Falsch verstandene Tierliebe Tödliches Füttern an Stuttgarts Gewässern

Zu weit unten: Deshalb werden solche Verbotsschilder nicht beachtet, meinen Heinz Möller und seine Gattin Dagmar. Foto: Eva Funke

Immer wieder ist in Stuttgart zu beobachten, wie Enten und andere Wasservögel vom Ufer aus gefüttert werden. Eine falsch verstandene Tierliebe, welche die Tiere krank macht und sie das Leben kosten kann.

Kaum stehen Passanten am Ufer des Feuersees, schwimmen Enten und Schwäne auf sie zu. Sie sind es längst gewöhnt, dass dann Futter im See landet. Und tatsächlich: Vier Japanerinnen zerbröseln ihre Brezeln, werfen die Brocken ins Wasser – und machen Urlaubsfotos von der Szene. Doch nicht nur das Füttern von Tauben, sondern auch das Füttern von Wasservögeln ist per Rechtsverordnung des Gemeinderats in Stuttgart untersagt worden. Das wussten die Japanerinnen allerdings nicht. Die Verbotsschilder haben sie übersehen. „Kein Wunder, die hängen zu weit unten am Geländer, auf Augenhöhe eines Fünfjährigen. Und die Piktogramme sind winzig klein,“ sagt Dagmar Wernecke-Möller. Die 85-Jährige und ihr Mann Heinz wohnen direkt am Feuersee und beobachten täglich, wie das Fütterverbot missachtet wird. „Die Leute kommen nicht nur mit Tüten voll Brot und Füttern die Tiere. Sie werfen auch Küchenabfälle in den See“, klagt Heinz Möller. Er und seine Frau sehen dadurch vor allem das Tierwohl gefährdet: „Nicht artgerechtes Futter macht Enten und Schwäne krank. Außerdem zieht es auch Ratten an“, sagt Wernecke-Möller.

 

Wo Wasservögel sind, wird auch gefüttert

Missachtet wird das Fütterverbot nicht nur am Feuersee, sondern überall dort, wo sich Enten und Schwäne im Wasser tummeln. „Vor allem am Max-Eyth-See, bei den Wasserflächen im Schlosspark und im Höhenpark Killesberg ist das der Fall“, stellt Stefan Praegert vom Amt für öffentliche Ordnung fest, und er bestätigt, dass das Füttern den Tieren mehr schadet als nutzt. Das Brot quillt im Magen auf. Außerdem kann es giftigen Schimmel enthalten. Beides kann zum Tod der Tiere führen. Das Brot macht zwar satt, enthält aber keine Nährstoffe. Noch Schlimmer ist das Füttern mit Pommes und Co. sowie mit Küchenabfällen. „Und vor allem ist das Füttern völlig überflüssig“, sagt Praegert, „denn alles, was die Enten, Gänse und Schwäne brauchen, finden sie in ihrem Lebensraum.“ Dazu gehören Algen, Wasserpflanzen, Früchte und Samen. Außerdem, so Praegert, verlieren die Tiere durch das Anfüttern ihre Scheu vor den Menschen, verlassen die geschützten Lebensräume und werden zur Beute von Katzen, Füchsen und Hunden, weil sie zu weit weg vom Wasser sind, das ihnen Schutz vor ihren Feinden bietet. Oder sie werden überfahren.

Ein weiteres Problem durchs Fütter: Die Tiere vermehren sich zu stark. Durch ihre Ausscheidungen veralgen Teiche und Seen - und das wiederum führt zu Fischsterben. Die Wasservögelpopulation in Stuttgart sei völlig ausreichend, stellt Praegert fest, und er bestätigt, dass zurückgelassenes Futter Ratten anzieht. Praegert: „Man tut mit der Fütterei also nichts Gutes.“

Angefütterte Enten sind leichte Beute für Raubtiere

Wer dennoch füttert, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einem Bußgeld rechnen. Das beginnt bei 35 Euro und kann theoretisch bis 5000 Euro hochschnellen. In der Regel endet es jedoch bei 150 Euro. Pro Jahr werden laut Praegert etwa 150 Bußgeldbescheide wegen Missachtung des Fütterverbots erlassen. Was die Sichtbarkeit der Verbotsschilder angeht, will das Ordnungsamt jetzt prüfen, ob sie am Feuersee besser platziert werden können.

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