. Zwar habe sich die Zahl der Fachkraftstellen in Stuttgart innerhalb der vergangenen 15 Jahre verdoppelt, doch trotz intensiver Personalwerbung und der Ausschöpfung aller Ausbildungskapazitäten übersteige derzeit die Zahl der Abgänge die der Zugänge. „Das führt zur Unzufriedenheit und Frustration der Belegschaft wegen Überarbeitung und mangelnder fachlicher Konzepterfüllung“, so Eggle.

Weil hierzulande nicht mehr genügend Erzieherinnen zu gewinnen sind, sucht die Stadt seit 2013 verstärkt im Ausland nach Personal– laut Jugendamtsleiterin Susanne Heynen „ein Erfolgsmodell“. Anfangs hat die Stadt in Italien und Rumänien Fachkräfte geworben, „aktuell liegt unser Hauptfokus auf Spanien“, sagt Bernd Mattheiß, der stellvertretende Jugendamtsleiter. Auf diese Weise habe Stuttgart 100 Erzieherinnen gewonnen, circa ein Drittel aus Rumänien, zehn Prozent aus Italien und mehr als die Hälfte aus Spanien.

Das Anerkennungsverfahren ist langwierig

Es gibt aber auch Initiativbewerberinnen, die es allerdings nicht leicht haben, an einen Job zu kommen. Ein Beispiel: Eine Frau aus Südamerika, 41 Jahre alt, hat einen Uni-Abschluss als Lehrerin für Vorschulerziehung und einen Masterabschluss in Psychologie. Die Frau – sie will namentlich nicht genannt werden – war in der Lehrerausbildung und in den USA mehrere Jahre als Erzieherin berufstätig. Jetzt würde sie gern in Stuttgart in ihrem Beruf tätig werden.

Dazu muss das Regierungspräsidium ihre Ausbildung anerkennen, gegebenenfalls eine Nachqualifizierung vorschlagen. Am 6. Juli hat sie ihre Dokumente eingereicht, drei Monate später wird sie aufgefordert, weitere Dokumente nachzureichen. Die Bearbeitungsdauer liegt, wie eine Auskunft aus dem Regierungspräsidium zeigt, im üblichen Rahmen: „Die Bearbeitung bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse von Erzieherinnen und Erziehern dauert derzeit nach Eingang aller notwendigen Unterlagen rund vier Monate. Da es sich immer um einen Einzelfallprüfung handelt, kann die Bearbeitungsdauer auch davon abweichen.“

Aushilfskräfte erwünscht

Die Frau hätte gern als Aushilfe gearbeitet, bis ihr Ausbildungsstatus geklärt ist, doch auch das geht nicht. Für den befristeten Einsatz von Nichtfachkräften, so Ulrike Eggle, müsse beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) und beim Kultusministerium erst noch eine Lockerung erwirkt werden. Der KVJS habe verboten, Lücken mit Aushilfskräften zu überbrücken oder für Randzeiten fachfremde Personen zu beschäftigen. Auch zahlreiche tarifliche Nachbesserungen, teils außertariflich, schlägt der Personalrat vor.

Zu wenig Personal für Inklusion

Angesichts der personellen Ausdünnung sollten, so Eggle, die Öffnungszeiten „auf das unabdingbar Notwendige beschränkt werden“ und beim Programm Einstein in der Kita „schriftliche Dokumentationen aller Art auf das reduziert werden, was uns notwendig erscheint und was wir leisten können“. Außerdem seien sozialtherapeutische und heilpädagogische Sondereinrichtungen als Betreuungsalternativen wieder aufzubauen, weil in den Regeleinrichtungen die entsprechenden Ressourcen und Strukturen für Inklusion nicht geschaffen worden seien.

„Wir haben keine Zeit mehr, auf ein solches Maßnahmenbündel lange zu warten“, so das Resümee, „die Spirale abwärts beschleunigt sich. Sie zu bremsen wird um so schwieriger, je später man damit beginnt.“




Unsere Empfehlung für Sie