Familie aus Bad Rappenau bangt Seit neun Monaten verschwunden – dementer Vater verzweifelt gesucht

Wer hat Nuh Pektas gesehen? Foto: Priva/t

Am 11. Juli ist Nuh Pektas, an Demenz und Diabetes erkrankt, aus einer Tagespflege in Bad Rappenau weggelaufen. Die Familie hat die Suche bis heute nicht aufgegeben. Die Ungewissheit, was aus dem heute 80-Jährigen geworden ist, belastet sie immens.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Ahcik Gündüz denkt jeden Tag an ihren Vater. Jeden Tag fragt sie sich, wo er nur sein kann. Und ob er noch lebt. Es ist vor allem die Ungewissheit, die ihr zusetzt. Denn seit neun Monaten fehlt von Nuh Pektas jede Spur. Am 11. Juli ist der an Demenz erkrankte damals noch 79-Jährige aus der Tagespflege eines Seniorenstifts in Bad Rappenau (Kreis Heilbronn) weggelaufen – und nie mehr aufgetaucht. „Wir wissen nicht, wie wir das verarbeiten sollen“, sagt Ahcik Gündüz und spricht damit für die gesamte Familie.

 

Sie ist die letzte ihrer Angehörigen, die den Vater lebend gesehen hat. Ahcik Gündüz war an dem schicksalhaften Dienstag im Juli morgens zu ihren Eltern gefahren, um Nuh Pektas fertig zu machen für die Tagespflege. Ihre Mutter musste früh zur Dialyse. Also hat sie ihren Vater angezogen und ihm den Kaffee gereicht. Frühstücken würde er dann in der Tagespflege. Sie weiß noch, wie unruhig und verwirrt er gewesen sei an dem Morgen. Er habe nicht in den Kleinbus steigen wollen, der ihn zum Seniorenstift bringt. Er wolle nach Hause, in die Heimat, habe er gesagt, mal wieder. Sie versuchte, ihn zu beruhigen, begleitete ihn zum Fahrdienst. „Und das war’s“, sagt die 51-Jährige. Was danach folgt, ist für sie nur noch Ungewissheit.

5000 Euro Belohnung für einen Hinweis, der zum Vermissten führt

Ahcik Gündüz bricht immer wieder in Tränen aus, während sie erzählt. Wie ihr Handy um 11.26 Uhr klingelte und die Tagespflege dran war, um zu berichten, dass ihr Vater seit einer Stunde verschwunden sei. Die Polizei leitete eine umfangreiche Suchaktion ein. Der Hubschrauber flog über Bad Rappenau, Suchhunde durchkämmten ein Waldgebiet. Doch Nuh Pektas blieb wie vom Erdboden verschluckt. Auch die Familienmitglieder konnten ihn nicht ausmachen. Sie fuhren die Straßen ab. „Es war so heiß an dem Tag“, sagt Ahcik Gündüz mit erstickter Stimme. Er könne doch eigentlich nicht weit gekommen sein, so verwirrt, orientierungslos und schlecht zu Fuß wie er war.

Nun ist schon so viel Zeit vergangen. Neun Monate, in denen die Familie jedem Hinweis nachgegangen, auch weite Strecken gefahren ist. Sie haben Obdachlosenheime und Klöster abtelefoniert, Anzeigen geschaltet, Interviews gegeben. Doch bisher lief alles ins Leere. Die Belohnung über 5000 Euro, die sie ausgesetzt haben, für einen Hinweis, der zu seinem Auffinden führt, konnten sie niemandem überweisen. Weder in Mannheim, noch in Frankfurt, wo er angeblich gesichtet worden sein soll, konnten die vier Geschwister, Angehörige und Freunde ihn ausfindig machen. Sie haben unzählige Flugblätter aufgehängt – die meisten hängen nicht mehr, wurden abgerissen.

Nach zwölf Monaten ohne Lebenszeichen wird man als tot erklärt

Ahcik Gündüz gibt die Hoffnung nicht auf, so unwahrscheinlich es sein mag, dass ihr Vater noch lebt. Zumal er als Diabetiker auf sein Insulin angewiesen gewesen ist. Doch solange er nicht gefunden wurde, ist er für sie und ihre Geschwister auch nicht gestorben: „In meinem Herzen lebt er noch“, betont sie. Woran sie sich klammert: Drei Spürhunde seien unabhängig voneinander Richtung Bahnhof gelaufen. Natürlich sei die Polizei dem nachgegangen – ebenfalls ohne Erfolg. Aber vielleicht, meint Ahcik Gündüz, hat er es ja doch irgendwie geschafft, mit dem Zug wegzufahren und irgendwie nach Stuttgart zu kommen. Denn vom dortigen Flughafen aus, sei er immer in die Heimat aufgebrochen. „Den Flughafen hat er nicht vergessen“, ist sie sich sicher.

Am 1. März ist der Geburtstag ihres Vaters gewesen. Sein Achtzigster, den sie nicht gemeinsam feiern konnten. Der Bürgermeister sei sogar vorbeigekommen, um sein Mitgefühl zu zeigen. Vor allem ihrer Mutter setze das Ganze zu, sie habe seither stark abgebaut. Aber wie solle man mit so etwas auch zurechtkommen. „Die Wunde geht nicht zu, solange wir mit der Ungewissheit leben müssen“, sagt Ahcik Gündüz. Die Zeit verrinnt unerbittlich. Nach zwölf Monaten ohne Lebenszeichen wird ihr Vater von den Behörden offiziell als tot erklärt werden. „Nach einem Jahr ist alles aus“, sagt die Tochter verzweifelt. Sie hofft, dass sich vielleicht durch den Zeitungsartikel doch noch etwas tut. Auch jede Kleinigkeit könnte wichtig sein, bittet sie noch mal um Aufmerksamkeit.

Hinweise erbittet die Familie unter den Telefonnummern 01 52 / 10 29 20 45 oder 01 57 / 5 776 99 35.

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