Fahrrad.de-Gründer: Kritik an Managern „Es ist ein Debakel“

Firmengründer René Marius Köhler kritisiert Managementfehler. Fotofabrik Stuttgart Foto: Fotofabrik Stuttgart

Angesichts der von Signa Sports United angekündigten Insolvenz wirft der Gründer von Fahrrad.de und Internetstores, René Marius Köhler, dem Management der Signa-Sports-United-Gruppe schwere Managementfehler vor.

Chefredaktion: Joachim Dorfs (jd)

René Marius Köhler hat Fahrrad.de und Internetstores vor 20 Jahren gegründet. Seit 2016 gehören die Unternehmen der Signa Sports United (SSU) des österreichischen Immobilienunternehmers René Benko. Im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung erhebt Köhler schwere Vorwürfe gegen das Management der SSU-Gruppe.

 

Herr Köhler, die Muttergesellschaft von Internetstores mit dem deutschen Marktführer Fahrrad.de, Signa Sports United (SSU), hat Insolvenz angekündigt.

Das ist auch mein Kenntnisstand. Es ist ein Debakel, meines Erachtens weitgehend selbst verschuldet. So hätte es nicht kommen dürfen.

Wie kam es denn dazu? Welche Fehler sind begangen worden?

In der SSU-Gruppe und den Tochterfirmen sind aus meiner Sicht Managementfehler begangen worden, die beispielsweise der früher gesunden und profitablen Internetstores sehr geschadet haben. Der Grund für die von der SSU angekündigte Insolvenz zum jetzigen Zeitpunkt war aber wohl die Kündigung einer Patronatserklärung der Signa Holding in Höhe von 150 Millionen Euro an die SSU.

Der Reihe nach. Was werfen Sie dem Management vor?

Um nur zwei Beispiele zu nennen: Im aktuellen Halbjahresreporting der SSU-Gruppe beträgt der Rohertrag nur noch 26,4 Prozent, nach 36,3 Prozent im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Das Management erwirtschaftete damit zur Kostendeckung pro Euro Umsatz rund 30 Prozent weniger Deckungsbeitrag. Gleichzeitig sind laut Reporting bei den drei größten Ausgabenpositionen signifikante Kostensteigerungen zu verzeichnen. Der adjustierte operative Verlust hat sich laut dem Reporting im selben Zeitraum gegenüber dem Vorjahr annähernd vervierfacht. Allein in den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahres betrug der Netto-Verlust 180,5 Millionen Euro.

Wie konnte das so schieflaufen?

Erfahrene Führungskräfte, die das Unternehmen aufgebaut haben, verließen Internetstores in den letzten beiden Jahren. Meiner Meinung nach wurden sie durch Leute ersetzt, die in der Führung eines Bike- und Outdoor-E-Commerce-Unternehmens deutlich weniger erfahren waren. In Berlin hat das SSU-Management aus meiner Sicht Doppelstrukturen geschaffen, indem eine nicht operative Holding mit zahlreichen Senior Managern immer weiter ausgebaut wurde. Ich bin der Ansicht, dass das Unternehmen unter der zusätzlichen Komplexitäts- und Kostenbelastung schwer zu tragen hatte, und das im herausforderndsten Marktumfeld seit Jahren.

Haben denn wenigstens die angekündigten, neuen Initiativen funktioniert?

Aus meiner Sicht nicht. Um das mit Zahlen zu belegen: Das SSU-Management kündigte im Rahmen des Börsengangs an, den Umsatz vom Geschäftsjahr 2020/2021 von rund 1,6 Milliarden Dollar auf rund 2,5 Milliarden Dollar für das Geschäftsjahr 2022/2023 zu steigern. Laut dem letzten offiziellen Forecast für das gerade zu Ende gegangene Geschäftsjahr plant das Management stattdessen, rund eine Milliarde Dollar zu erlösen. Das gibt mir zumindest eine Vorstellung davon, wie wenig erfolgreich die neuen Initiativen in Summe gewesen sind.

Sie sind noch an der SSU beteiligt. Warum haben Sie nicht eingegriffen?

Als kleinerer Aktionär der SSU habe ich keine rechtlichen Möglichkeiten, Änderungen durchzusetzen.

Was heißt das alles für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Für sie bedeutet es, dass sie unverschuldet in diese schwierige Situation geraten sind. Da sind zum einen die Mitarbeiter, denen aufgrund der angekündigten Insolvenz der SSU möglicherweise die Arbeitslosigkeit droht. Und da sind zum Zweiten die Internetstores-Führungskräfte der ersten Stunde, die teils über 15 Jahre lang für verhältnismäßig wenig Gehalt gearbeitet haben, dafür aber Anteile an der SSU erhalten haben. Zum Börsengang im Dezember 2021 wurde die gesamte Gruppe an der New Yorker Börse mit 3,2 Milliarden Dollar bewertet, inzwischen sind es wenige Millionen Dollar. Die Aktien meiner besten ehemaligen Mitstreiter sind momentan damit praktisch wertlos.

Wie hoch ist Ihr Verlust?

Ich hielt zum Zeitpunkt des Börsengangs rund sieben Millionen Aktien zu einem Ausgabekurs von zehn Dollar. Der letzte Börsenkurs lag bei unter zehn Cent je Aktie.

Signa Sports United hat angekündigt, eine Insolvenzanmeldung zu planen, da die Signa Holding eine angekündigte Finanzierung nicht leistet. Hinter der Signa Holding steht unter anderem der umstrittene Immobilienunternehmer René Benko. Nach Ihrer Einschätzung: Konnte Benko die Zahlung nicht mehr leisten, weil er selbst in finanziellen Schwierigkeiten steckt, oder hat er den Glauben in die Sanierbarkeit der SSU verloren?

Darüber kann ich mir kein Urteil erlauben.

Sie gehörten in der Vergangenheit zu denjenigen, die Benko immer verteidigt haben. Müssen Sie Ihr Urteil revidieren?

Alle Vereinbarungen, die ich im Laufe der Jahre direkt mit der Signa-Gruppe hatte, sind eingehalten worden. Das ändert aber nichts daran, dass das gemeinsame SSU-Investment heute voraussichtlich einen Totalverlust für alle Beteiligten darstellt.

Wie geht es nun weiter? Haben Sie ein Interesse, Internetstores aus der Insolvenz zu übernehmen?

Es ist zu früh für konkrete Antworten. Internetstores war Weltmarktführer im E-Commerce mit Fahrrädern. Es wäre bitter, wenn das früher erfolgreichste Unternehmen in diesem Markt sein Potenzial nicht ausschöpfen könnte. Kunden, Mitarbeiter und Investoren haben eine erfolgreiche Entwicklung verdient.

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