Am Freitag, 29. September, feiert sich die Stadt Stuttgart selbst. Dafür, dass sie sich seit zehn Jahren Fairtrade-Town nennen darf. Die Gästeliste ist prominent besetzt: Zwar fehlt der Name von OB Frank Nopper, aber die Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann will ein Grußwort sprechen, und von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir ist eine Online-Botschaft geplant. Mit dabei sein wird zudem Margret Eder – als Teilnehmerin auf dem Podium. Die drei Minuten, die ihr in diesem Rahmen für einen Redebeitrag in Aussicht gestellt wurden, will sie für kritische Worte nutzen, sagt sie ein paar Tage vorher.
Margret Eder, ehemals Geschäftsführerin des Weltladens am Charlottenplatz und ein Urgestein in der Bewegung, findet die „Jubelfeier“ anlässlich zehn Jahre Fairtrade-Town in Stuttgart überzogen. Aus ihrer Sicht haben der faire Handel und die Landeshauptstadt in den zehn Jahren nicht in der gebotenen Konsequenz zueinander gefunden. Kurze Wege zur Stadtverwaltung fehlten, sagt die 68-jährige Stuttgarterin. „Ich würde mir wünschen, dass von der Aufbruchsstimmung von vor zehn Jahren wieder mehr zu spüren wäre.“
Zwar seien de facto 21 der 23 Bezirke und die Gesamtstadt ausgezeichnet; allerdings findet sie die Kontrollen, ob dies auch entsprechend gelebt werde, „schlapp“, sagt sie. Die Hürden seien niedrig, die Bezirke unterschiedlich stark engagiert. Aber auch im Stuttgarter Rathaus sieht sie „viel Luft nach oben“. Inzwischen sei man für Sitzungen auf Hochland-Kaffee umgestiegen. Der sei zwar in gewisser Hinsicht regional, weil der Sitz in Degerloch ist, aber eben nicht zertifiziert. Oder ihr „Lieblingsbeispiel“, wie Eder sagt: „Warum wird im Rathaus Coca Cola ausgeschenkt?“ Bei Sitzungen der Stadträte steht unter anderem die braune Brause des Getränkegiganten bereit. Das sei halbherzig.
Das sind die Kriterien für das Siegel
Zu den Kriterien für das Siegel gehört: Die Fairtrade-Towns müssen nachweisen, dass sie in allen Sitzungen des Rats und dessen Ausschüssen fairen Kaffee und ein weiteres Fairtrade-Getränk anbieten, erklärt Kristina Klecko von Fairtrade Deutschland. Was sonst auf dem Getränketisch stehe, „fragen wir nicht ab“. Die Cola-Frage will sie nicht bewerten, sagt aber allgemein: „Man erwartet schon, dass die Städte, die diesen Weg gehen, ein gesteigertes Bewusstsein entwickeln.“
Eine klare Position zur Coke im Rathaus hat Karin Kausch: „Das gehört da nicht hin.“ Sie ist in Birkach und Plieningen in der Steuerungsgruppe, die Bezirke sind seit zehn Jahren ausgezeichnet. Aus einer neuen städtischen Broschüre zu Fairtrade liest Kausch viel Eigenlob heraus. „Wenn man sich so lobt, muss man schon mehr darauf achten.“ Daher kann sie Margret Eders Kritik verstehen.
Das mit dem Kaffee stimme, sagt die Stadt Stuttgart auf Nachfrage. Hochland sei nicht zertifiziert, „beschafft aber den Rohkaffee ausschließlich aus nachhaltigem Anbau“. Und die Cola sei ein Kompromiss: „Die Abschaffung wurde unter den Gemeinderätinnen und -räten kontrovers diskutiert“, so der Stadtsprecher. „Es erfolgte ein Kompromiss, dass nur noch Cola/light/zero ausgeschenkt, auf Fanta verzichtet und Seezüngle mit in das Angebot aufgenommen wird.“ Ziel der Stadt sei es, „kontinuierlich die nachhaltige Beschaffung und damit auch die faire Beschaffung weiter auszubauen“.