Fall Winterbach In Wutanfall Opfer geschlagen und getreten

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Im Fall des fremdenfeindlichen Anschlags von Winterbach räumt ein Angeklagter seine Beteiligung ein. Bereits im ersten Prozess vor einem halben Jahr hatten zwei junge Männer gestanden, auf junge Migranten eingeprügelt zu haben.

Zum Prozessauftakt gibt es vor dem Gericht eine Demo gegen rechte Gewalt. Foto: Rudel
Zum Prozessauftakt gibt es vor dem Gericht eine Demo gegen rechte Gewalt. Foto: Rudel

Winterbach/Stuttgart - Mit einer Überraschung hat am Mittwoch am Landgericht in Stuttgart der zweite Prozess um eine Hetzjagd und einen Brandanschlag im April 2011 in Winterbach (Rems-Murr-Kreis) auf eine Gruppe junger Migranten begonnen. Einer der zwölf Angeklagten räumte gleich zu Beginn der Verhandlung den Vorwurf der Staatsanwaltschaft ein, dass er einen der neun Geschädigten geschlagen und auf ihn eingetreten habe.

Der 24-Jährige erklärte, dass er selbst als Teilnehmer einer Geburtstagsfeier, die sich aus 70 Gästen aus der rechten Szene zusammengesetzt hat, kurz vor seiner Attacke von einem anderen Migranten wegen seiner Gesinnung beschimpft und geschlagen worden sei. Das Opfer selbst wiederum habe ihn zuvor ebenfalls wegen seiner Teilnahme an der Party beleidigt.

Weitere Teilgeständnisse erwartet

„Ich war in einem Wutrausch“, sagte der Mann. Und er brachte die Namen von weiteren Angeklagten ins Spiel, die sich eventuell auch an Schlägen beteiligt hatten.

Ob diese vier jungen Männer die Vorwürfe ebenfalls einräumen oder abstreiten, ist offen. Sie sollen im Prozess erst später aussagen. Das Urteil ist für Anfang 2013 vorgesehen. Wie zu erfahren war, wollen aber offenbar mehrere Angeklagte zuvor zumindest Teilgeständnisse ablegen.

Zehn Mitglieder der rechten Szene sollen in der Nacht zum 10. April 2011 auf dem Engelberg eine Hetzjagd auf eine Gruppe junger Migranten betrieben haben. Dabei ging zudem eine Laube in Flammen auf, in der sich fünf Gäste der Grillparty vor der Attacke in Sicherheit wähnten. Der Brandstifter ist unbekannt. Im letzten Moment konnten die Männer dem Feuer entkommen. Durch die Schläge der Rechten wurden neun Migranten verletzt.

Zwei Täter sind bereits zu Haftstrafen verurteilt worden

Zwei Täter waren bereits Ende März wegen gefährlicher Körperverletzung zu Haftstrafen von je zwei Jahren und fünf Monaten verurteilt worden. Sie hatten ihre Schläge bei der Attacke lange abgestritten, schließlich aber eingeräumt.

Die Ermittler tappten lange Zeit im Dunkeln. Erst spät gerieten weitere Tatverdächtige ins Visier. Die Polizei hörte zahlreiche Handygespräche der jungen Männer ab, durchsuchte Wohnungen und weitete die Vernehmungen von Verdächtigen und Zeugen aus. Eine Schlüsselrolle spielte dabei auch der Verlauf des ersten Winterbach-Prozesses, bei dem ein 21- und ein 22-Jähriger verurteilt wurden. Denn dabei bekamen die Richter auch abenteuerliche Zeugenaussagen zu hören – etwa die einer jungen Frau, die erklärte, dass sie einige Beteiligte decke, andere aber nicht.

Anstiftung: „Haut den Kanaken aufs Maul!“

Seit Mittwoch müssen sich nun zwölf Angeklagte aus dem Raum Stuttgart, aus Rottweil und aus dem Saarland wegen des Winterbach-Falls vor dem Landgericht verantworten. Acht von ihnen sitzen wegen des Vorwurfs der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung seit Monaten in Untersuchungshaft. Zwei weitere Angeklagte sollen die jungen Männer im Alter von heute 18 bis 37 Jahren zu dem Übergriff angestiftet haben – unter anderem mit Rufen wie „Haut den Kanaken aufs Maul!“.

Drei Männer sollen im ersten Prozess falsche Zeugenaussagen gemacht haben, um Beteiligte zu decken. Und einer Frau wird vorgeworfen, bei der Polizei für ein Alibi gelogen zu haben, so dass die Ermittler ein Strafverfahren gegen einen anderen Angeklagten zunächst eingestellt hatten.

Sicherheitskontrollen vor dem Gerichtssaal

Bei dem Prozess gelten strenge Sicherheitsregeln. Alle Zuhörer müssen ihre Taschen abgeben, ähnlich wie an Flughäfen eine Metallschleuse passieren und Leibesvisitationen über sich ergehen lassen.

Zum Prozessauftakt demonstrierten etwa 20 Teilnehmer der Initiative „Rems-Murr nazifrei“ vor dem Gericht gegen Rechtsextremismus. Seit Jahren gebe es dort in der „faschistischen Szene eine gewalttätige Entwicklung“, so ein Veranstalter. So sollen Mitglieder der rechten Szene Opfer nach der Tat eingeschüchtert haben.

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