Radort Stuttgart Darum gibt es keine Ersatzteile

Bogdan-Alexandru Raducu in seiner kleinen Werkstatt Alles-Rad in Plattenhardt. Foto: /Holowiecki
Bogdan-Alexandru Raducu in seiner kleinen Werkstatt Alles-Rad in Plattenhardt. Foto: /Holowiecki

Wer sein Fahrrad oder E-Bike reparieren lassen will, muss momentan in der Regel mit außergewöhnlich langen Wartezeiten rechnen. Woran liegt das? Eine Umfrage in der Region Stuttgart.

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Filder - Es ist Bogdan-Alexandru Raducus erste Saison, und die läuft direkt bombig. In Plattenhardt führt er seit Kurzem seine kleine Werkstatt „Alles-Rad“. Vornehmlich E-Bikes, aber auch normale Räder warten dort auf eine Reparatur oder einen Check, und dank des coronabedingt anhaltenden Radfahr-Trends hat er alle Hände voll zu tun. „Sehr viel“, sagt er und schnaubt lachend. „Ich freue mich tierisch“, schiebt er nach.

Wäre da nicht ein kleines Problem: Manche Ersatzteile sind aktuell kaum zu bekommen. Akkus oder Displays für E-Bikes? Bogdan-Alexandru Raducu schüttelt den Kopf. Spezielles sei total vergriffen, doch selbst mit der Suche nach einfachen Artikeln tue er sich bisweilen schwer, obwohl er als Betreiber eines Onlineshops ein gutes Netzwerk habe. Umso mehr freut ihn, dass jüngst endlich die Reifen gekommen sind, die er Mitte März bestellt hatte. 100 Exemplare stapeln sich in der Werkstatt. Viel gebundenes Kapital für einen kleinen Zwei-Mann-Betrieb, „aber ich habe gedacht: In einem Monat bekomme ich nichts mehr“.

Wegen Corona fahren mehr Menschen Rad

Landauf, landab ist die Situation dieselbe: Wer dieser Tage sein Fahrrad repariert haben möchte, muss mitunter lange warten. Ersatzteile sind Mangelware. Thomas Plagemann – er betreibt in Plieningen im Nebengewerbe die kleine Werkstatt „Radstall“ – spricht von mehreren Effekten, die derzeit zusammenkommen. Zunächst ist da der Radelboom. „Es wird sehr viel mehr Rad gefahren.“ In seinem „Radstall“ seien die Anfragen um 100 Prozent gestiegen. Gleichzeitig stockt die Produktion von Teilen. Der Branchenriese Shimano etwa musste vor Kurzem eine Fabrik in Malaysia coronabedingt vorübergehend schließen. Auch andere Firmen hat es getroffen. „Die produzieren alle da drüben in Asien“, erklärt Thomas Plagemann. Knappe Frachtkapazitäten und blockierte Ausfuhren täten ihr Übriges. „Es ist derzeit sehr, sehr schwierig, Ersatzteile zu bekommen“, resümiert er, selbst Reifen in Standardgrößen könnten über Großhändler nicht geliefert werden. Überhaupt noch fündig zu werden, erfordere „sehr viel mehr Recherchearbeit“.

Das Sozialunternehmen Neue Arbeit betreibt mehrere Rad-Servicestationen, unter anderem in Vaihingen und Möhringen, und die sind überaus gefragt. „Durch den Lockdown ist vielen aufgefallen, dass ihr Rad repariert gehört“, sagt der Mitarbeiter Marco Helzle. Sprich: Die Nachfrage an Dienstleitungen ist hoch. Doch viele Instandsetzungen müssen auch hier warten, weil die Teile vergriffen sind. Marco Helzle nennt ein Beispiel: Für eine Scheibenbremse findet er im Computer zwei mögliche Liefertermine. Die günstige Variante sei ab dem 13. Oktober verfügbar, die teure ab dem 18. August. 2022, wohlgemerkt. „Das ist richtig verrückt“, sagt Marco Helzle. Er weiß: Bei Ebay, Amazon und Co. gebe es Teile noch, wenn auch mitunter für mehr Geld, aber als Sozialunternehmen sei man an bestimmte Lieferanten gebunden. „Dann muss man den Kunden manchmal sagen: Wenn Sie das Teil selbst besorgen, können wir es einbauen.“

Die Kunden warten auf ihre neuen Fahrräder

Die Engpässe treffen nicht nur Werkstätten, sondern auch den Handel. Hanna Hertfelder arbeitet für die Firma „Rad-Kraftwerk“ in Echterdingen, und sie stellt klar: Gut 50 Prozent der Neuräder, die Kunden vor mehr als einem Jahr bestellt haben, sind bis heute nicht da. „Die stehen oft fast fertig in den Werken und warten auf einzelne Komponenten.“ In der Folge würden Lieferzeiten „in der Salamitaktik“ immer wieder nach hinten verschoben – zum Unmut mancher Kunden, die sich jetzt im Sommer gern aufs Rad schwingen wollten. Hanna Hertfelder hat dafür Verständnis. Ändern kann sie es nicht. „Der Markt ist so leer gefegt.“ Sie glaubt, dass sich die Situation so bald nicht entspannen wird. Schon jetzt setzten einzelne Hersteller Lieferzeiten bis 2023 an. Sie prophezeit: „Es wird auch für nächstes Jahr deutliche Preissteigerungen geben.“




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