Während der Coronapandemie erlebte die Fahrradbranche einen unverhofften Boom – auch im Landkreis Esslingen. Die Nachfrage hat sich seitdem wieder normalisiert. Doch obwohl volle Lager die Preise drücken, sehen sich Händler und Produzenten in einer guten Ausgangslage für die beginnende Saison.
Dazu trägt auch bei, dass das Fahrrad als Verkehrsmittel immer stärker in den gesellschaftlichen Fokus rückt. Debatten über die Trassenführung von Radschnellwegen und Fahrradstraßen werden im Landkreis Esslingen vielerorts seit Monaten leidenschaftlich geführt.
2022 war das beste Jahr für die Branche
Hersteller und Händler spüren die Auswirkungen der veränderten Marktlage. Von 2019 bis 2022 habe es einen enormen Nachfrageanstieg für Fahrräder gegeben, erklärt Thomas Raith, Geschäftsführer bei Pinion. Die Firma mit Sitz in Denkendorf hat sich auf Fahrradschaltungen nach dem Vorbild von Automobilgetrieben spezialisiert. „Durch die Coronapandemie stieg die Nachfrage noch einmal“, sagt er. 2022 sei das beste Verkaufsjahr in der Geschichte gewesen. Weil die Teile für Fahrräder aus der ganzen Welt kämen, habe die Industrie jedoch teils sehr lange Vorlaufzeiten. Durch Fabrikschließungen infolge der Pandemie seien die Lieferzeiten geradezu explodiert, berichtet Raith. „Man musste teilweise schon eineinhalb Jahre im Voraus bestellen“, erinnert er sich. Viele Händler und Hersteller seien zudem von einem längeren Nachfrageboom ausgegangen. 2023 sei die Nachfrage jedoch leicht rückläufig gewesen, sagt Raith.
Selbst Kinderräder gibt es mit teils starkem Rabatt
Im vergangenen Jahr seien schließlich drei Jahre Lieferrückstau in die Lager der Händler geflutet, sagt Markus Walcher, der Geschäftsführer von Fahrrad XXL Walcher in Deizisau. Für Kunden sei jetzt eine attraktive Zeit, um ein Fahrrad oder E-Bike zu kaufen, da die vollen Lager zu günstigen Angeboten führten. Diese Sicht teilt auch Christoph Walter. „Selbst bei Kinderrädern, die zeitweise kaum verfügbar waren, gibt es mittlerweile zum Teil 30 Prozent Preisreduktion“, sagt der Geschäftsführer von Quantor-Bikes aus Denkendorf. Ihn und die Firma betreffe die aktuelle Situation eher weniger, erklärt er. Quantor-Bikes hat sich auf die Herstellung eigener Fahrräder und den Reparaturbetrieb spezialisiert. Räder werden hier nur nach Bedarf gebaut.
Obwohl die Lager der meisten Händler voll sind, findet nicht jeder Kunde das gewünschte Rad. „Es gibt Räder, die schon wieder ausverkauft sind“, sagt Andreas Wagner, Geschäftsführer von Radsport Fischer & Wagner in Kirchheim. Begehrte Räder mit großen Akkus oder auch geländegängige Fahrräder wie moderne Gravel Bikes seien knapp. Die Modelle, die die Lagerhallen füllen, stammen oft noch aus den Jahren, in denen sie bestellt wurden. „Bei den Kunden stößt diese Tatsache manchmal auf Unverständnis“, sagt Wagner.
Das klassische Fahrrad verschwindet nicht aus dem Handel
Haupttreiber der Entwicklung in der Fahrradbranche sind E-Bikes. Bei Mountainbikes seien mittlerweile über 90 Prozent der verkauften Räder motorisiert, erklärt Thomas Raith. „Wir wachsen mit den E-Bikes“, fügt er hinzu. Die Nachfrage bei Pinion sei durchweg gut, in den vergangenen Jahren konnte die Firma auch dank innovativer Technik wirtschaftlich wachsen, erklärt Raith. „Die Nachfrage von normalen Fahrrädern sinkt“, sagt Markus Walcher. Dennoch rechnet er nicht damit, dass Räder ohne Antrieb komplett von der Bildfläche verschwinden werden. Es gebe viele Menschen, die Fahrrad fahren, um aktiv Sport zu treiben.
Die Gesamtentwicklung könne aber vor allem für kleinere Händler auch zum Problem werden, sagt Andreas Wagner. Das finanzielle Risiko sei bei E-Bikes, bei denen der Großteil bei einem Preis von 2500 bis 8000 Euro liege, ein ganz anderes. Fehlbestellungen könnten hier schnell die Finanzpolster der Betriebe dünn werden lassen.
Gutes Wetter ist ein Nachfragebooster
Allgemein ist die Nachfrage nach Fahrrädern nach wie vor auf einem hohen Niveau. „Wenn es am Wochenende schönes Wetter gab, stehen die Leute montags vor der Tür Schlange“, sagt Christoph Walter. Thomas Raith sieht den Grund dafür in der Intensivierung der täglichen Nutzung. Dieser Trend habe sich auch nach der Pandemie fortgesetzt. „Bei uns kommen etwa 80 Prozent der Mitarbeiter mit dem Rad“, berichtet er. Auch Leasing-Angebote für Fahrräder führten zu mehr täglicher Nutzung. Bei Quantor-Bikes wiederum sei der Leasinganteil leicht zurückgegangen, sagt Christoph Walter. „Viele haben sicherlich festgestellt, dass sie es doch nicht so viel genutzt haben“, erklärt er.
Weniger Vorbestellungen – aber strukturierter
Die Auswirkungen der vergangenen Jahre seien für die Fahrradbranche auch 2024 noch zu spüren, sagt Andreas Wagner, die Margen seien wegen der bestehenden Lagerbestände schlechter. Für die Branche gelte es, das laufende Jahr noch zu überbrücken. Die Vorbestellungen bei den Herstellern für 2025 seien zwar wieder etwas kleiner, dafür aber besser strukturiert, sagt er.
2,1 Millionen E-Bikes verkauft
E-Bikes
E-Bikes befinden sich nach wie vor im Trend. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland laut dem Zweirad-Industrie-Verband erstmals mehr E-Bikes als klassische Fahrräder verkauft. Mit 2,1 Millionen verkauften E-Bikes stieg der Anteil von batteriebetriebenen Fahrrädern auf stolze 53 Prozent.
Radschnellweg
Im Mobilitätsausschuss des Esslinger Gemeinderats wurden vier mögliche Strecken für den Verlauf des Radschnellwegs RS 4 vorgestellt. Bis Ende 2024 soll die Trasse stehen.
Verkehrswende
Erklärtes Ziel der Landesregierung ist es, dass jeder zweite Weg selbstaktiv, das heißt zu Fuß oder mit dem Rad, zurückgelegt werden soll.