Fahrtraining in Stuttgart Mit dem Schneepflug durch den Slalomkurs

Bei der Fahrt zwischen den Pylonen wird der Einsatz in engen Wohnstraßen simuliert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Sie räumen die Straßen in Stuttgart im Winter von Eis- und Schnee frei. Doch für die Handhabung der Streufahrzeuge benötigen die Fahrer großes Geschick. Übung macht daher den Meister – auch mitten im Sommer.

Der Sommer hat Stuttgart noch fest im Griff, doch bei der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) drehen sich die Gedanken bereits um Schnee, Eis und Matsch. Im Neckarpark haben 108 Fahrerinnen und Fahrer den Umgang mit Streu- und Räumfahrzeugen trainiert, um für den Winter gerüstet zu sein. Denn die Aufgabe erfordert großes Geschick.

 

Kräftig kurbelt Adem Yürekli am Lenkrad. Schließlich ist es nicht leicht, den rund drei Meter breiten Streuwagen durch den engen Slalomkurs zwischen den Pylonen im Neckarpark gegenüber der Porsche-Arena zu manövrieren. Der 53-Jährige ist geübt, schließlich geht er bereits in seinen fünften Winter als Fahrer bei der AWS, dennoch ist er froh über die Schulung: „Nach rund sechs Monaten Pause muss man sich erst wieder daran gewöhnen.“ Neben dem Blick auf den Verkehr und Passanten, sind es vor allem die „engen, steilen Straßen in Stuttgart, die das größte Problem darstellen“, weiß Yürekli aus Erfahrung.

Der Pflug ist für den Fahrer nicht einsehbar

Der überbreite Pflug ist aus der Fahrerkabine gar nicht einzusehen, als Orientierung dienen die Fähnchen an den Rändern. Zudem ist ein Spiegel an der Motorhaube angebracht, der die Vorderfront des Fahrzeugs abdeckt. „Er dient auch zum Erkennen von Radfahrern“, weiß Anna Bauer. Die AWS-Fahrerin hat die praktische Übung konzipiert, die die tägliche Praxis nachahmt. Der Slalom simuliert die Fahrt durch schmale Anliegerstraßen, im Anschluss müssen die Mitarbeiter eine Mülltone mit dem Pflug schieben. „Schnee- und Eisglätte können wir eben nicht nachahmen“, lacht Bauer. Zum Abschluss gilt es, das Räumfahrzeug auf einer abgesteckten Fläche zu wenden. „Das kommt auch im Alltag häufig vor.“

Organisator Thomas Weber ist für den theoretischen Teil der Schulung verantwortlich. „Wir gehen vor allem auf Arbeits- und Verkehrssicherheit ein.“ Schließlich kann ein einziges Räumfahrzeug bis zu vier Tonnen Streusalz und Sole laden. Natürlich werden auch die neuesten Verordnungs- und Gesetzesänderungen erläutert. Eine davon besagt, dass Berufskraftfahrer jedes Jahr mindestens fünf Tage an einer Fortbildung teilnehmen müssen. Umso erfreuter ist man bei der AWS, dass das interne Training nunmehr als offizielle Weiterbildungsmaßnahme vom Verkehrsministerium Baden-Württemberg anerkannt wurde.

Mit einer Hand muss ständig das Streumodul bedient werden

Und die Fortbildung ist auch dringend notwendig. Zwar ist die Steuerung bei den Fahrzeugen die gleiche wie im Sommer, zum Beispiel, wenn die Lastwagen als Gießfahrzeuge im Einsatz sind. Hinzu kommt aber eben noch die aufwendige Bedienung des „Streumoduls“ oberhalb der üblichen Mittelkonsole. „Man hat fast immer eine Hand an den Knöpfen“, erklärt Yürekli. Denn je nach Wetterlage muss der Fahrer schnell reagieren, zum Beispiel die genaue Grammzahl des Streusalzes festlegen. Ob lediglich rechts oder auch links gestreut wird und wie viel Sole beigemischt oder darauf verzichtet wird. Mit einem kleinen Joystick wird der 800 Kilogramm schwere Pflug gesteuert. Je nach Schneemenge und -beschaffenheit muss dieser verändert werden. Im Normalfall wird die weiße Pracht an den rechten Straßenrand geschoben, „aber auf Höhe jeder Abbiegespur muss er umgestellt werden“, weiß Fahrtrainer Michael Schütte, der für die Schulung am Modul verantwortlich ist. Vergleichbar sei es mit einer Arbeitsmaschine wie etwa einem Bagger, „nur sind wir mitten im fließenden Verkehr im Einsatz“.

Probefahrten in ganz Stuttgart im Oktober

Hinzu kommen meist erschwerte Bedingungen. „Im Winter wird es in der Regel nachts kalt, dann sind wir im Einsatz“, erklärt Schütte. Neben Eis- und Schneeglätte, den engen Straßen sowie dem Verkehr, spiegelt die weiße Pracht auch die rundum angebrachten Warnleuchten wider. Gleichzeitig muss auch noch das Modul bedient werden. „Jeder muss daher multitaskingfähig sein“, betont der erfahrene AWS-Mitarbeiter. Das Fahrtraining im Sommer sei dafür ein wichtiger Baustein.

Aber nicht nur im Neckarpark sind die orange-farbenen Laster bereits jetzt wieder im Einsatz. Auch im gesamten Stadtgebiet müssen sich die Stuttgarter ab 1. Oktober nicht wundern, wenn sie einen Streuwagen mit Pflug bei spätsommerlichen Temperaturen sehen. „Die Mitarbeiter fahren die Straßen ab, um eventuelle Engstellen zu erkennen und die Routen kennen zu lernen“, erklärt AWS-Pressesprecherin Andrea Schlepper. Zudem sollen sie sich auch noch weiter an den Straßenverkehr und das Navigationsgerät gewöhnen. Um für den Ernstfall dann im Winter gerüstet zu sein.

Streudienst in Stuttgart

Straßennetz
Das Stuttgarter Straßennetz umfasst rund 1415 Kilometer, rund 930 Kilometer halten die Mitarbeiter der AWS von Eis und Schnee frei. Nicht jeder Weg in Stuttgart wird geräumt. Im vergangenen Winter waren sie an 35 Tagen im Einsatz, an zusätzlichen Tagen fanden Kontrollfahrten statt.

Streugut
Die Streulager der AWS fassen rund 28 000 Tonnen Salz, rund 200 000 Liter Sole und zehn Tonnen Split. Die Sole wird benötigt, um die Tauwirkung des Streusalzes zu erhöhen. Im vergangenen Winter wurden 2375 Tonnen Salz in Stuttgart gestreut.

Einsatz
Bei der Einsatzplanung gibt es eine klare Reihenfolge. Zuerst werden die Straßen der Kategorie A wie die Haupteinfallstraßen geräumt. Unter die Kategorie B fallen dann zum Beispiel Industriegebiete und Busspuren. Erst danach kommen unter Kategorie C steile Wohnstraßen mit mehr als fünf Prozent Gefälle an die Reihe.

Weitere Themen