Streit um „Lovemobil“ Fälschung bei prämiertem Dokumentarfilm

Der Dokumentarfilm „Lovemobil“ zeigt das Prostituiertenleben – leider auch mit gefälschten Szenen. Foto: WDR/NDR/Christoph Rohrscheidt

Beim Stuttgarter SWR-Doku-Festival war „Lovemobil“ 2020 der strahlende Gewinner. Nun räumt die Macherin des Films über Prostituierte Fälschungen ein – und steht zu ihnen.

Hamburg - Das Ausmaß des Schadens ist noch gar nicht abschätzbar: Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) hat den preisgekrönten, von ihm mitproduzierten Dokumentarfilm „Lovemobil“ von Elke Margarete Lehrenkrauss aus der ARD-Mediathek genommen und für Wiederholungen gesperrt. Der Film entspreche, so der Programmdirektor Frank Beckmann, nicht den Standards des NDR für dokumentarisches Erzählen: „Er gaukelt dem Publikum eine Authentizität vor, die er nicht hat.“

 

Beim SWR-Doku-Festival in Stuttgart bekam Lehrenkrauss im Jahr 2020 den Deutschen Dokumentarfilmpreis. Der Südwestrundfunk (SWR) erklärt nun in einer Pressemitteilung, man werde „die Preisvergabe überprüfen und die Auszeichnung gegebenenfalls aberkennen“. Lehrenkrauss’ Mitgliedschaft in der Jury des Deutschen Dokumentarfilmpreises 2021 ruhe vorerst.

Prostituierte nur gespielt

Die Filmemacherin und Bildende Künstlerin erzählt in ihrem Filmdebüt vom harten Alltag Prostituierter in Wohnmobilen am Rande von Bundesstraßen in Niedersachsen. Die Prostituierte Rita im Film aber ist gar keine, sondern eine Bekannte der Regisseurin, die hier in inszenierten Szenen spielt. Auch einer der gezeigten Freier ist ein Bekannter.

Diese Fälschungen haben Journalisten der NDR-Redaktion „STRG_F“ aufgedeckt. Ihnen gegenüber hat die Filmemacherin ihr Vorgehen eingeräumt, aber forsch verteidigt: „Ich kann mir auf jeden Fall nicht vorwerfen, die Realität verfälscht zu haben, weil diese Realität, die ich in dem Film geschaffen habe, eine viel authentischere Realität ist.“ Das Ganze sei sowieso nur ein Kommunikationsproblem. Bei ihr habe nie jemand nachgefragt, ob sie mit nachgespielten Szenen arbeite. Sie habe den NDR auch gebeten, ihr Werk als „künstlerischen Film“ zu kennzeichnen. Das sei aber nicht geschehen.

Wasser auf die Mühlen der Fake-News-Fraktion

Diese Darstellung weist der NDR scharf zurück. Das Projekt sei mehrfach zwischen Autorin und Redaktion besprochen worden: „Nachfragen nach bestimmten Situationen und Protagonist*innen konnte die Autorin plausibel und glaubwürdig erklären.“ Von Fiktionalisierung sei nie die Rede gewesen: „Verabredet war ein Dokumentarfilm, kein Hybriddokumentarfilm oder Spielfilm. Authentizität ist essenziell für das Genre des Dokumentarfilms.“ Der Sender prüfe nun juristische Konsequenzen.

Nicht gekennzeichnete Fiktionalisierung, als dokumentarisch ausgegebene Inszenierung oder heimliche Ausschmückung des Faktischen ist brisant schädlich in Zeiten, in denen interessierte Kreise mit Fake-News-Vorwürfen die Wächterfunktion des Journalismus aushebeln wollen. „Lovemobil“ ist dabei ein besonderer Fall, weil der Film nicht in der Masse der Dokumentarproduktionen und Reportagen des Fernsehens versunken ist: Lehrenkrauss hat Aufmerksamkeit auf Festivals und bei Wettbewerben gefunden und ist sehr herausgehoben gewürdigt worden.

Ein Schaden fürs gesamte Genre

Beim Deutschen Dokumentarfilmpreis teilt sie sich den ersten Platz und das Preisgeld von 20 000 Euro mit Ferras Fayyad und dessen Dokumentarfilm „Eine Klinik im Untergrund – The Cave“. Er hat unter ständiger Lebensgefahr den Alltag in einem unterirdischen Notkrankenhaus im Bombenhagel des syrischen Bürgerkriegs festgehalten. Die Behauptung der Gleichrangigkeit durch die Fachjury war damals eine ganz besondere Würdigung – und birgt nun die Gefahr, dass Lehrenkrauss’ Fälschung auf den Dokumentarfilm an sich und den Preis negativ abstrahlt.

Das befürchtet auch Irene Klünder, die Leiterin des Doku-Festivals: Die „unabhängige Jury“ habe „Lovemobil“ den deutschen Dokumentarfilmpreis verliehen, „da sie davon ausging, dass die Inhalte authentisch sind“, sagt sie. „Elke Margarete Lehrenkrauss hat das Genre und den Preis beschädigt. Auch ihre Intention – auf das Schicksal der Prostituierten hinzuweisen – ist nun komplett ausgehebelt.“ Sie hoffe jetzt darauf, „dass dieser Prozess für den Dokumentarfilm auch eine Chance ist, indem die Regeln zur Transparenz offen diskutiert werden und so die Zuschauer*innen noch sicherer sein können, dass Dokumentarfilme Wirklichkeit abbilden“. Wem nicht recht ist, was ein Film dokumentiert, der kann nun wieder triumphal behaupten, die Bilder seien ja vielleicht gar nicht echt. Eine ähnlich bequeme Abwehr unliebsamer Rechercheergebnisse fand sich zuhauf in den sozialen Netzwerken, nachdem im Dezember 2018 die Fälschung von Reportagen durch den damaligen „Spiegel“-Journalisten Claas Relotius aufgeflogen war.

Erinnerungen an den Fall Relotius

Die Diskussion darüber, inwieweit Dokumentarfilmer den Inhalt ihrer Filme beeinflussen oder in Szene setzen dürfen, ist nicht neu. Beim Branchenkongress Dokville, damals noch in Ludwigsburg, wurde 2010 über „Neukölln Unlimited“ debattiert. Der Film von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch begleitet drei Geschwister mit libanesischen Wurzeln auf der Suche nach einem Platz im Berliner Leben, und viele Szenen sind gestellt – die Protagonisten aber eindeutig echt, was den Film trotzdem zu einem ernst zu nehmenden Zeitdokument macht.

Wer fälscht, kann sich Vorteile verschaffen

Die Neigung zur Verfälschung habe zugenommen, ist aus der Dokumentarfilmszene zu hören – weil Bilder, die spektakulärer wirken als die Realität, zum Beispiel bei Festivals bessere Chancen hätten. Offen ausgesprochen wird das selten – wer es täte, liefe Gefahr, sich in einem ohnehin harten, wenig einträglichen Geschäft wichtige Sympathien zu verscherzen.

Der NDR verkündet, man stehe mit der Aufklärung zu „Lovemobil“ noch am Anfang und suche bessere Wege, sich vor solchen Irreführungen zu schützen. Die Direktorin des Grimme-Instituts, Frauke Gerlach, teilte mit, die Nominierungskommission habe dem Film die Nominierung für den Grimme-Preis entzogen. Nun müsste eine breite Debatte geführt werden über Wirklichkeit, Wahrheit und Täuschung im Dokumentarfilm – besonders angesichts einer Regisseurin, die offen zu ihrer Methode steht und nur ein Kommunikationsproblem sieht.

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